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Wasser, Feuer, Erde: Ein schöner Garten spielt mit den Elementen

Foto: Oliver Schuh

Gartengestaltung Begehbare Skulpturen

Weg vom Klein-Klein und dem langweiligen topfebenen Rasen: Der Landschaftsarchitekt Manuel Sauer will Gärten spannender machen und rät im Gespräch mit manager magazin online zu viel mehr Mut bei der Gestaltung.

mm: Für die aktuelle Internationale Gartenschau in Hamburg haben Sie überdimensionale rote Blutkörperchen auf ein gewelltes Rasenstück gesetzt. Warum?

Sauer: Der Garten heißt "Im Ruhepuls". Er ist ein Gesamtprojekt, das ich gemeinsam mit der Künstlerin Birgitta Weimer entwickelt habe. Es soll die vollkommene Entspannung nach der Aktivität darstellen. Das ist eine sanft schwingende Rasenskulptur, von weißrindigen Himalaya-Birken umgeben, es gibt sonnige und schattige Bereiche. Die Skulptur soll an ein Kapillarsystem erinnern, durch das die "Globules" von Birgitta Weimer fließen. Diese roten Blutköperchen sind 200.000 fach vergrößert, ein Betonkern macht sie stabil.

mm: Würden Sie so etwas auch für einen Privatgarten machen?

Sauer: Ja, warum nicht? Meine Philosophie als Planer ist es, eine stark topographische Architektur zu entwickeln. Viele Gärten sind viel zu zweidimensional. Landschaftliche Topographie heißt, dass man etwa stärker mit Terrassierungen arbeitet oder das Terrain auf andere Weise modelliert. Ich sehe Gärten als begehbare Skulpturen. Ein Rasen muss da auch nicht immer topfeben sein.

mm: Die Durchschnittgröße des deutschen Gartens beträgt 400 Quadratmeter. Wieviel Platz brauchen Sie, um etwas richtig Schickes zu planen?

Sauer: Klar, für einen skulptural gestalteten Garten sind 50 Quadratmeter zu wenig. Aber viel entscheidender als die Größe des Gartens ist der Mut des Bauherrn. Eine gestalterische Idee kann ja auch Verzicht erfordern. Wenn man skulpural arbeitet, kann man auf dem Gelände nicht mehr ohne weiteres Federball spielen.

mm: Der Naturschutzbund kritisiert, dass die meisten deutschen Gärten mit ihren kurzen Rasenflächen und Lebensbaumreihen "ökologische Wüsten" seien. Spüren Sie als Gestalter da eine Verantwortung? Kurz: Denken Sie beim Planen an Igel?

Sauer: Der Igel liegt mir zwar am Herzen, und ich denke auch sehr ökologisch, sonst hätte ich den falschen Beruf. Aber die andere Komponente ist, dass ein Garten funktionale Aspekte für den Nutzer optimal erfüllen soll. Ein Garten ist ein privater Rückzugsraum, in dem man sein Leben auch ein Stück weit kultiviert genießen möchte. Aber es muss ja trotzdem nicht immer nur der eintönige Rasen sein.

"Ich mache lieber Umbauten als Neuanlagen"

mm: Womit beginnen Sie, wenn Sie einen Garten gestalten?

Sauer: Ich unterhalte mich mit dem Kunden intensiv über seine Vorstellungen. Ein guter Architekt muss in erster Linie gut zuhören können. Architektur und Landschaftsplanung sind keine freien Künste, sondern planende Leistungen, die die künftige Nutzung im Blick haben müssen. Und ich spreche früh über das Budget. Der Bauherr muss verstehen, was die Realisierung des Traums kostet.

mm: Geben Sie uns doch mal ein paar Richtwerte.

Sauer: Wenn wir über einen eleganteren Garten sprechen, mit guten Materialien, die unser Klima dauerhaft aushalten, kann man brutto mit 200 bis 350 Euro pro Quadratmeter rechnen. Dachgärten sind meist teurer, weil die Detaillösungen aufwendiger sind.

mm: Was schlägt am meisten zu Buche?

