Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Von Robert Zimmer
Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

Foto: DPA

Luxuskritik begleitet die westliche Zivilisation seit ihren Anfängen. Wer könnte ihr nicht zustimmen? Von welcher Seite man es auch betrachtet, der Luxus scheint es seinen Verteidigern schwer zu machen: Materiell Verkörperung des Überflüssigen und Unnützen, moralisch Symptom der Dekadenz und sozial sichtbarer Ausdruck der Klassenherrschaft scheint er ein zivilisationsfeindliches Element par excellence zu sein. Wo der Luxus herrscht, ist etwas fundamental falsch gelaufen.

Wo ihm der Boden entzogen wird, halten Vernunft und Gerechtigkeit Einzug. Luxuskritik, so scheint es, ist Common Sense. Verdanken wir nicht, Max Webers Analyse des neuzeitlichen Rationalisierungsprozesses folgend, den Wohlstand der westlichen Welt jenem "Geist des Kapitalismus", der von einer calvinistisch geprägten protestantischen Arbeitsethik angeschoben wurde, und zu dessen Credo die "innerweltliche Askese" gehört? Diese, so Weber, wirkte "mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuss des Besitzes, sie schnürte die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion ein". Vor allem die aus der feudalen Welt überkommene "Wertschätzung der als Kreaturvergötterung verdammlichen ostensiblen (das heißt den zur Schau gestellten) Formen des Luxus" galt es zu verabschieden.

Die ökonomischen Energien unserer Gesellschaft, so könnte man folgern, verdanken wir der Unterdrückung des Luxus.

Ist Askese also ein Motor des Fortschritts und Luxus eine Zivilisationsbremse? Sollen wir die Paläste, Villen, Kathedralen abreißen? Teure Stoffe nur für gesellschaftlich nützliche Zwecke verwenden? Aus Pelzmänteln Decken für die Dritte Welt, aus überflüssigem Schmuck Goldplomben fertigen? Trüffel und Kaviar für die unermüdlich wirkenden Rot-Kreuz-Helfer reservieren, die sich um die Humanität verdient gemacht haben? Es klingt so wunderbar vernünftig und einsichtig.

Luxus ist ein wesentlicher Teil unserer Zivilisation

Und irgendwie doch nicht. Warum sollte uns dabei ein ungutes Gefühl beschleichen? Vielleicht, weil wir uns eine Welt ohne die Schönheit und den Reichtum der Paläste und Kathedralen, ohne modische Accessoires und Design, ohne Genuss und Bequemlichkeit, sprich ohne Luxus irgendwie nicht vorstellen mögen. Weil wir nicht in Nordkorea und auch nicht in der Welt von Mr. Gradgrind leben wollen, "a man of realities", wie ihn Charles Dickens in Hard Times nennt, der unser Leben auf nützliche Fakten beschränken will. Weil wir intuitiv spüren, dass Luxus kein überflüssiger, sondern ein wesentlicher Teil unserer Zivilisation ist.

Luxus, der über die reine Sinnlichkeit hinausweisen soll: Die prächtige Kathedrale von Reims

Luxus, der über die reine Sinnlichkeit hinausweisen soll: Die prächtige Kathedrale von Reims

Foto: Jacques Driol/ picture alliance / dpa

Der Zusammenhang zwischen Luxus und Zivilisation wird gerade in jener umfassenden Luxuskritik sichtbar, die sich in der Form des asketischen Furors zur Stimme der Moral, der Natürlichkeit und Authentizität macht. Hier spricht das Reich des Guten gegen die entfremdete menschliche Natur. Aber Vorsicht! Gerade hier wird der Sack geschlagen und der Esel gemeint.

Hinter der Ablehnung des Luxus lauert das Ressentiment gegen die Zivilisation selbst. Der asketische Furor hat sich häufig mit dem Mäntelchen der Moral umgeben, dabei aber immer wieder ein zerstörerisches, antizivilisatorisches Potenzial entfaltet.

Der Wohlstand und das Misstrauen

Dies beginnt schon bei den alttestamentarischen Propheten, die sich als Sprachrohr des israelitischen Stammesgottes Jahwe verstanden. Den in der Sesshaftigkeit entstandenen Wohlstand sahen sie mit großem Misstrauen. Sie wetterten gegen die bei religiösen Kulthandlungen verwendeten Goldschmiedearbeiten und Purpurmäntel (Jeremias 10, 1-10) ebenso wie gegen den Schmuck, den die Töchter Zions zur Schau trugen (Jesaja 3, 16-23).

