Fotostrecke

Patek Philippe: Hohe Handwerkskunst

Foto: Patek Philippe

Patek Philippe Arbeit an der Unsterblichkeit

Wenn ein Anbieter von Luxusuhren sich in ein Münchner Kunstmuseum traut, zeugt das von Selbstbewusstsein und Geschäftssinn gleichermaßen. Gezeigt werden aber auch handwerkliches Können und die spannende Geschichte der Zeitmessung.
Von Cornelia Knust

München - Wozu nach Genf fahren, wenn ein Abstecher in die Münchner Theatinerstraße reicht? Die betuchte Kundschaft dieser reichen Stadt muss heuer nicht zum Juwelier, um zu lernen, dass man liquide Mittel von mehreren zehn- bis hunderttausend Euro in eine Armbanduhr investieren kann. Sie muss nur in die Hypo-Kunsthalle nicht weit vom Marienplatz, wo normalerweise Expressionisten ausgestellt sind oder alte Meister - für zehn Tage im Oktober aber das Kunstwerk Uhr.

Drinnen: eine Kopie des cremefarbenen Stammhauses derer von Patek Philippe in der Genfer Rue du Rhone - samt Plüschsofa, Kronleuchter, Samtvitrine und Intarsientapete. Sogar der Blick auf den Genfer See mit der berühmten Wasserfontäne wird per Videowand animiert - gefilmt natürlich bei Sonne und nicht bei diesem herbstlichem Schmuddelwetter.

Die Scheichs waren schon zu Gast in dieser Kulisse. Denn in Dubai wurde die Ausstellung schon 2012 gegeben; 2015 soll sie in London stattfinden. Nicht um sofort etwas zu verkaufen, betreibe man diesen Aufwand, sondern um den Namen Patek Phlippe bekannter zu machen, sagt Seniorchef Philippe Stern. Sein Sohn Thierry, der heute die Geschäfte führt, sagt über sein Business: "Uhren braucht man heute nicht mehr, es geht nur um Emotionen".

Damit sie dieselben empfinden, dürfen die rund 40 Konzessionäre in Deutschland (450 weltweit) ausgewählte Kunden nach München schleusen. Ob diese Kunden damit auch erwählt sind, eine Uhr zu erwerben und mit welcher Wartezeit genau, ist nicht ausgemacht, verteilt Patek die nur 650 im Jahr produzierten Uhren doch nach eigenem Gutdünken im Händlernetz.

500 Uhren und jede Menge Komplikationen

Knappheit und Begehrlichkeit gehören zusammen. So regiert in der Münchner Ausstellung die schiere Fülle. Das stolze Familienunternehmen von 1839, das von Kennern für die hohe Qualität und den Werterhalt seiner Produkte bewundert wird, zeigt hier Hunderte von Uhren, in Gold oder Weißgold, mit und ohne Brillianten, für Damen, für Herren, mit all diesen Zusatzausstattungen, vornehm "Komplikationen" genannt, also Mondphasen, Sternkarten, Zeitstopper, Glockentöne und ewige Kalender.

Die braucht zwar kein Mensch, aber sie sind wegen der vorausgesetzten technischen Finesse gerne gewünscht. Auf Auktionen erzielen diese Meisterwerke der Uhrmacherkunst zuweilen Millionensummen, selbst wenn sie nicht einmal zwei Jahrzehnte alt sind. Gut, wenn sie auch noch jemandem gehört haben, der irgendwie wichtig war.

Über die Kosten für diese Ausstellung schweigt die Uhrenfirma, erst recht über die Versicherungssumme. Understatement gehört zum Markenkern. Man ist aber stolz, sogar die Sammler von Bavarica zu überraschen, hat man die Uhrmacher doch extra für die hiesige Ausstellung Objekte mit bayerischen Volktänzern, mit Pferdekutschen und Jagdszenen fertigen lassen.

Auch lebendiges Handwerk ist zu sehen: An Tischen sitzen Weißkittel und tief dekolletierte Damen mit Gummifingerlingen und lassen sich beim Zusammensetzen von Uhrwerken, beim Setzen von Juwelen, beim Gravieren oder Emaillieren von Gehäusen beobachten. Ohne Leute wie die Sterns wären sie alle arbeitslos oder hätten ihr Handwerk gar nicht erst erlernen können.

Genaue Uhren für den Welthandel

Philippe Stern, Ehrenpräsident von Patek Philippe, steht in der Abteilung "Historische Uhren" seiner Ausstellung und tut das, was er meistens tut: Ruhe ausstrahlen. "Leider ja", sagt er lächelnd: Die meisten der 2000 Uhren, die sein Genfer Uhrenmuseum zählt, habe er selbst bezahlt. Der alte Herr, dessen Familie die Firma Patek Philippe einst in der Weltwirtschaftskrise übernommen hat, ist großer Sammler historischer Uhren eigener und fremder Provenienz, die er in einem Genfer Stadtpalais herzeigt.

In München präsentiert er nur eine Auswahl, etwa eine astronomische Taschenuhr aus dem Genf der 1660er Jahre oder ein genauso altes Stück mit Gezeitenanzeige aus dem niederländischen Haarlem.

