Fotostrecke

Luxusuhren: Alles eine Frage des Materials

Foto: Breitling

Die Materialien der Luxusuhren Der Hightech-Tick

Mikrogestrahlte Titankeramik, polykristallines Silizium, gebackenes Karbon - es brodelt in der Alchemistenküche der Uhrmacherei. Zeitmesser aus Hightech-Materialien sind Trend. Sie bieten Vorteile für den Kunden und für die Hersteller - aber nicht immer.
Von Michelle Mussler

Berlin - Will man als Uhrmacher von sich reden machen, existieren im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: entweder man konzipiert verrückte Uhrentechnik, sogenannte "talking pieces", oder man verwendet ungewöhnliche Materialien.

Während bei extravaganten Technikkonstruktionen der Sinn nicht unbedingt vordergründig sein muss, werden bei Hightech-Materialien handfeste Nutzwerte abverlangt. Leichtigkeit, Robustheit, geringere Wartung und einfachere Produktion aber auch neue Designmöglichkeiten sind die maßgeblichen Argumente.

Das Weiße Gold der Uhrmacher: Keramik

Bei Gehäusen liegt Keramik auf Platz Nummer Eins. IWC und Rado machten 1986 den Anfang mit einer Keramik, die dank Saphirglas-Beschichtung kratzresistent und zudem leicht war. In den 90ern kamen ausgeklügelte Gehäuse hinzu und Rado stellte die erste komplett weiße Keramikuhr vor. All das fand Beachtung, doch ein Boom setzte nicht ein. Noch nicht.

Bis 2000 ein Modehaus um die Ecke bog. Kess stellte Chanel ihren Eyecatcher J12 vor. Die tiefschwarze Keramikuhr, die noch nach Jahren glänzt wie ein Steinway-Flügel, entzückte Fashion-Vamps en masse. Doch die Uhren-Elite beobachtete das nur mit einem bemühten Lächeln. Als kurz darauf das unschuldige Pendant in komplettem Weiß folgte und weitere Verkaufsrekorde brach, war die Branche baff.

Seither haben selbst traditionsbewusste Marken Keramik im Programm. Dabei sind sie mit ihrem Materialmix und ihren Wortschöpfungen besonders erfindungsreich: Chromatic nennt sich die Titankeramik von Chanel, Ceramos heißt bei Rado eine Keramik mit Metalllegierung. Dort verwendet man auch Siliziumnitrid für ein ultraleichtes Gehäuse aus wohlklingender Si3N4 TiN Hightech-Keramik.

Bei Panerai kommt Zirkoniumoxid für Keramikgehäuse zum Einsatz und das Liquidmetal von Omega ermöglicht eine Symbiose aus Keramik und Metall für Lünetten. Ähnlich beim Cerachrom von Rolex, wo sich Keramikteile mit anderen Materialien ausfüllen lassen. Wem das zu chemisch klingt, dem sei gesagt: diese Keramikvarianten sind äußerst kratzfest, korrosionsbeständig, temperatur- und UV-resistent, zudem glänzen sie dauerhaft und sind unerhört trendy.

Soweit die Vorteile für den Uhrenbesitzer. Der Mehrwert für die Hersteller ist hingegen weitaus höher. Er stellt sogar Böttgers Porzellan-Erfindung, das Weiße Gold, in den Schatten. Bei einem massiven Goldgehäuse oder -armband kann der Kunde den Materialwert kalkulieren. Bei Keramik, Karbon oder sonstiger Plaste und Elaste kann er das nicht. Dennoch kommen die aufgerufenen Preise oft an die von Golduhren heran. Außerdem sind die Hightech-Materialien von den Launen der Börsenkurse unabhängig und die Uhrenproduzenten können strategisch besser planen.

Die goldene Regel: Die Magie des Edelmetalls

Die goldene Regel Nach wie vor steht Gold in der Uhrmacherei hoch im Kurs. Vor allem Rotgold gilt als Trendfarbe. Aber mit herkömmlichem Aurum ist es längst nicht mehr getan. Dank Beimischungen und raffinierter Fertigungsprozesse mutiert es zu Everose, Sedna-, Cera- oder Magic-Gold. Magisch klingen dabei vor allem die Versprechen: Mal ist es absolut korrosionsbeständig, mal antiallergen, UV-resistent sowieso. Selbstverständlich stets patentiert und mit reichlichen ® und ™ versehen.

Aber die alchemistischen Cocktails haben durchaus einen Sinn. Kenner wissen, dass Rotgold mit seinem Kupferanteil im Laufe der Zeit oxidiert. Durch Umwelteinflüsse, vor allem Chlorwasser, verliert es seine charakteristische Farbe. Zwar kommt der typische Rot-Ton durch Polieren wieder zum Vorschein, allerdings geht dabei stets ein Teil des kostbaren Metalls verloren. Um das zu vermeiden, mischt Rolex seinem 18 karätigem Gold zwei Prozent Platin hinzu und nennt es Everose. Bei Hublot sind es 25 Prozent Keramik, was schließlich Magic-Gold heißt. Willkommener Nebeneffekt: Diese Goldart ist tatsächlich weniger kratzanfällig.

Schwarze Magie mit Titan und Karbon

Wenn es schon nicht gülden sein soll, dann zumindest schwarz, tiefschwarz. Am liebsten matt. PVD- und DLC-Beschichtungen machen es möglich. Meist stecken Titan- oder Edelstahlgehäuse dahinter, die entweder nach dem Verfahren der Physical Vapour Deposition (PVD) oder der noch haltbareren Verarbeitung Diamond Like Carbon (DLC) mit Kohlenstoff bedampft werden. Getoppt werden sie seit neuem mit der ADLC Methode - Advanced DLC.

