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Luxusuhren: Goldene Zeiten für Schnäppchenjäger

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Die Neuheiten der Luxusuhrenmesse SIHH Wow-Effekte trotz Krisenstimmung

Von Michelle Mussler

Harte Zeiten für teure Uhren: Konsolidierung und moderates Wachstum sind die Schlagworte auf der luxuriösesten Uhrenmesse der Welt, dem SIHH (Salon International de la Haute Horlogerie), der am 18. Januar in Genf eröffnete. Dort stellen die zur Richemont Group gehörenden Manufakturen sowie einige freie Uhrmacher nur geladenen Besuchern ihre spektakulärsten Werke vor - und erzielen einen erklecklichen Teil ihrer Jahresumsätze.

Auf den Punkt bringt es der CEO von IWC, George Kern: "Luxus ist not to be connected!" Zwar spürt die klassische Luxusuhrenbranche einen Dämpfer, jedoch nicht durch den Smartwatch-Hype. Die Hauptursachen liegen im starken Schweizer Franken und in Chinas schwächelnder Wirtschaft. Über Umsatzrückgänge von bis zu 30 Prozent im weltweit größten Uhrenmarkt wird hinter der Hand gesprochen.

China und Hongkong sind das Schmiermittel für die Uhrenbranche. Der Stopp des chinesischen Börsenhandels, nur zwei Wochen vor der SIHH-Eröffnung, streut noch mehr Sand ins sowieso schon stotternde Getriebe. Russland liegt komplett am Boden, Lateinamerika ist nicht zuversichtlich, Indien und der Mittlere Osten treten auf der Stelle.

Nur die USA entwickeln sich und besonders auch Japan sowie Australien, die als neue Powershopping-Destinationen chinesischer Touristen wegen günstiger Wechselkurse gelten. In Europa und somit auch Deutschland sind die Tourismuszahlen rückläufig, weil die Terroranschläge in Paris und zahlreiche Übergriffe in Köln und anderen Städten den Chinesen die Reiselaune verderben.

2 Prozent Wachstum sind fast schon ein Crash

Kurzum, die Aussichten sind turbulent. Glücklich, wer dieses Jahr zwei Prozent Wachstum verzeichnet. Für die Luxusuhrenbranche bedeutet das aber nahezu einen Crash. Jahrelang wurden sie mit 20 Prozent Zuwachs verwöhnt. Erstmals hört man auch von CEOs, die sonst eher Zwangsoptimismus verbreiten, den Begriff 'Krise'. Da klingt das Statement von George Kern, "wir hoffen das Beste", noch als die zuversichtlichste Prognose.

Ähnlich nachdenklich gibt sich Wilhem Schmid von A. Lange & Söhne. Mit der geschätzten Jahresproduktion von unter 10.000 Uhren zählen sie zu den kleinen, feinen Manufakturen und haben wegen der geringen Stückzahlen weniger Absatzprobleme. Doch auch ihr CEO räumt ein, "dass die ständigen Veränderungen in der Welt eine der größten Herausforderungen ist. Man kommt sich schon wie ein Hedge-Fond-Manager vor, der täglich neu kalkulieren muss".

Ködern mit niedrigen Preisen

Jetzt zeigt sich nicht nur das Know-how der Manufakturen, sondern vor allem das ihrer CEOs. Sie sind gezwungen an diversen Stellschräubchen zu drehen. Teilweise wurden schon Boutiquen geschlossen, vereinzelt Arbeitsplätze abgebaut und Marketingbudgets gekürzt. Eben die bewährten Methoden, von denen der Endkunde nichts spürt. Auf dem SIHH zeigt sich, wie sehr es jetzt auf die Modell- und Preispolitik ankommt. Alain Zimmermanns, CEO von Baume & Mercier, Reaktion lautet: "In schweren Situationen muss man Risiken eingehen", und er lanciert tragbare Herrenmodelle mit zahlreichen Funktionen zu fairen Preisen. Wobei die Demarkationslinie der meisten Uhrenkunden bei 5.000 Euro liegt. Solche Preise sind jedoch fast nur mit zugelieferten Werken möglich.

