Mittwoch, 13. November 2019

Möbel-Ikonen Wie Knoll den Barcelona Chair zum Star machte

Barcelona Chair: Wie ein unbequemer Sessel zur Ikone wurde
picture alliance/dpa

Seine Schlichtheit machte ihn zur Ikone der Moderne: den Barcelona-Sessel von Ludwig Mies van der Rohe, berühmt geworden als Sitzgelegenheit für das spanische Königspaar im deutschen Pavillon der Weltausstellung 1929. Bis heute ist das nicht sonderlich bequeme Möbel ein Objekt allgemeiner Begierde. Dafür sorgt inzwischen Demetrio Apolloni, Europa-Chef von Knoll. Zum 100. Bauhaus-Jubiläum in diesem Jahr brachte er eine Edition mit geschwärztem Chromgestell und flaschengrünen Lederpolstern heraus.

Gefunden in
Splendid
Oktober 2019

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Gefertigt wird das Möbel im italienischen Foligno - in akribischer Handarbeit. Gerade wird Stück 342 der auf 365 limitierten Edition fertiggestellt: Einer der 110 Mitarbeiter näht mit einer 20 Zentimeter langen Nadel die Abschlussknöpfe sorgfältig durch das Sesselpolster. Schon vorher muss jeder Stich an der Maschine sitzen, wenn die Rechtecke des Polsters aus vier Lagen feinem Kalbsleder zusammengenäht werden. Dafür braucht eine Näherin acht bis zwölf Stunden. "Jeder Mitarbeiter ist für die Qualität eines Produktes allein verantwortlich", sagt Apolloni. Viele Handwerker arbeiten schon seit Jahrzehnten in dem 1963 von den Castiglioni-Brüdern entworfenen Komplex. Seit 2014 gibt es einen Showroom. "Ich möchte das Werk öffnen, um zu zeigen, wie viel Arbeit in jedem einzelnen unserer Modelle steckt", sagt der Chef.

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In einer Ecke des Werks stapeln sich weiße Füße und Sitzschalen des 1955 von Eero Saarinen entworfenen Tulip Chairs. Der legendäre Stuhl mit rundem Fuß, geformt wie der Stiel eines Weinglases, entstand nach langen Versuchen, weil Saarinen "das Gewirr aus vier Beinen" störte. Angeregt wurde der Designer von Florence Knoll. Die Architektin hatte bei Saarinens Vater Eliel und den Bauhaus-Gründern Gropius, Breuer und Mies van der Rohe studiert. 1943 kam sie zu Knoll nach New York, heiratete Firmenchef Hans Knoll und wurde verantwortlich fürs Design. Bis heute zählen die Tulip-Stühle und -Tische zu den Bestsellern der Firma.

Das Fundament dafür legte Florence. "Ich denke Möbel von den Räumen her", sagte sie einmal. Und sie engagierte die richtigen Designer. Mies van der Rohe gewährte Knoll 1948 die Exklusivrechte an seinen Möbeln. Knoll beteiligte die Designer an jedem verkauften Exemplar. Und vertrieb die Stücke nicht anonym, sondern als "Mies-van-der-Rohe-Sessel", "Saarinen-Sessel" oder "Bertoia-Stuhl", was der SPIEGEL 1960 als Erfolgsrezept ausmachte. Möbel, Marke und Designer wurden untrennbar verknüpft. Piero Lissoni, der für große Marken wie Cassina, Kartell oder Knoll entwirft, lobt dieses Erbe: "Knoll mit seinen großen Meistern besitzt eine Formensprache mit besonderer Kraft und hat es geschafft, diese in zeitgenössischen Stil zu übersetzen."

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