Letztendlich schützt der mattschwarze Überzug vor Abrieb und verleiht der Uhr einen martialischen Habitus - und der kommt an. So sehr, dass zahlreiche Marken inzwischen All Black Varianten anbieten. Bei ihnen ist tatsächlich alles, vom Armband bis zum Zeiger und Zifferblatt in tiefgründiges Schwarz gehüllt. Und zwar so intensiv, dass eine Ablesbarkeit nahezu unmöglich ist. Egal. Dafür sind sie schick anzusehen.

Kunststoff-Gehäuse fanden schon in den 60er Jahren den Weg ans Handgelenk. Karbon, eine Kohlefaser im Verbund mit Epoxidharz, war der Vorläufer und wird seit wenigen Jahren immer populärer. Vor drei Monaten tauchte CarbonMacrolon auf, ein besonders stabiles und komplett durchgefärbtes Polymer, dass exklusiv für MB&F entwickelt wurde. Gesteigerte Beliebtheit findet auch Titan. Grad 5 gilt dabei als Optimum, das man durch eine Zauber-Mixtur erreicht: sechs Prozent Aluminium, vier Prozent Vanadium sowie 0,25 Prozent Eisen und 0,2 Prozent Sauerstoff bilden eine Hightech-Legierung, die nicht korrodiert oder verkratzt, kaum Temperatur leitet und quasi alles mitmacht, wonach dem Träger der Sinn steht - auch zum Mond fliegen. Denn Ti-6Al-4V kommt ursprünglich aus der Raumfahrt.

Das Maximum innerer Werte

Maximum innerer Werte Die Haute Horlogerie gibt sich nur mit High-Tech Äußerlichkeiten nicht zufrieden. Längst haben sich Keramik-Kugellager etabliert, weil sie ohne Schmierung auskommen, auch Keramik-Brücken findet vermehrt Einzug ins tickende Gewerbe.

Ein wahrer Trend für innere Werte ist jedoch bei Spiralen, Schwing- und Hemmungssystemen ausgebrochen. Das verheißungsvolle Silizium dient dafür als Basis. Pionier war die einst unabhängige Manufaktur Ulysse Nardin, die 2001 weltweit die erste Silizium-Hemmung vorstellte.

Deren verlockende Vorteile: Im Gegensatz zu Stahl ist Silizium extrem leicht, besonders hart und abnutzungsarm, zudem antimagnetisch, korrosionsresistent und kann derart glatt hergestellt werden, dass die Hemmung keine Schmierung mehr benötigt. Ein Segen für die Uhrmacherei. Es vereinfacht nicht nur den Produktionsprozess, sondern der Uhrenbesitzer kann sich auch über geringere Wartungsintervalle sowie eine höheren Gangreserve und -genauigkeit erfreuen. Der Stein der Weisen? Nicht ganz, denn das Wundermaterial besitzt einen Makel - es ist temperaturempfindlich.

Also schlossen sich 2003 Patek Philippe, Rolex und die Swatch Group in weiser Brüderlichkeit zusammen und finanzierten ein Forschungsprojekt. Das patentierte Ergebnis: Versieht man Silizium mit einer Oxidschicht, ist sein Temperatur-Manko behoben. Just war die Idee geboren aus dem verfeinerten Silizium auch die empfindlichen Spiralfedern zu fertigen. Auf ein Neues wurden verheißungsvolle Namen konstruiert und mal mit mehr, mal mit weniger Bohei der Öffentlichkeit vorgestellt.

Weniger Fett, mehr Silizium

Inzwischen stattet Patek Philippe vereinzelte Neuheiten mit seinen Spiromax-Spiralen, Pulsomax-Hemmungen und GyromaxSi-Unruh aus. Omega stellt sogar seine Produktion komplett auf Silizium-Spiralen mit Co-Axial Hemmungen um und Rolex integriert seit diesem Jahr Syloxi-Spiralen. Auch Audemars Piguet, Girard Perregaux, Jaeger-LeCoultre, Zenith und weitere Manufakturen sind auf den fahrenden Silizium-Zug aufgesprungen. Allerdings setzt Ulysse Nardin auf eine Diamantenbeschichtung und Damasko besitzt ein Patent für polykristallines Silizium.

Schon jetzt klingen die Beschreibungen der Uhren teilweise wie die Abhandlungen auf Lebensmittelpackungen: "Auf dem Gehäuseboden finden sich eine "Si14"-, "Anti-Magnetic > 15'000 Gauss"- und "Liquidmetal®"- oder "Omega Ceragold™"-Gravur". oder bei Hublot: "schwarzes Verbundkunstharz, Einsätze aus Kohlefaser, Titan PVD schwarz, poliert und glasperlgestrahltes Magic-Gold sowie schwarzes, gebackenes Kautschuk".

Dank dieser Innovations-Potenz können mittlerweile nur noch Materialkundler mitreden. Auch etliche Kunden sind überfordert und nicht alle Uhren-Insider sind bedingungslos überzeugt. Konservative kritisieren, dass diese Werkstoff-Wahl eine Abkehr von traditioneller Uhrmacherei sei. Realos sehen die Haltbarkeit kritisch. Denn obwohl Langzeittests simuliert werden, kann kein Hersteller langfristige Qualität unter realen Bedingungen garantieren. Und unisono heißt es, Innovation ja gerne, aber bitte in Maßen. Das betrifft vor allem die Preispolitik. Ist die Silizium-Produktion erst reibungslos etabliert, kostet ihre Fertigung einen Bruchteil der bisherigen Fabrikation mit traditionellen Materialien. Es werden aber für Silizium & Co stattliche Aufpreise abverlangt.