Diese preissensiblen Varianten finden sich auch in der neuen Fliegeruhren-Kollektion von IWC, vor allem jedoch bei Montblanc. Hier fährt man eine erstaunlich vielseitige Palette von Einstiegsmodellen bis zur Top-Liga mit eigener Manufakturkompetenz auf.

Kleine Komplikationen für unter 3000 Euro

Der dynamische CEO Jérôme Lambert lockt Uhrenliebhaber mit kleinen Komplikationen sogar für unter 3000 Euro. Sein anderer Coup heißt Davide Cerrato. Die Uhrenkoryphäe mit Gespür für Designtrends arbeitete zuvor bei Panerai und Tudor und leitet seit Januar die Uhrendevision von Montblanc. Kenner erwarten darum eine Auffrischungskur der meist braven Montblanc-Optik, um auch hippes und jüngeres Publikum anzusprechen.

Für Herren liegen weiterhin schlichte Dress Watches stark im Rennen. Bestückt werden diese meist mit Retro-Design und den gängigen Farben, wobei Blau in allen Schattierungen als Modefarbe schlechthin zählt. Das Gros der maskulinen Handgelenke wird jedoch mit Sportuhren ausgestattet. Mehrere beachtliche Chronographen-Kaliber feiern auf dem SIHH ihre Premiere.

Mit der neuen Overseas-Kollektion modernisiert sich die älteste ununterbrochen tätige Uhrenmanufaktur der Welt gleich doppelt. Zum einen mit überarbeiteten fünf eleganten Sportmodellen in Blau, zum anderen arbeiten darin drei neu konzipierte und gefertigte Manufakturkaliber. Ein ziemlicher Kraftakt, in dem bis zu fünf Jahre Entwicklungszeit stecken.

Ein Manufakturkaliber, das wie ein E-Bike funktioniert

Allen voran bei Piaget, die mit einem Hybridantrieb überraschen. Im Vorzeigeobjekt und der Konzeptuhr 'Emperador Coussin XL 700P' arbeitet ein automatisches Manufakturkaliber mit Quarzgenerator, dessen Prinzip dem eines E-Bikes ähnelt. Ob dekadent oder würdevoll mag jeder Uhrenliebhaber selbst entscheiden - bei Parmigiani ist man auf sein 20jähriges Manufakturjubiläum derart stolz, dass sie ein Kaliber überwiegend aus Rotgold lancieren. Es handelt sich beim 'Tonda Chronor Anniversaire' sogar um einen integrierten Chronographen mit einem zweiten Schaltrad für den Schleppzeiger und einer Kolonnenrad-Steuerung samt vertikaler Kupplung. Unter Kennern gibt sich dieses Kaliber mit dem des neuen 'Datograph Perpetual Tourbillon' von A. Lange & Söhne ein Kopf-an-Kopf Rennen um Platz Eins unter den Highend-Chronographen.

Solche Prestigeobjekte sind inzwischen seltener geworden, doch es gibt sie noch. Auch bei den jungen unabhängigen Mini-Manufakturen sind sie anzutreffen. Insgesamt neun dieser Häuser sind dieses Jahr erstmals auf dem SIHH präsent und wirken euphorisch. "Ich bin über die Resonanz total verblüfft. Es kommen so viele hochkarätige Interessenten zu uns, die wir sonst kaum antreffen würden", meint Vincent Perriard, CEO von HYT.

Mit ihren sechs Jahren sind sie die jüngste Marke auf dem SIHH und ihre Modelle, zusammen mit Hautelence, auch die Lautesten. Ebenso schwärmt Max Büsser, CEO von MB&F, "selbst die CEOs mit einem Milliardenumsatz pro Jahr behandeln uns kleine Manufakturen absolut kollegial und ebenbürtig". Es scheint, dass sich die Luxusuhrenbranche zusammenrauft, um gemeinsam dem schweren Uhrjahr 2016 zu trotzen.