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Neue Luxusuhren: Die Freude an eigenen Werken

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Patek, Lange, Rolex - Luxus-Uhrmacher rüsten auf Frisch ans Werk - das sind die neuen Luxusuhren

Von Michelle Mussler

Sportliches Stühlerücken inmitten einer unruhigen Zeit: Cartiers CEO, Stanislas de Quercize, verließ Anfang November aus gesundheitlichen Gründen seinen Posten. Das Cartier-Management übernimmt interimistisch Bernard Fornas, der auch als Co-CEO von Richemont agiert. Anfang 2016 tritt Cyrille Vigneron den Chefposten der umsatzstärksten Marke des Mutterkonzerns an, der aktuelle Präsident von LVMH Japan.

Über die Umsätze im zweiten Halbjahr äußert sich Richemont verhalten und rechnet mit einer Herausforderung. Der größte Markt, China inklusive Hongkong, schwächelt weiterhin und der hohe Frankenkurs treibt die Produktionkosten. Zudem beginnt die weihnachtliche Hochsaison, in zwei Monaten startet die Genfer Luxusuhrenmesse SIHH - und all das, während die Uhrenbranche sowieso in einem Strukturwandel steckt.

Manufaktur lautet dafür das Schlüsselwort. Es löst romantische Vorstellungen von Handarbeit aus, suggeriert Tradition, Prestige und Werthaltigkeit. Schließlich soll der Besitzer einer Manufakturuhr ein gutes Gewissen haben und sich vom Mainstream abheben. Dafür greift er schon mal tiefer in die Tasche. Etliche Marken nutzen das positive Image und behaupten gern, eine Manufaktur zu sein. Denn der Begriff ist weder geschützt noch klar definiert.

Mehr als 30 Marken treten mit Manufakturkalibern an

Der Kompromiss: Statt vollmundig zu behaupten eine Manufaktur zu sein, deklarieren immer mehr Hersteller ihre Uhrwerke als Manufakturkaliber. Alleine dieses Jahr treten damit über 30 Marken an. Darunter findet man immer häufiger Firmen, die mechanische Uhren zu Mittelschichtpreisen, also unter 5000 Euro, offerieren.

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Angetrieben wurden sie dazu von stetig wachsenden Ansprüchen. Die Kunden erwarten mehr Uhr fürs Geld, kennen sich immer besser mit mechanischen Feinheiten und Fertigungstiefen aus. Der Hauptgrund jedoch liegt an einer juristischen Verfügung. Und die betrifft mehr Marken, als man vermutet.

Weit über 80 Prozent der europäischen Uhrenhersteller verwenden zugelieferte Werke oder Komponenten. Meist von Eta und Nivarox, die mit jährlich über fünf Millionen der größte Schweizer Uhrwerke- und Unruhspiralenproduzent sind. Sie gehören zur Swatch Group, doch diese möchte nur noch die eigenen 18 Marken mit den bewährten Kalibern ausrüsten.

Erst hoben sie für Externe die Preise an, dann wurde die Belieferung verknappt, letztendlich mussten Endkunden mehr berappen. Als Begründung dient dem weltgrößten Uhrenkonzern, dass er in Boomzeiten den Eigenbedarf kaum decken kann, aber zur Belieferung anderer verpflichtet ist. Dafür bleibt er in schlechten Zeiten auf Überkapazitäten sitzen.

Ab 2020 muss jede Marke ihre mechanischen Uhren selbst zum Ticken bringen

Schon 2002 kündigte der Swatch Group Gründer Nicolas Hayek eine schrittweise Zulieferreduzierung an, die in einem Stopp 2010 enden sollte. Der Aufruhr der Uhrmacher war riesig. Wegen Ausnutzung der Monopolstellung zogen sie sogar vor das Schweizer Bundesverwaltungsgericht, die Wettbewerbskommission WEKO musste mehrfach schlichten. Seit Ende 2013 lautet der zähneknirschende Kompromiss: Das Beliefern wird nur allmählich reduziert. Ab 2020 muss jede Marke selbst sehen, wie sie ihre mechanischen Uhren zum Ticken bringt.

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Ergo gelten die Neuheiten als Vorboten einer neuen Zeitrechnung: als Manufaktur-Evolution könnte man sie bezeichnen. Allerdings verwenden die meisten Uhrenkenner den Begriff Manufaktur, wenn eine Fertigungstiefe von mehr als 80 Prozent besteht. Das bedeutet, dass Uhrwerke selber entwickelt und gefertigt werden und man weitgehend auf externe Werkskomponenten verzichtet.

Bei Zeigern und Zifferblättern sowie Gehäusen und Armbändern wird schon mal auf Zulieferer zurückgegriffen. Eine 100 prozentige Wertschöpfungskette ist kaum zu erreichen - außer die Manufaktur besitzt eine eigene Goldmine, ebenso eine Glas-Schmiede für die Uhrengläser und eine Alligatorenzucht für die Armbänder.

Die Messlatte hängt enorm hoch

Spitzfindigkeiten, möchte man meinen. Doch vollwertige Manufakturen, darunter Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet aber auch Parmigiani, Ulysse Nardin, Jaeger-LeCoultre sowie Glashütte Original, Roger Dubuis, Breguet inzwischen auch A. Lange & Söhne und Omega hängen die Messlatte enorm hoch. Sie fertigen bis zum kleinsten Zahnrad, meist auch die filigrane Spiralfeder, nahezu alles selbst. Sogar die eigenen Werkzeuge, darunter Schraubenzieher für die eigenen Schrauben.

