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Was macht eigentlich Qualität aus? Was bin ich, und wenn ja, wie gut?

Qualität ist uns nicht nur beim Kauf von Produkten wichtig. In fast allem, was wir tun, spielt das Streben nach herausragender Güte eine Rolle. Warum ist das so?
Von Greta Lührs

Was macht Qualität aus? Achten Sie auf Qualität? Vielleicht bei gutem Essen, einem feindestillierten Whisky oder beim Matratzenkauf? Qualität ist ein Versprechen, eine Auszeichnung für Wertigkeit und Verlässlichkeit.

Über schlechte Qualität kann man sich richtig ärgern, und trotzdem kaufen viele haufenweise billiges Zeug, das nach kurzem Gebrauch als Plastikmüll im Meer treibt. Gleichzeitig erleben hochwertige Manufakturbetriebe derzeit wieder einen Aufschwung. Und Projekte wie die komplizierteste Taschenuhr der Welt oder der perfekte Mantel ziehen uns in den Bann.

Das Streben nach Qualität bringt nicht nur immer bessere Produkte hervor, sondern dient uns selbst als Maßstab für unser Tun. Aber was ist Qualität überhaupt, und wieso ist sie uns so wichtig?

Qualität bedeutet so viel wie "Beschaffenheit". Die Qualität sagt also etwas darüber aus, wie etwas ist. Philosophisch relevant wird der Begriff spätestens in Aristoteles' Kategorienschrift. Darin stellt er zehn Kategorien vor, die zur allgemeinen Klassifizierung von Dingen dienen und es ermöglichen sollen, logische Aussagen über die Welt zu treffen. Aristoteles unterscheidet dabei zwischen akzidenziellen und zugrundeliegenden Kategorien.

Qualität ist erst einmal nur eine Beschreibung

Letztere zeichnen sich dadurch aus, dass sie für das zu beschreibende Ding wesentlich sind. Solch eine ist die oberste Kategorie der "Substanz", die sich auf die Gattung bezieht - wie zum Beispiel "Mensch". Ein Mensch ist demnach allem voran ein Mensch, und das ändert sich auch nicht. Es ist für sein Sein wesentlich, nicht von ihm abtrennbar, und darum geht die oberste Kategorie allen anderen variablen Eigenschaften voraus.

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Die folgenden Kategorien fragen dann nach akzidenziellen Merkmalen wie Farbe, Größe oder Intelligenz. Qualität ist eine der akzidenziellen Kategorien und dient vor allem der näheren Beschreibung, durch die sich unterschiedliche Dinge voneinander unterscheiden lassen.

Wenn wir von Qualität sprechen, meinen wir aber meist nicht nur, dass etwas eine bestimmte Beschaffenheit hat, sondern wir verwenden den Begriff normativ, als Werturteil für besonders gute Qualität. Aristoteles hatte selbst genaue Vorstellungen davon, was ein Gut ist. In seiner "Nikomachischen Ethik" bringt er die These vor, dass alles Handeln letztendlich zum besten Ergebnis strebt. Das Gute bezeichnet er daher als "Endziel", dem alle anderen Ziele untergeordnet sind. Der Tischler möchte nicht nur einen Tisch bauen, sondern einen guten, womöglich den besten Tisch.

Doch was macht einen guten Tisch aus? Wie erkennt man gute Qualität? Zunächst gibt es das ziemlich eindeutige Merkmal der Funktionalität: Ein Tisch hat, genau wie jeder Gegenstand, eine bestimmte Funktion. Man möchte etwas darauf ablegen, daran sitzen, essen oder arbeiten. Kippelt der Tisch, ist er zu niedrig, zu hoch oder gar schief, bewerten wir ihn wohl kaum als guten Tisch. Etwas, das seine Funktion nicht erfüllt, verdient das Prädikat "gut" einfach nicht.

Wir wollen das Herzblut des Tischlers, die Hingabe des Winzers mitkaufen

Das reicht aber noch nicht für eine Bestimmung der Qualität. Kaufen wir einen Tisch, der toll aussieht, gerade steht, nicht wackelt, aber leider nach einer Woche zusammenbricht, so war er offenbar von minderer Qualität. Langlebigkeit kann demnach auch ein guter Indikator für Qualität sein. Der Nachteil daran ist, dass sich diese erst im Laufe der Zeit zeigt. Man ist also auch auf das Qualitätsurteil anderer angewiesen. Darum ist es für Unternehmen unerlässlich, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen und nicht wieder zu verspielen - gute Qualität muss Kontinuität aufweisen.

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Allerdings hängt es maßgeblich von dem jeweiligen Gegenstand ab, welche Merkmale ihn als qualitativ auszeichnen. Oft spielt auch der Fertigungsprozess eine Rolle.Eine kunstvolle Schnitzerei bestaunen wir vielleicht als handgearbeitete Spitzenqualität, finden wir dann aber heraus, dass es sich um eine maschinelle Massenproduktion handelt, ziehen wir unser Urteil womöglich zurück.

Für einen Schraubendreher hingegen gilt das kaum. Dieser muss nicht handgefertigt sein, um von uns als Qualitätsschraubendreher angesehen zu werden. Bei ihm ist uns die Handhabung am wichtigsten. Es hängt also auch immer davon ab, welche Erwartung man einem Gegenstand gegenüber hegt.