Vor der Vitrine mit der Augsburger Reisetrommeluhr aus dem 16. Jahrhundert bekommt Peter Friess rote Wangen vor lauter Begeisterung. Der Ausstellungsprofi, Historiker und gelernter Uhrmacher aus München, zuletzt erfolgreicher Leiter eines hippen Technikmuseums im Silicon Valley, will Kalifornien verlassen. Er hat mit der Familie eine Wohnung in Genf gemietet und wird ab 2014 neuer Chef von Sterns Uhren-Museum.

500 Jahre Technikgeschichte

"Die tragbare Uhr ist wahrscheinlich in Nürnberg erfunden worden", teilt Friess bereitwillig sein Wissen, "nicht zufällig in einer Handelsstadt". Für Händler war die Zeit sehr wichtig. Wer Schiffe quer über die Weltmeere schickte, brauchte genaue Uhren, damit die Kapitäne mit Hilfe der Sterne den Kurs richtig bestimmen konnten und möglichst wenige Schiffe verloren gingen.

Die Dosenuhr, Süddeutschland 1570, macht deutlich, wie man die Zeit mit einer Sonnenuhr im Deckel maß, das Uhrwerk danach stellte und so auch in der Nacht und bei der Weiterreise ungefähr wusste, welche Stunde geschlagen hatte. Friess erinnert daran, dass damals in jedem Ort eine andere Zeit galt, dass eine einheitliche Zeitregelung erst mit der Erfindung der Eisenbahn zwingend wurde.

Auch dass die konsequente Zeitmessung erst 800 Jahre alt ist, kann man von Friess lernen. Klöster begannen damit, um den Wechsel von Arbeit und Gebet in feste Muster zu pressen. Bürgerliche Stadtgründungen wie Florenz oder Siena errichteten später Glockentürme neben den Kirchen und verlangten eine Hörsteuer von allen, die die Ohren spitzten, um zu wissen, was sie nach den Regeln des Gemeinwesens wann durften.

Bediente anfangs noch der Türmer die Glocke, übernahm das später ein Uhrwerk und noch später machten Zeiger am Turm die Zeit endlich sichtbar. Die Zeit mit sich herumzutragen, an Ketten um den Hals oder in Taschen, war lange nichts fürs einfache Volk. Die Armbanduhr hat sogar erst eine gut hundertjährige Geschichte.

Wer Weltkriege führte oder sportliche Höchstleistungen probierte, brauchte die Uhr am Handgelenk. Bald wurde sie zum Gebrauchsgegenstand, erst recht mit der Erfindung der Quarzuhr in den siebziger Jahren, die manche Uhrendynastie dem Untergang weihte - lange bevor Funkuhren und Mobiltelefone die lokale Zeitmessung zum Teufel schickten.

Bedarf durch Faszination

Häuser wie Patek Philippe, die sich klar dem Luxus verschrieben, haben trotzdem überlebt, und für Menschen wie Peter Friess ist das ein Geschenk für die Menschheit. "Sie müssen die Könner in Brot halten, sonst geht das handwerkliche Wissen schon nach einer halben Generation verloren", sagt er. "Die Turboindustrialisierung ist vergleichbar mit einem Artensterben". Dagegen leiste die Luxusgüterindustrie einen großen Beitrag zur geschmacklichen Entwicklung einer Kultur: "Sie deckt keinen Bedarf, sie schafft einen, indem sie eine Faszination auslöst".

Friess steht vor der dick verglasten Vitrine und spricht von Haptik, vom Streichen über die Oberfläche einer Uhr, vom Wiegen ihres Gewichts in der Hand. Man kann ahnen, dass er sich ein Uhrenmuseum etwas weniger traditionell vorstellt. Noch schweigt er dazu, aber man sieht seine Besucher schon durch tausendfach vergrößerte Modelle von winzigen Uhrwerken steigen oder in Multimediawelten verschwinden. Die Erfahrung in Amerika, wo die Museen weniger am Objekt hängen, mehr am Experiment, weniger an der Betrachtung der Vergangenheit, eher an den Ideen für die Zukunft, hat Friess ganz offensichtlich geprägt.

In der Münchner Schau dagegen, auf den tiefen, bordeauxroten Teppichen, unter den Klängen Vivaldis, mit einem Glas Champagner in der Hand, darf man sich ganz der großen Tradition des Hauses hingeben, das ein polnischer Einwanderer und ein französischer Uhrmacher einst in Genf gegründet haben und das heute in einem Genfer Vorort 2000 Menschen mit der Fertigung und dem Vertrieb kompletter Uhren beschäftigt.

Warum die Familie Stern bei der Übernahme 1932 ausgerechnet das Calatrava-Kreuz zum Markenzeichen machte, ist an diesem Tag nicht zu klären. Aber es ist ja das Kreuz eines alten spanischen Ritterordens, der den Zisterziensern zuzuordnen war. Und das passt sicher auch auf die heutige Markenbotschaft: Uhren für Sieger und für die eigene Unsterblichkeit.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.