Sauer: Es gibt vier große Komponenten: Pflanzbereiche, Rasenflächen, Terrassen und Wege sowie Erdbau und Versorgungstechnik. Rollrasen kostet so um die 15 Euro pro Quadratmeter, bei Pflanzungen rechnet man mit 50 Euro - und gepflasterte Bereiche je nach Material bis 300 Euro. Wenn ein Garten mit großzügigen Inhalten gestaltet sein soll, dann steigen die Kosten. Deshalb mache ich weniger Neuanlagen, sondern meist Umbauten.

mm: Was ist da anders?

Sauer: Bei Neuanlagen stehen die Leute meist noch unter der Kostenlast des Hausneubaus, und für den Garten ist noch nicht so viel Interesse übrig. Die besseren Ideen entstehen, wenn die Bauherren den Blick wieder frei haben für den Außenraum und ihn auch bereits etwas besser kennen.

mm: Was ist der häufigste Fehler bei der Gartengestaltung?

Sauer: Dass man zuviel möchte. Die Wunschzettel sind einfach zu voll. Man soll sich lieber auf ein konkretes Gestaltungsthema konzentrieren und das durchziehen.

mm: Zum Beispiel?

Sauer: Bei den Pflanzen sich auf eine Stilgruppe beschränken. Einheitlichkeit kann viel schöner sein als beliebige Vielfalt. Mit Gräsern oder Bambus geht das zum Beispiel sehr gut. Man kann auf einem kleinen Grundstück einen Bambusdschungel wachsen lassen, mit einer fantastischen Lichtung, und so eine unverwechselbare Stimmung komponieren. Das Thema ist dann getroffen, wenn eine klare Charakteristik entsteht.

mm: Und wie gehen Sie dann konkret bei der Planung vor?

Sauer: Ich versuche, die klassische Denkweise aufzubrechen. Die hat doch immer dieselben Elemente: Am Haus macht man eine Terrasse, dahinter kommt Rasen, dann ein blickdichter Abschluss, fertig. Man sollte nicht am Wohnzimmer anfangen und dann immer klein-klein weiter planen.

mm: Sondern?

Sauer: Ich versuche zuerst eine räumliche Dimension zu schaffen, etwa mit Hecken oder Kleinbäumen. Man muss in den Garten hineingehen. Mit den Kunden stehen wir erst immer auf der Terrasse, und dann erklären die, was sie wollen. Ich gehe dann mit ihnen in den Garten und nehme andere Standpunkte wahr. Das ist für viele eine Augenöffner. Das eigene Haus ist dabei immer ein wichtiger Aspekt: Viele haben hart dafür gearbeitet und sich viele Gedanken darüber gemacht, und dann sehen sie von der Terrasse aus immer nur die Nachbarhäuser. Warum nicht den wichtigsten Sitzplatz in den Garten verlegen, wo man den schönsten Blick hat?

"Jeder Garten braucht Wasser"

mm: Man kann ja Grundstücke auch optisch vergrößern, indem man die Umgebung mit in die Planung einbezieht.

Sauer: Ja, das wünschen sich die Leute oft. Aber ich empfehle das nur, wenn es sich wirklich lohnt. Wenn man einen Waldrand hat oder ein Naturschutzgebiet. Dann kann man den Blick in die Ferne lenken. Meist endet der aber vor der Wäschespinne oder dem Carport des Nachbarn. Dann sollte man akzeptieren, dass der Garten zwar klein ist, aber in sich schön. Und die Umgebung ausblenden.

mm: Welche Rolle spielt Wasser bei der Gartenplanung?

Sauer: Ich bin überzeugt, dass jeder Garten Wasser braucht. Ich spiele gerne mit den Elementen. Die Flora ist das eine, das Wasser gehört aber gestalterisch immer dazu - und Feuerstellen sind genauso wichtig, um verschiedene Attraktionen zu schaffen.

mm: Wasser ist natürlich ein teurer Spaß.