Vordergründig ging es gegen Götzendienst, Hochmut und Verschwendung. Doch verräterisch sind bei allen Propheten die von der Luxuskritik entzündeten Gewaltfantasien. Den Kritisierten droht Zerstörung der Weinberge und Äcker, Niederbrennen der Häuser und Vernichtung der Bewohner: "Ich verabscheue Jakobs Stolz", spricht Jahwe aus dem Mund des Propheten Amos, "und hasse seine Paläste; die Stadt und alles, was in ihr ist, gebe ich preis. Wenn in einem einzigen Haus noch zehn Menschen übrig sind, müssen auch sie sterben." (Amos 6, 8-9) Lassen wir einmal die Charakterisierung des alttestamentarischen Gottes beiseite, den Richard Dawkins als den "unerfreulichsten Charakter der gesamten Literatur" bezeichnete.

Seine Stimme mag archaisch und harsch klingen, sie ist aber charakteristisch für den fundamentalistischen Charakter des asketischen Furors geblieben. In ihr äußert sich unverkennbar das Ressentiment einer nomadischen Welt gegen die sesshafte Zivilisation, die Urbanität, Kunst, Dekor und nicht zuletzt die dem Genuss gewidmete Luxusproduktion hervorbringt.

Minimalistisches Haus "Diogene" von Renzo Piano: Das Tiny-House-Movement gibt vor, sich auf das Wesentliche zu besinnen - wie einst Diogenes. Aber ganz ohne Stararchitekten und nette Sitzgruppe unter dem Schirmchen geht es manchmal auch nicht.

Minimalistisches Haus "Diogene" von Renzo Piano: Das Tiny-House-Movement gibt vor, sich auf das Wesentliche zu besinnen - wie einst Diogenes. Aber ganz ohne Stararchitekten und nette Sitzgruppe unter dem Schirmchen geht es manchmal auch nicht.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Antizivilisatorische Reflexe finden wir auch in der griechischen Philosophie. An der Schwelle zwischen griechischer Klassik und Hellenismus trat in Athen ein Mann auf, der die Askese zum Lebensprogramm machte und als Muster der Bedürfnislosigkeit und des Nonkonformismus gilt: der Kyniker Diogenes von Sinope, ein Schüler des Antisthenes. Diogenes quartierte sich in seiner berühmten Tonne, einem Fass im Vorhof des Tempels der Demeter, ein, er verzichtete auf jede Art von Komfort, schlief auf einem zusammengefalteten Mantel und aß seine Mahlzeiten ohne Geschirr und Besteck.

Diogenes war der vielleicht radikalste unter jenen antiken Luxuskritikern, die dafür plädierten, sich auf das "Notwendige" zu beschränken. Diejenigen, die gerne wider den Stachel des philosophischen Mainstreams schreiben, haben ihn immer gelobt. Für Peter Sloterdijk war er derjenige, "der die ursprüngliche Verbindung zwischen Glück, Bedürfnislosigkeit und Intelligenz in die westliche Philosophie brachte".

Askese als Antizivilisation

Michel Onfray feiert ihn sogar als den individualistischen Hedonisten (siehe Erläuterung), der sich konsequent dem Weg des nomos, dem Gesetz und der Konvention, verweigert habe.

Hedonistisch? Onfray bezieht sich dabei auch auf jene berüchtigte Überlieferung aus dem Leben des Diogenes, die Diogenes Laertius unter anderem mit folgenden Worten berichtet: "Er pflegte alles in voller Öffentlichkeit zu tun, sowohl was die Demeter betrifft, wie auch die Aphrodite". Sprich: Er verrichtete sein Geschäft vor aller Augen und onanierte ebenso öffentlich auf dem Markt. Dabei ging es allerdings weniger um die Realisierung eines Lustprinzips, als vielmehr um die Demontage von Schamgrenzen. Und zwar in radikaler Form: Diogenes demontierte nicht irgendeine Grenze zugunsten einer anderen, er wandte sich gegen die Grenzen als Grenzen, gegen die Konvention als Konvention.