Die Vollblutmanufakturen können sich entspannt zurücklehnen, weil sie der Zulieferungsstopp nicht tangiert. Teilweise versorgen sie sich sogar gegenseitig und andere mit Kalibern oder Komponenten. Audemars Piguet punktet gar mit der eigenen Innovationsschmiede Renaud & Papi. Hier entwickelt der begnadete Konstrukteur Giulio Papi mit einem 150 Mann-Team für namhafte Marken extravagante Konstruktionen. Und Zenith beliefert vereinzelt seine Geschwister beim LVMH-Konzern.

Solch ein Ideen- und Werkeaustausch findet auch innerhalb der Richemont-Gruppe, vor allem dank Piaget und Jaeger-LeCoultre, schon seit Jahren statt. Der Konzern wappnet sich zudem mit einer neuen über 100 Millionen Franken teuren Produktionsstätte in der Schweiz, um die schönen Töchter zu beliefern.

Zusätzlich werden die meisten Marken zur Eigeninitiative angespornt. Allen voran Cartier, die sich zu einem der Vorreiter der Branche etablierte, indem sie eine Hightech-Manufaktur errichtete und einen Husarenritt absolvierte: In den vergangenen nur fünf Jahren entwickelte das Maison 35 eigene neue Kaliber - und zwar vom automatischen Basiskaliber bis zur spektakulären Großen Komplikation.

Gesamtinvestment: Geschätzt rund eine Milliarde Franken

Richemont übernahm auch die renommierte Manufaktur Minerva, die Montblanc mit den edelsten Kalibern versorgt. Vacheron Constantin expandiert gleich doppelt, indem man 2013 im Vallée de Joux eine eigene Produktion und letztes Jahr einen 7000 Quadratmeter großen Anbau neben der Genfer Manufaktur eröffnete. Mit dem Bezug ihrer neuen Erweiterungsbauten legten Panerai und A. Lange & Söhne dieser Monate nach. Und bei Piaget und IWC ist man noch kräftig am Bauen. Ein Gesamtinvestment, das an eine Milliarde Franken grenzen dürfte.

Ebenso erkannten unabhängige Firmen schon vor vielen Jahren die Zeichen der Zeit und schraubten ihr Manufaktur-Knowhow hoch. Als erster startete 1996 Chopard mit einer eigenen Werkefertigung, es folgten Breitling aber auch Hublot, die inzwischen zum LVMH-Konzern zählen. Selbst so Jünglinge wie Nomos und Chronoswiss oder Veteranen wie Tudor, Oris und Eterna verblüffen inzwischen mit Eigenkreationen unter der Demarkationslinie von 5000 Euro.

Den Uhrmachern bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder eigene Kaliber zu konzipieren und eine tiefere Vertikalisierung aufzubauen, was aber etliche Millionen Investment verschlingt und mehrere Jahre dauert. Oder auf andere Schweizer Lieferanten, wie Sellita, Soprod, Vaucher, Dubois-Dépraz oder Concepto auszuweichen.

Viele Marken möchten sich nach dem Eta-Erlebnis aber nicht mehr in die Abhängigkeit eines Zulieferers begeben. Zumal auch hier höhere Einkaufs- und Umrüstungskosten anfallen. Längst nicht alle zugelieferten Werke passen in die bisherigen Gehäusegrößen oder zum Zifferblattdesign, komplett neue Kollektionen wären also nötig.

In diese Lücke versucht die Division Eterna Movement zu springen. Raffiniert entwickelten sie das automatische Basiskaliber 39, das als Chronographen-Variante präzise den Maßen des Bestseller von Eta, dem Valjoux 7750 entspricht. Momentan wird es noch von unabhängigen Prüflaboren unter die Lupe genommen und soll danach Dritten angeboten werden.

Besonders attraktiv dabei: Eine höhere Laufleistung, zudem lassen sich auf dem Basiswerk bis zu 88 Modulversionen aufbauen - von verschiedenen Kalenderfunktionen über Schleppzeiger bis hin zur zweiten Zeitzone. Angestrebt sind industrielle Stückzahlen von über 100.000 pro Jahr, um das Basiskaliber für etwa 200 und das Chronographenwerk für rund 500 Franken anbieten zu können. Das klingt zwar nicht viel, jedoch liegt der Einkaufspreis damit höher als bei Eta.

Manufakturkaliber zum einen, Industrialisierung zum anderen - diesen Spagat werden immer mehr Marken absolvieren müssen. Wie man die Herausforderung meistert, beweisen seit Kurzem auch Tudor, Nomos und Oris. Alle drei haben dieses Jahr erstaunliche Eigenkreationen zum Ticken gebracht und kommen jetzt in den Handel.

Um diese jedoch zu Mittelschichtpreisen offerieren zu können, drehen sie an diversen Stellschrauben in der Produktion, etwa indem sie einen eigenen Hightech-Maschinenpark auf- und ausgebaut haben, zudem fertigen sie höhere Stückzahlen. Auch effiziente Strukturen mit wenigen Grundmodellen zählen dazu, die modular erweitert werden können.

Wer als Kunde die Unterschiede nicht nur beim Preis erkennen möchte, sollte die Uhrmacherlupe aufsetzen: Meist sind die Kaliberdekore sehr puristisch - matte Lasergravuren statt Perlage- und Streifenschliffe, gebürstete Oberflächen statt gravierte Brücken und Rotoren, selten sind gebläute Schrauben oder Gold-Chatons dabei und schon gar keine anglierten auf Hochglanz polierte Kanten. All das tut der Zeitmessung keinen Abbruch. Es sind jedoch eindeutige Vorboten der neuen Zeitrechnung ab 2020.

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