Sauer: Ja. Da eine billige Lösung hinzubekommen, ist schwierig. Je niedriger das Gewässer ist, desto mehr muss man eingreifen, chemisch oder biologisch. Für die biologische Lösung braucht man verschiedene Zonen, Sumpfzonen und schattige Bereiche. Es gibt dazu natürlich auch tolle Filtertechnik, aber jede Technik ist auch wartungsintensiv. Oder man reinigt das Wasser chemisch. Dann braucht man ebenfalls gute Technik, weil Dichtungen empfindlich sind und gern korrodieren. Eine wirklich günstige Alternative ist ein kleines Mini-Biotop: Ein Holzfass mit zwei oder drei Wasserpflanzen wie Mini-Rohrkolben oder Froschlöffel. Das funktioniert.

mm: Die Art der Gartennutzung ändert sich mit der Zeit: Erst hat man kleine Kinder, dann einen stressigen Beruf mit wenig Zeit für den Garten, und im Alter fällt die Arbeit schwer. Wie oft muss man umplanen?

Sauer: Im Schnitt würde ich sagen, alle 15 Jahre. Wenn die Kinder klein sind und Spielburgen und Sandkasten brauchen, ist eh nicht so viel Platz für eine groß angelegte Gestaltung. Im Teenageralter werden sie aber hellhörig, wenn dann beispielsweise das Wort Pool fällt - der ästhetische Außenwohnraum kann dann auch für die Kinder attraktiv werden. Ein Swimmingpool oder ein Schwimmteich brauchen natürlich Platz. Viele meiner Projekte sind ein Kompromiss zwischen Zierbecken und Pool, mit einem kleinen Blickfang wie einem leicht über dem Wasser schwebenden Sitzplatz.

mm: In den vergangenen Jahren hat so etwas wie eine Wohnzimmerisierung unter freiem Himmel eingesetzt: Draußen stehen wetterfeste Sofas, Betten und Außenküchen. Finden Sie das gut?

Sauer: Das finde ich sogar außerordentlich gut. Es ist überfällig, den Außenraum als gleichwertigen Lebensbereich zu begreifen. Mit Freunden draußen kochen, am Feuer sitzen - das all das macht die Verweilzeit draußen länger. Ganz aus dem Herzen gesprochen: Ich bin Landschafter, weil ich gerne draußen bin. Ich bin aber auch Designer und nicht nur Pflanzenfreund. Das Draußen im Garten kann hat so viele Funktionen bieten: Sitzen am Kamin. Grillen, Kochen, Faulenzen, Baden. Es gelingt aber nicht, alle möglichen Nutzungen nur auf der Terrasse zu erfüllen. Da muss schon ein umfassendes Raumkonzept her.

mm: Wollen die Leute auch wieder mehr Nutzgärten? Ist das ein ernstzunehmender Trend?

Sauer: Ich würde das begrüßen. Meist sind solche Entwicklungen ja Amplituden: Da wird dann wieder neu entdeckt, dass ein Apfelbaum interessanter sein kann als eine Buchsbaumkugel. Aber die Buchsbaumkugel war zu ihrer Zeit auch wichtig, um den Blick für die Gestaltungsstile zu schärfen. Von jeder Mode bleibt irgendetwas Gutes hängen. Gemeinsam ist aber eines allen diesen Strömungen. Die Menschen entdecken den Garten immer mehr als Lebensraum. Das ist wunderbar.

mm: Wie sieht denn Ihr eigener Garten aus?

Sauer: Ich habe einen Balkon. In Nordlage.

mm: Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.

Sauer: Doch, warum nicht? Ich bin eher ein Nomadentyp und reise dafür ausgiebig durch die verschiedensten Landschaften unseres wunderschönen Planeten. Beruflich halte ich mich ohnehin viel in Gärten auf - tatsächlich oder gedanklich. Das ist sowieso das größte Geschenk.

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