Er wollte die Reduktion des Notwendigen auf das Elementare, die Destruktion der Zivilisation zugunsten des Kreatürlichen. Verräterisch ist in dieser Hinsicht jene Anekdote, nach der er regelmäßig ins Theatergebäude hineinging, wenn die Zuschauer es verließen, und dies so kommentierte: So mache ich es mit allem. Sprich: Gibt es eine Form, eine Regel, eine Konvention, so konterkariere ich sie. Auch hier wird Askese zum Ausdruck eines genuin antizivilisatorischen Impulses.

Vor 14 Jahren wurden im zentralafghanischen Bamian zwei jahrhundertealte Buddhastatuen von radikalen Islamisten gesprengt. An der leeren Felsnische gab es 2011 zum 10. Jahrestag der Zerstörung eine Gedenkfeier.

Vor 14 Jahren wurden im zentralafghanischen Bamian zwei jahrhundertealte Buddhastatuen von radikalen Islamisten gesprengt. An der leeren Felsnische gab es 2011 zum 10. Jahrestag der Zerstörung eine Gedenkfeier.

Foto: Farhad Peikar/ dpa

Wir haben die radikalislamischen Fanatiker vor Augen, die in Afghanistan die Buddha-Statuen von Bamian sprengten und heute Kirchen und Moscheen im Irak und in Syrien ausradieren. Erinnern wir uns aber, wie fanatisierte Anhänger der christlichen Reformation zum Abriss und zur Vernichtung von Kirchenkunst animiert wurden?

Das besonders vom Calvinismus forcierte Bilderverbot ging Hand in Hand mit einer Luxuskritik, die sich nicht nur gegen die Darstellung des Göttlichen, sondern gegen die geschmückte Form, den Dekor im Allgemeinen richtete. So an jenem ominösen "Götzentag" 1531, als im Ulmer Münster beide Kirchenorgeln und 60 Altäre zum Teil mithilfe von Seile und Ketten ziehenden Pferden von den Wänden gerissen wurden. Der Zusammenhang zwischen religiös motiviertem asketischem Furor und Fundamentalismus ist viel älter als unser Jahrhundert und hat auch bei uns seine Spuren hinterlassen.

Der scheinbare Gegensatz zwischen Sein und Schein

Die reformatorische Luxuskritik hat jedoch mehr demoliert als nur die ästhetische Ausstattung von Kirchen.

Sie hat jene, tief in die kulturelle DNA der Deutschen eingedrungene und von Martin Mosebach so genannte "Häresie der Formlosigkeit" in Gang gesetzt, die das "oberflächliche" Äußerliche zugunsten des wahren und authentischen Inneren, den Dekor zugunsten von Schlichtheit oder die Formen des höflichen Benehmens zugunsten einer formlosen, aber "echten" Direktheit abwertet.

Hier liegt die Wurzel jener fatalen Dichotomie zwischen falschem "Schein" und wahrem "Sein", die immer wieder luxuskritische und lebensreformatorische Bewegungen inspiriert hat: so die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts ebenso wie jene ökologisch angehauchten und modisch völlig unverdächtigen Träger von Birkenstocksandalen, die auf ökologische Reinheit schwören.

Übt heute noch Faszination aus: Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau

Übt heute noch Faszination aus: Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau

Foto: Fredrik von Erichsen/ picture-alliance/ dpa

Man verschmäht den Luxus, weil man das Künstliche und mit ihm die Form verachtet. Die Parole heißt: "Zurück zur Natur!" Richtig, wir sind bei Jean-Jacques Rousseau. Der im calvinistischen Genf sozialisierte Verfechter von Sittenreinheit und Natürlichkeit gab dem asketischen Furor den geistesgeschichtlich wirksamsten philosophischen Ausdruck.

Unsere Krankheit, so Rousseau, heißt Zivilisation und ihr Virus heißt Luxus. Wir befinden uns in einem Prozess des fortschreitenden Reinheitsverlustes: "Während die Annehmlichkeiten des Lebens zunehmen", so heißt es im ersten Discours von 1750, "die Künste sich vervollkommnen, der Luxus sich ausbreitet, wird die echte Tapferkeit entnervt, die militärischen Tugenden verschwinden." Man weiß, dass Rousseau immer nach Sparta geschielt hat: auf die genuss- und luxusfreie Militärdiktatur. Und mit dem sicheren Instinkt des Asketen hat er auch richtig bemerkt, dass Künste und Luxus zusammengehören.

Luxus als Strafe

Wo Wissenschaft, Kunst, Luxus und verfeinerte Umgangsformen ins Spiel kommen, so Rousseau, da nimmt das Unheil seinen Lauf. Sie sind Ausdruck der Vertreibung aus dem Paradies der "glücklichen Unwissenheit". Luxus ist nicht nur Makel, er ist Strafe - für eine Entwicklung, die völlig falsch gelaufen ist. Diese Entwicklung heißt Zivilisation - und zwar nicht die falsche, dekadente Zivilisation, sondern die Zivilisation schlechthin.

Der Mann mit dem Goldhemd: Der Inder Pankaj Parakh ließ sich im vergangenen Jahr ein Hemd aus purem Gold fertigen

Der Mann mit dem Goldhemd: Der Inder Pankaj Parakh ließ sich im vergangenen Jahr ein Hemd aus purem Gold fertigen

Foto: Str/ dpa

Rousseau ein Aufklärer? Voltaire hatte den Braten gleich gerochen und nach der Lektüre des zweiten Discours bissig kommentiert, man verspüre Lust, sich auf allen Vieren zu bewegen. Wenn es je einen Aufklärer gab, so war es Voltaire, für den weder "Zurück zur Natur" noch der Luxusverzicht je eine Option war. Voltaires Aufklärung will nicht die Befreiung der Zivilisation von ihren luxuriösen Annehmlichkeiten, sondern ihre Befreiung von ideologischen Scheuklappen in Religion, Politik, Wissenschaft und Kultur.

Es ist Voltaires Zivilisationsbegriff, der hier auch in Rede steht. Er meint nicht die vom deutschen Kulturkonservatismus so genannte reine Technik- und Wissenschaftskultur, die der höheren ästhetischen und philosophischen Kultur als eine Kultur zweiter Klasse gegenübersteht. Er meint die Einheit von politischer, sozialer, von ästhetischer und materieller Kultur. Dazu gehören auch alle öffentlichen Repräsentationsformen in religiösen Kulten, in Politik, in Architektur und Kunst sowie die gesamte Verhaltens- und Benimmkultur.

Es muss irgendwie glänzen

Wenn wir uns also als Teil einer Zivilisation verstehen, so meinen wir, dass die "Realitäten", die uns umgeben, in eine bestimmte repräsentative Form gebracht oder mithilfe einer solchen wahrgenommen werden.

Es ist die Form unseres Zusammenlebens, die Form der politischen Abläufe, das Gesicht unserer Städte oder die Art unserer Kleidung, mit denen wir uns zivilisatorisch kenntlich machen. "Genau besehen", so Norbert Elias, "gibt es beinahe nichts, was sich nicht in einer 'zivilisierten' und in einer 'unzivilisierten' Form tun ließe." Zivilisation ist die Glasur, mit der wir unser gesellschaftliches Leben überziehen. Es muss, so könnte man sagen, irgendwie glänzen.

"Zivilisierte Formen" im Sinne Elias' müssen sichtbar sein. Überall, wo "dargestellt" wird, wo zivilisatorische Formen über die Art der materiellen Ausstattung wahrnehmbar sein sollen, brauchen wir Luxus: Dekor, Kunst, Schmuck, teure Stoffe. Öffentliche Gebäude müssen repräsentativ gestaltet sein, öffentliche Zeremonien und symbolische Handlungen bedürfen einer ästhetischen und wahrnehmbaren Ausstattung, individuelle Selbstdarstellung bedient sich modischer Accessoires. Eine Kathedrale ist nicht ohne Grund voller Luxusgegenstände.

Inszenierung des Überflusses: Feierliche Eröffnung des Wiener Opernballs

Inszenierung des Überflusses: Feierliche Eröffnung des Wiener Opernballs

Foto: LEONHARD FOEGER/ REUTERS

Formale soziale Anlässe werden durch einen zeremoniellen Rahmen und durch ausgewählte Kleidung der Mitwirkenden sichtbar. Auch für die private Lebenskultur hat der Luxus eine stilbildende Funktion. Luxus ist eben nicht nur Luxus. Luxus gibt dem Stil und der Formensprache einer Zivilisation ein wahrnehmbares Gesicht.

Daher also sehen wir die Paläste, Kathedralen, die aufwändigen Zeremonien, die Eleganz der Mode mit Wohlgefallen, auch wenn wir nicht immer selbst Teil des Luxuskonsums sind. Unser Unbehagen gegen die asketische Reduktion unserer Welt hat uns nicht getäuscht. Wir wollen Luxus als notwendigen Teil unserer zivilisatorischen Umwelt.