Bei Dingen wie dem selbstgeschreinerten Tisch kaufen wir das Herzblut des Schreiners gleich mit, bei einem guten Wein die Hingabe des Winzers. Doch auch hier gilt: Je höher die Erwartungen sind, desto herber fällt die Enttäuschung aus, wenn die erhoffte Qualität nicht eingehalten wird.

Ein guter Traktor muss nicht mit einem Ferrari mithalten

Natürlich spielt auch das individuelle Geschmacksurteil eine Rolle, wenn wir Dinge bewerten. Doch Qualität ist ein Merkmal, das man, obwohl es ein positiver Begriff ist, auch Dingen zusprechen kann, die man gar nicht leiden kann.

Man kann die akkurate Schleifkunst, den tadellosen Stand, die besondere Holzverarbeitung des Tisches als qualitativ hochwertig erkennen, und trotzdem muss er einem nicht zwangsläufig gefallen. Vielleicht mag man einfach einen anderen Möbelstil oder ist kein Fan von Holzoptik. Qualität muss also immer in Relation bewertet werden: Ein guter Traktor bleibt auch dann ein guter Traktor, wenn er nicht mit einem Ferrari mithalten kann.

Wer auf Qualität achtet, nimmt auch in Kauf, dafür mehr Geld auszugeben, da er davon ausgeht, etwas Besseres zu bekommen als das Herkömmliche. Unter dem Vorwand "Qualität kostet" wird mitunter sogar Minderwertiges zu höheren Preisen verkauft - so machen sich die Hersteller die Erwartungshaltung der Kunden zum Vorteil.

Auf der anderen Seite erfordert eine aufwendigere Herstellung auch höhere Verkaufspreise. Qualität steht somit an der Schwelle zum Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Allerdings lohnt es sich gerade bei der Verbindung von Kosten und Qualität, genau hinzuschauen. Einerseits wird viel Blendwerk mit dem Qualitätsbegriff betrieben, andererseits aber kann sich eine etwas kostspieligere Ausgabe durchaus allein dadurch rechnen, dass man nicht nach kurzer Zeit etwas Neues anschaffen muss.

Es ist ein befriedigendes Gefühl, eine Sache gut zu machen

Dennoch geht es bei Qualität nicht nur um Produkte, die wir uns kaufen, sondern auch um das Erschaffen von Qualität. Wie es auch in der "Nikomachischen Ethik" von Aristoteles heißt, ist es für die meisten Menschen ein sehr befriedigendes Gefühl, eine Sache gut zu machen. Zu einem guten Leben gehört es laut Aristoteles unbedingt dazu, seine eigenen Talente entfalten zu können. Es ist ein tolles Gefühl, etwas zu können.

Und ein noch besseres, es richtig gut zu können. Doch nicht nur die Tätigkeit an sich treibt uns dazu an, immer weiter zu üben, sondern auch das Ergebnis. Ohne bestimmte Qualitätsmaßstäbe, die wir an ein Produkt legen, wüssten wir gar nicht, wann das Resultat wirklich gut ist.

Insofern stellt das Streben nach Qualität zwar einerseits einen Selbstzweck dar, der darin besteht, etwas gut auszuführen, andererseits braucht es Kriterien für die Qualität des Endproduktes, nach denen wir uns selbst bewerten können.

Den Gedanken von Aristoteles, dass es unsere Lebensqualität steigert, wenn wir etwas Qualitatives schaffen, hat der US-Soziologe Richard Sennett aufgegriffen und weitergeführt. In seinem Buch "Handwerk" bemängelt er den Niedergang von handwerklicher Qualitätsarbeit im neokapitalistischen Zeitalter.

Qualität als Ziel und Antrieb für all unser Tun

Seiner Ansicht nach müsse der moderne Arbeiter wieder dahin zurückfinden, seine Arbeit so gut wie möglich machen zu wollen, um ein glücklicheres Leben zu führen. Dafür muss nicht jeder einen handwerklichen Beruf erlernen. Sennett strebt eher das Arbeitsethos an, Qualität als Ziel und Antrieb für das eigene Tun zu sehen. Es braucht dafür eine Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Tätigkeit, die bei monotoner Fließbandarbeit oder stumpfem Knöpfe - drücken beispielsweise nicht gegeben ist.

Dennoch lässt sich Lebensqualität nicht so einfach bestimmen wie die Qualität eines Tisches oder Schraubendrehers. Was einen Menschen erfüllt, ist viel komplexer, als ein Kriterienkatalog einfangen könnte. Schon gegen die Vorstellung, uns selbst nach dem Aspekt der Funktionalität zu bewerten, sträubt sich etwas in uns. Das Streben nach Qualität ist zudem mitnichten auf die Arbeit beschränkt. Stellen Sie sich vor, Sie würden nur aus Spaß an der Freude ein Bild malen - würden Sie es nicht so gut wie möglich malen wollen? Wir geben uns offenbar gern Mühe und honorieren dies auch bei anderen.

Man könnte sogar meinen, Qualität sei uns heute wichtiger denn je. Wir begreifen sie immer öfter als Heilmittel gegen die Quantität. Uns interessiert, was hinter einem Produkt steckt, seine Geschichte, sein Schöpfer. Unsere Ansprüche und Erwartungen ändern sich mit der Zeit. Wir beziehen heute auch ethische und ökologische Faktoren mit ein, wenn wir die Qualität von etwas bewerten. Besonders beim Thema Ernährung behaupten immer mehr Menschen von sich, auf qualitativ hochwertiges Essen zu achten. Wir wollen einfach wissen, wie etwas ist, nicht nur, was es ist.

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