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Maßschneiderei: Die Meister der Nadel-und-Faden-Zunft

Foto: Dühnforth & Wulff

Maßschneiderei Der Kunde als Designer

Wer auf sich hält, trägt Maßgeschneidertes. Die Meister der Nadel-und-Faden-Zunft haben gut zu tun. In der Hamburger Werkstatt Dühnforth & Wulff arbeiten eine ehemalige Gewandmeisterin und ein von Mönchen ausgebildeter Schneider an der Perfektion des individuellen Auftritts im Anzug.

Hamburg - Sankt-Georg, Hamburgs ebenso hippes wie halbseidenes Entrée zwischen Außenalster, Bahnhof und Hansaplatz, mittendrin eine Fassade von feinstem hanseatischem Klinkerbau. Hinter der sich über drei Etagen ein Hort ehrbaren Handwerks erstreckt, ganz oben unterm lichten Dach die Firma Dühnforth und Wulff, Herrenmaßschneiderei.

Hanne Wulff und Sandro Dühnforth, sie eine temperamentvolle Blondine, er ein stattlicher Kahlkopf mit stark gebändigtem Vollbart, betreiben hier seit eineinhalb Jahren eine kleine, aber feine Werkstatt, sie nach der Ausbildung zur Gewandmeisterin am Hamburger Schauspielhaus, er nach Lehr- und Gesellenzeit in einem Franziskaner-Kloster zu Fulda.

Wo er einen Mönch -begnadeter Schneider und Inhaber der Goldenen Schere - zum Lehrherrn hatte. Der sogar auch Kostüme für Damen nähte, bis der Orden für ihn im vergangenen Jahr eine andere Verwendung fand.

Nicht etwa, weil die Nachfrage stockte, die sei exzellent, betont Dühnforth, auch bei ihnen beiden in Hamburg. Sie beide, dazu eine Auszubildende und eine Aushilfskraft, hätten seit Gründung des Betriebs alle Hände voll zu tun gehabt. Der Anzug vom Schneider ist gefragt wie lange nicht, der Hang zur Individualisierung, zum textilen Unikat treibt immer mehr Betuchte in die Tempel der Nadel-und-Faden-Zunft.

2500 Euro nur für den Stoff

Die hat sich freilich auch an Zahl in den vergangenen 20 Jahren stetig verschlankt. Die überlebenden echten Maßschneider in Deutschland (Auswahl siehe Kasten links) sind wohl gerade noch zwei Handvoll. Derweil die großen Marken wie Hugo Boss, Brioni, Tom Ford oder Ermenegildo Zegna für die gehobene Kundschaft alle ihr Made to Measure (Maßkonfektion) eingeführt haben, um den Wunsch nach Distinktion zu entsprechen.

Das sei durchaus eine freundliche Verneigung vor dem Handwerk, aber eben auch nicht das, was das klassische Schneiderkunst liefere, sagt Dühnforth. Und erzählt von dem Dreiteiler, dem teuersten Stück bislang, den sie jüngst nach einem Jahr der Fertigung ausgeliefert hätten.

Nach immer neuen Änderungen und Anproben - aus dem braunen Seidenfutter wurde petrolfarbenes, aus den braunen Knopflöchern wurden rote - bekam der Kunde schließlich einen Anzug ganz nach seinen Wünschen, inklusive Hemd, Hosenträger und Einstecktuch. Zum Preis von 7500 Euro. "Da war allerdings auch der Stoff nicht billig", erläutert Hanne Wulff. "Ein Cashmere-Tuch für 500 Euro der Meter, also 2500 für den Anzug".

Unter rund 4000 Stoffen kann der Kunde der beiden wählen, Merino und Mohair, englischer Tweed und irisches Leinen, von der Super-100-Wolle bis zum Vikunja-Chinchilla-Gemisch für 1200 Euro pro Meter. Er sollte aber - neben Stilgefühl und Sinn für Nachhaltigkeit - auch eine Portion Geduld mitbringen, denn auf die Schnelle geht hier nichts. Maß nehmen, drei bis vier Anproben zwischendurch, nach sechs bis acht Wochen ist der Anzug fertig, zum Preis ab 2400 Euro. Mit enormem Lustgewinn gegenüber dem normalen Konfektions-Shopping.

Verdorben für die Stangenware

"Der Kunde ist im Prinzip der Designer", sagt Hanne Wulff. Der Kunde wählt Stoff und Schnitt, Futter und Knöpfe. "Wir zelebrieren diesen Prozess als eine Art Entschleunigung." Und liefern zugleich ein rundum gutes Gefühl, nicht nur am Körper.

Denn Maßkleider werden nicht in den verkommenen Shops von Bangladesh oder sonst irgend unerträglich zusammengenäht, sondern hier in der Werkstatt mit dem großen Zuschneidetisch und den Schnittmusterbögen an den hohen Wänden der ehemaligen Maschinenfabrik. Auf Hanne Wulffs Ringfinger steckt - ein Fingerhut.

Freilich werde auch der eilige Business-Kunde gut bedient, sagt Dühnforth. Die Werkstatt pflegt einen Home-, Office- und Hotel-Service, die Schneider reisen für das Prozedere auch an, wenn es sein muss schon mal nach München. Und auch der stilistisch Unsichere ist allemal auf der richtigen Seite.

"Der Kunde des Maßschneiders braucht keinen visuellen Geschmack", notiert die amerikanische Autorin Anne Hollander in ihrer Modebibel "Anzug und Eros" punktgenau, "der Schneider hat ihn für ihn und wird den Kunden nicht aus dem Geschäft lassen, wenn sein Aussehen im Anzug der Firma Schande machen könnte". Der Konfektionskunde hingegen ist - welch ein Jammer - für seinen Auftritt selbst verantwortlich. In den Lounges der Flughäfen ist dieser Horror immer wieder zu bestaunen. Aber keine Bange.

"Wir können alles für Sie tun", verspricht Sandro Dühnforth potentiellen Kunden, "und alles wird gut. Nur eines nicht: Sie sind für alle Zeiten verdorben für die Stangenware, der übliche Einkauf ist nicht mehr möglich."

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