Wer bezahlt die Rechnung?

Doch gehört Luxus nicht zu den Dingen, die wie die Kunst zwar wichtig, aber ökonomisch nutzlos sind? Deren Wert wir erkennen, bei denen wir aber drauflegen müssen, um sie uns leisten zu können? Hat nicht bei allem dennoch die These Webers Gültigkeit, dass ökonomischer Fortschritt auf Luxusverzicht beruht? Wenn dies aber nur die halbe Wahrheit wäre? Wenn nicht nur der Wohlstand den Luxus, sondern auch der Luxus den Wohlstand erzeugte?

Dass Luxus die wirtschaftliche Produktion ankurbelt, ist keine besonders neue, aber eine leider sehr vernachlässigte These. Sie findet sich bereits bei Denis Diderot, einem anderen genuss- und luxusfreundlichen Aufklärer. Im umfangreichen Artikel zum Thema in der von Diderot mit herausgegebenen Enzyklopädie wird die positive Einschätzung des Luxus mit dem engen und wechselseitigen Zusammenhang zwischen Luxusbedürfnis und gesellschaftlichem Wohlstand begründet: "Da der Wunsch, sich zu bereichern, und der Wunsch, den Reichtum zu genießen, in der Natur des Menschen liegen, seit er in der Gesellschaft lebt; da diese Wünsche die großen Gesellschaften erhalten, bereichern und beleben; da der Luxus ein Glück ist und von sich aus kein Unglück anrichtet - so darf man weder als Philosoph noch als Herrscher den Luxus als solchen angreifen."

Das Trio von Liebe, Luxus und Kapitalismus

Auch nicht alle Soziologen und Ökonomen haben dies getan. Und hier fällt unser Blick auf einen Zeitgenossen Webers, der in bemerkenswerter Weise sowohl die zivilisatorische wie die ökonomische Bedeutung des Luxus erkannte.

Werner Sombarts 1913 erschienene Schrift Luxus und Kapitalismus, deren ursprünglicher Titel Liebe, Luxus und Kapitalismus lauten sollte, entstand als Nebenprodukt seiner Kapitalismustheorie und hat doch alle Chancen, diese in ihrer Bedeutung zu überleben.

Wie Elias in seiner Zivilisationstheorie, so setzt auch Sombart im späten Mittelalter an, bei Entwicklungen, die mit der höfischen Gesellschaft beginnen und später in die bürgerliche Gesellschaft übergehen. Dazu zählen die Entstehung sozialer Zentren wie Hof und Großstadt, in denen sich eine urbane Alltagskultur entwickeln und der Luxuskonsum sich konzentrieren konnte; die exponentielle, durch koloniale Ausbeutung geförderte Entstehung privaten Reichtums; und schließlich die Heranbildung einer neuen sozialen Schicht, dem "neuen Adel", der aristokratische Position mit bürgerlichem Geldvermögen verbindet.

Es ist eine Entwicklung, die an den Renaissancehöfen Italiens beginnt, im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts fortgeführt wird und im französischen Absolutismus ihren Höhepunkt erlebt. Sie legt das Fundament für einen erweiterten Luxuskonsum und damit für eine Verfeinerung der Lebens- und Alltagskultur.

Verfeinerung der Alltagskultur: Man kann eine tadellos funktionierende Uhr als Gratis-Dreingabe für ein Zeitschriftenabo bekommen - oder aber satte fünf Millionen Dollar für eine diamantbesetzte Hublot-Damenuhr ausgeben. Bei Sombart ist die Frau prägend für den "esprit de finesse".

Verfeinerung der Alltagskultur: Man kann eine tadellos funktionierende Uhr als Gratis-Dreingabe für ein Zeitschriftenabo bekommen - oder aber satte fünf Millionen Dollar für eine diamantbesetzte Hublot-Damenuhr ausgeben. Bei Sombart ist die Frau prägend für den "esprit de finesse".

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Nicht ganz zufällig ist, dass diese Entwicklungen literarisch und philosophisch auch von der europäischen Moralistik reflektiert werden. Die Moralisten, Beobachter und Kritiker von Lebensformen und sozialen Dispositionen, waren vor allem eins: scharfsinnige Kommentatoren der zeitgenössischen Zivilisation.

Die Moralistik geht in ihrer Entwicklung den gleichen geografischen, von Sombart skizzierten Weg: von den italienischen Fürstenhöfen über Spanien bis in die französische Klassik, wo auch sie zur Blüte gelangt.

Sombart war diese Tradition vertraut und er zitiert aus ihr. Hat sie doch, in ihrer französischen Variante, jenes Verhaltensideal des honnête homme entwickelt, in dem sich die neue Lebenskultur idealtypisch spiegelt. Der honnête homme ist der mit esprit de finesse, mit ästhetischem und sozialem Feinsinn ausgestattete "Mann von Welt". Er weiß, wie er sich benehmen, wie er sich kleiden und wie er Konversation halten muss. Nicht zuletzt weiß er, wie er sein Geld ausgeben soll.

Verziertes Faberge-Ei: Endlose Handwerksstunden, mehr als ein Kilo Gold und Hunderte von Edelsteinen waren nötig, um dieses Prunkstück herzustellen, dessen einziger Zweck es ist zu prunken.

Verziertes Faberge-Ei: Endlose Handwerksstunden, mehr als ein Kilo Gold und Hunderte von Edelsteinen waren nötig, um dieses Prunkstück herzustellen, dessen einziger Zweck es ist zu prunken.

Foto: HO/ AFP

Dies verdankt er seinem weiblichen Pendant, das in Sombarts Luxustheorie eine entscheidende Rolle spielt. Denn die Hefe, die aus diesem Amalgam sozialer und ökonomischer Entwicklungen den Luxuskonsum sich entfalten lässt und die Verfeinerung der Alltagskultur vorantreibt, ist bei Sombart die Frau.

Genauer gesagt: jener weibliche Typus, der sich von der Hofdame über die Kurtisane zur gebildeten Salondame der französischen Klassik ausprägt. Sie verbindet die Kultur der freien "illegitimen" Liebe mit einem ausgeprägten Sinn für sozialen Takt und stilvolle materielle Ausstattung. Sie regt den Luxuskonsum als eine neue, vom esprit de finesse geprägte Lebensform an.

Dies betrifft die Möblierung der entstandenen Stadtpaläste ebenso wie die Normen der Kleidermode oder den Genuss teuren Gebäcks. Es betrifft aber auch die Inszenierung der Schönen Künste, sei es in den höfischen oder städtischen Theatern, sei es in den Salons. Die galante Dame von Welt, wie wir sie nennen könnten, kanalisiert die Ausgaben ihrer vermögenden Liebhaber.

Die Liebeskultur und die Verfeinerung der Sitten

Es ist nach Sombart die neue, von theologischen Fesseln gelöste Liebeskultur, die mithilfe des Luxus die Verfeinerung der Sitten befördert. Was als Mätressenwirtschaft beginnt, revolutioniert die Alltagskultur der höheren Stände und wirkt von dort in die Gesellschaft als Ganzes hinein. Sombarts Studie stützt die These: Luxus ist zivilisationsfördernd.

Und er treibt ökonomische Entwicklungen an - in der Landwirtschaft (Schafzüchtung), in den Kolonien (Gewürze), vor allem aber in der gewerblichen Produktion.

Die Nachfrage nach Luxusgütern lässt die Luxusindustrie entstehen, so ganze Sparten der Textilindustrie und Möbelindustrie, die Seidenproduktion, die Porzellanmanufakturen oder die Zuckerindustrie. Luxusproduktion im großen Stil kann nicht nur die Nachfrage befriedigen und garantiert einen großen Absatz, sie ist auch von Konjunkturschwankungen unabhängiger.

Insgesamt, so Sombarts These, "ist die Einflusssphäre des Luxus und seine Bedeutung für die Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems außerordentlich groß". Unsere ökonomische Dynamik mag sich der innerweltlichen Askese auf Seiten der Produzenten verdanken, sie verdankt sich aber sicherlich auch der Luxusnachfrage aufseiten der Konsumenten.

Sombarts Verdienst ist es nicht zuletzt, den Verteidigern des Luxus ihr gutes Gewissen zurückgegeben zu haben. Wer auch immer den engen Zusammenhang zwischen Luxus und Zivilisation mit Fakten unterlegt haben will, sollte getrost einmal seine erstaunliche Schrift in die Hand nehmen.

Zurück zur Natur? Zum Holzlöffel, zum Strohsack und zur Fellbekleidung? Nein, danke! Wir wollen Luxus, weil wir Zivilisation wollen. Luxus ist Common Sense.