Montag, 21. Oktober 2019

Möbeltrends Kommen wir nun zum gemütlichen Teil

Möbeltrends: Komm, wir machen es uns gemütlich
Steve Herud

Moderne Möbel spielen mit alten Farben und neuen Formen. Mit dieser Mischung wecken Designer und Architekten Erinnerungen und schaffen Behaglichkeit.

Schokolade, Kaffee, Zimt, Karamell oder Walnuss: Wer sich im Frühjahr auf dem Mailänder Salone del Mobile, der führenden Interieurmesse, umsah, konnte Appetit bekommen. Die genussvollen Namen stehen für Farbtöne, auf die große Hersteller wie Arper, B&B Italia, Flexform, Vitra oder Zanotta in dieser Saison setzen. Dazu stellen Inneneinrichter und Designer in schräger Harmonie Töne wie Senfgelb, Türkis, Aubergine oder Rosé. All das weckt Erinnerungen an die 60er und 70er Jahre: an Käse-Igel, Römertöpfe und Partykeller.

Gefunden in
Splendid
Oktober 2019

Splendid erscheint als Beilage des manager magazins.

Digitale Ausgabe
Gedruckte Ausgabe
manager magazin testen + Geschenk
Abo

Die Hinwendung zu Farben, die vor einem halben Jahrhundert schon einmal aktuell waren, erklärt die niederländische Trendforscherin Lidewij Edelkoort mit "gesellschaftlicher Melancholie, Nostalgie, aber auch einem milden Optimismus". Die 69-Jährige erkennt darin das Bedürfnis der jungen Generation nach Nachhaltigkeit und Lebendigkeit. Edelkoort irrt selten, ihr Wort gilt als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, sie selbst seit Jahrzehnten als wichtigstes Trendorakel unserer Zeit. Für die kommenden zwei Jahre prognostiziert Edelkoort: "Brown is the new grey."

Bei allen, die vor 1980 geboren wurden, beschwört diese Farbwelt Erinnerungen an die eigene Vergangenheit herauf. Sebastian Herkner ist Jahrgang 1981 und geht damit unbefangen ans Werk. Der Produktgestalter und Hochschullehrer ist trotz seiner jungen Jahre schon ein Großer seines Fachs. 2011 hat er den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland bekommen, 2019 wurde er zum Designer des Jahres der Pariser Möbelmesse "Maison et Objet" gekürt. Seinem "Stuhl 118", einer Neuinterpretation des klassischen "Frankfurter Stuhls" für Thonet, hat Herkner jüngst einen ungewöhnlichen Anstrich verpasst: hochglänzend, unter anderem in dunklem Braunviolett oder einem antiken Pink. Die neue Lackierung wirkt wie ein Facelift. Der Stuhl verströmt Nostalgie und strahlt trotzdem frisch und jung. So wie "Ona", ein Stuhl, den Herkner ebenfalls in diesem Jahr für die Möbelfirma Freifrau vorgestellt hat: Mit seinem topaktuellen Samtbezug lässt er die 50er aufblitzen.

Das Berliner Architekturbüro bfs design von Stefan Flachsbarth und Michael Schultz setzt zurzeit auf Hochglanz und Altrosa, im Speziellen auf den Farbton "Dead Salmon" von Farrow & Ball. Der Farbton mit dem kuriosen Namen wurde bereits 1805 für vornehme englische Landhäuser verwendet. "Dead Salmon" wirkt schon frisch aus der Büchse leicht gealtert. bfs design verwendet den samtigen Ton gern als Wandfarbe für Projekte - nicht zuletzt wegen Flachsbarths persönlicher Assoziationen: "Ich kann mich genau an die bodenlangen Samtröcke meiner Mutter in den 70ern erinnern", sagt der 55-Jährige. Heute ist der Stoff mit seiner charakteristischen rau-weichen Haptik wieder ein großes Thema. "Die Kombination von ,Dead Salmon' mit hochglänzendem, hellem Grau etwa verleiht einem Raum eine gewisse Coolness", so Flachsbarth. In Verbindung mit Ocker, Terrakotta oder Kaffeebraun sei die Farbe rückwärts- und vorwärtsgewandt zugleich.

Für Werner Aisslinger schaffen diese Farben etwas, wonach alle streben: Wohnlichkeit. Der Designer ist ebenfalls 55 Jahre alt, sein Juli Chair wurde 1996 als erstes Stuhldesign nach über 30 Jahren vom Museum of Modern Art ausgezeichnet und in die ständige Sammlung aufgenommen. Zu seinen Kunden zählen Möbelhersteller wie Dedon, Interlübke oder Vitra.

Aisslinger weiß, wie man Atmosphäre schafft. Sein Studio hat unter anderem die Ausstattung der 25hours Hotels in Köln, Berlin und Zürich Langstrasse konzipiert. Die Arbeit bei solchen Projekten beginnt mit Farb- und Materialkonzepten. Aisslinger versteht sich als"Stil-DJ", wie er selbst sagt. Beim Einrichten geht es ihm darum, eine gute Melange zu finden. Allein auf Retro zu setzen ist ihm zu simpel. "Wenn ich ein braunes Ledersofa mit Patina in einen Raum stelle, entsteht sofort dieser ,Gelebtes-Leben-Effekt'", sagt Aisslinger. Er aber wolle mehr. Seine Wohnräume, Hotelzimmer oder Restaurants gestaltet er als Collagen, die Geschichten erzählen sollen.

Die Atmosphäre einer Hotellobby entsteht bei ihm durch den Mix verschiedener, teils gegensätzlicher Stile und Zeiten. Barock und Beton, Kunst und Rotlicht. Wie ein DJ im Club Musik sampelt, mischt er aus vielen "Wohn-Sounds" einen eigenen neuen. Und dabei treibt es Aisslinger gerne bunt. Nicht schrill, aber schon sehr farbig. Aisslingers Wohncollagen treffen damit den Zeitgeist.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich weder Stuhl noch Lampe neu erfinden lassen. Jedes neue Möbel, und sei es noch so futuristisch, ist letztlich eine Variante oder Neuinterpretation von etwas Bekanntem. In Zeiten rascher Veränderung gibt so eine Neo-Retro-Umgebung den Menschen offenbar Halt.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung