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Edle Maßschuhe: Luxus an den Hacken

Foto: Andreas Lörcher, Freiburg

Edel-Schuhmacher Patrick Frei: Haute Couture am Fuß Warum diese Schuhe 4000 Euro kosten

Hier soll es Schuhe für mehrere tausend Euro pro Paar geben? Der Gewerbehof im Freiburger Stadtteil Stühlinger macht eher den Eindruck einer betont alternativen Low-Budget-Location: Im Café muss man sich den Kaffee selbst an der Theke holen, nebenan spielt das Off-Theater "Die Immoralisten" das Eine-Frau-geht-ihren-Weg-Drama "Die kleinen Füchse", es gibt eine Obdachlosen-Anlaufstelle, einen Antikmöbeltrödler, ein paar Künstler, einen Fahrradspezialisten - und dann ist da noch: Schuhmacher Patrick Frei .

Die Kunden für seine feinen Maßschuhe fahren gerne auch mal mit Edelkarossen auf dem alternativen Pflaster vor - und genießen das Ambiente, das vor Authentizität strotzt. Das gibt es schließlich gratis. Die Schuhe hingegen kosten ordentlich: ab 1800 Euro aufwärts, durchschnittlich gibt man 2500 bis 3000 Euro aus.

Allerdings steckt auch viel Arbeit darin. 80 bis 100 Stunden und mehrere hundert Arbeitsschritte pro Paar braucht Frei nach eigenem Bekunden pro Paar. Inklusive Probeschuh, damit der Kunde, bevor es an die Fertigung der eigentlichen Fußbekleidung geht, Sitz, Design und Passform prüfen kann. "Maßschuhe kaufen ist nicht einfach Konsum. Man hat viele Termine und muss viele Entscheidungen treffen."

Goldmedaille für ein Paar Herrenschuhe

Die Leisten schnitzt Frei selbst, ebenso die passenden Schuhspanner für jedes einzelne Paar; er stellt sogar den Pechfaden für die Rahmennaht aus Hanf und Flachsfasern selbst her. Diese Fertigungstiefe haben nur ganz wenige Maßschuhmacher in Deutschland. Die Branche würdigt Freis Können: Beim internationalen Leistungswettbewerb im Rahmen der weltgrößten Schuhmacher-Fachmesse ISS gewann er in diesem Jahr eine Goldmedaille für ein Paar seiner rahmengenähten Herrenschuhe.

Frei hat das Grundgesetz des Luxusgeschäfts verstanden: Verknappung macht Kostbares noch kostbarer. Wer ein Paar bestellt, muss rund ein Jahr darauf warten. Bei der Auswahl hilft Frei gerne. "Ich mache es immer so, dass der Schuh gut zum Menschen passt. Ich würde nie einem kleinen korpulenten Mann einen langen schlanken Schuh machen. Zu einem kantigen Kinn passt ein kantiger Schuh; dunkelblaue Details harmonieren mit dunkelblauen Augen."

"Biografische Schuhe" für Künstlerseelen

Die meisten Kunden sind Männer: "Frauen haben lieber viele verschiedene Schuhe, scheuen aber Kosten und Wartezeiten für Maßschuhe. Selbst modebewusste Männer haben gern nur wenige Paar Schuhe - und dann ihre Ruhe. Nach zwei bis drei Paar sind sie zufrieden, dass sie adäquat ausgestattet sind." 15 bis 20 Jahre könne der Schuh dann halten, wenn die Sohlen einmal im Jahr ausgetauscht würden.

Der Schuhmacher selbst trägt allerdings nicht immer eigene Modelle, sondern sitzt auch mal in lässigen Adidas-Tretern auf dem Schemel. "Jahrelang habe ich nur selbstgefertigte Schuhe getragen als Antwort auf die Frage 'Wer bist du?'. Dann habe ich mir den 'Samba'-Schuh einfach gekauft." Frei war nach der Schule Jongleur und radelte durch Südamerika, lernte einen Koffermacher kennen, arbeitete bei ihm - und vertiefte, zurück in Europa, seine Kenntnisse bei etlichen Maßschuhmachern.

In Freis Werkstatt gibt es außer den Adidas-Schuhen nicht vieles, das sie im 21. Jahrhundert verorten würde. Fachbücher liegen herum, kaum eines jünger als 100 Jahre. Für den 34 Jahre alten Frei relevanter als moderne Publikationen, weil er gerne mit den alten Techniken aus der großen Zeit der Maßschuhmacherei um 1900 arbeitet. Sein großes Vorbild ist der Schuhmacher Pietro Yantorny (1874 - 1936), der sich selbst als "teuersten Schuhmacher der Welt" bezeichnete, seinen vermögenden Kundinnen 25.000 Francs für ein Paar Maßschuhe abknöpfte - und der als Material gerne Extravaganzen wie Kolibrifedern verwendete. Einfach, weil er es konnte.

"Biografische Schuhe" für Künstlerseelen

Freis Schuhträume sind dann doch etwas bodenständiger. Wie das Paar Krokoschuhe, für das ein Kunde rund 4000 Euro berappte: Dafür wählte der ehemalige Veganer Frei die Häute zweier Kaiman-Geschwister, damit der Schuppenverlauf möglichst ähnlich war - und er sich beim Zuschnitt für beide Schuhe an genau diesem Verlauf orientieren konnte.

Derzeit experimentiert er mit ganz neuen Techniken. So etwa spannte er ein Lederstück auf einer morastigen Wiese über einen umgefallenen Baum und kopierte dessen Struktur immer wieder durch, trug Farbe auf, schliff sie ab - bis schließlich dezente Strukturen entstanden waren, "eine total einmalige Patina".

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Am liebsten würde er "biografische Schuhe" fertigen, sagt Frei. Etwa für jemanden, der New York liebt, das Leder an einem diesigen Morgen an einem New Yorker Zebrastreifen immer wieder von Taxis überfahren lassen, um das Grelle und Dreckige der Stadt einzufangen. Oder es bei der Berlinale unter den roten Teppich legen, auf dass Stars und Sternchen darüber schreiten, bevor es an den Fuß des Trägers gelangt. Oder es einem Sherpa auf dessen Bergtouren mitgeben. Solche Sachen.

"Ein Schuh ist nicht nur ein Konsumgegenstand, sondern ein Begleiter", findet Frei, "man muss Tränen vergießen, wenn der einem im Zug geklaut wird. Und das nicht nur, weil das Lieblingsgedicht ins Futter eingearbeitet ist."

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