Freitag, 10. April 2020

Hausgeräte-Design "Wir müssen der Waschmaschine den maschinenhaften Charakter nehmen"

Design: Die Haushaltsgeräte von morgen
Fachhochschule Nordwestschweiz

Waschmaschinen, Spüler, Kühlschränke: Die Produkte, mit denen Gerhard Nüssler sich beschäftigt, prägen unseren Alltag, aber über ihre Gestaltung denken die meisten Menschen wenig nach. Der Designchef der Marke Siemens bei der BSH Home Appliances Group erklärt im Interview, worauf es ankommt.

manager magazin: Herr Nüssler, Sie haben als Designchef eine schwierige Aufgabe. Hausgeräte sind meist rechteckige Kästen mit genormter Kantenlänge: Spülmaschine, Waschmaschine, Herd, Kühlschrank. Langweilen Sie sich nicht?

Gerhard Nüssler
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    Gerhard Nüssler begann seine Karriere als Modellbauer, bevor er Industriedesign studierte. Seit zehn Jahren verantwortet er als Vice President und Head of Global Design, Brand Siemens, das Gesicht der Siemens-Haushaltsgeräte.

Nüssler: Es ist schon so: Von dem Würfel, den wir da haben, können wir im Grunde nur eine Seite bearbeiten: Die Front. Das ist manchmal fast eine grafische Aufgabe. Die aber lösen wir voller Empathie für unsere Zielgruppe, um deren Leben leichter zu machen.

Das gelingt Hausgerätegestaltern nicht immer: Subjektiv betrachtet werden viele Geräte immer komplizierter.

Sie werden komplexer, weil sie eine Vielzahl neuer Funktionen bieten, auf die man aber nicht verzichten möchte. Früher hatte ein Backofen zwei Knöpfe: Temperatur und Heizart. Nehmen Sie jetzt mal ein Kochfeld mit Vollflächeninduktion - da können Sie den Topf hinstellen, wo Sie wollen, und er wird heiß. Drehknöpfe bringen da nichts. Wenn wir Touchdisplays auf den Geräten haben, dann deshalb, weil die Kunden das erwarten: Der Hausgerätemarkt ist kein Trendsetter, sondern ein Spielfeld für bewährte und gelernte Konzepte. Und die setzen wir dann innovativ um: Zum Beispiel in Kühlschränken, die jedes Mal, wenn die Tür geschlossen wird, ein aktuelles Bild des Innenraums aufs Handy schicken.

Und dann?

Kann ich abends vom Büro aus einkaufen gehen und sehe auf einen Blick, was die Kinder am Nachmittag noch aufgegessen haben und was ich neu besorgen muss.

Küche und Wohnzimmer wachsen zusammen, das Bad wird zur Wellnessoase. Was bedeutet das für die Hausgeräte?

Die wenigsten sind wirklich emotionale Produkte. Man kauft sie in erster Linie, um ein Problem zu lösen. Sie wünschen sich ja nicht sehnlich eine Waschmaschine - Sie wollen nur saubere Kleidung haben. Bei Backöfen ist das ein bisschen anders. Sie sind das sichtbarste Gerät im Lebensraum. Hier zeigen sich Trends deshalb deutlicher: Vor 25 Jahren haben wir den Edelstahl in die Küche gebracht. Die Inspiration kam aus der Profiküche. Heute trägt diese Inspiration nicht mehr, weil die Küchen zum Wohnraum werden. Wir sehen deshalb viel Glas und wohnlichere Oberflächen. Und was das Bad angeht: Der Waschmaschine müssen wir den maschinenhaften Charakter nehmen.

Wie soll denn das gehen? Eine Waschmaschine ist doch eben genau das: eine Maschine.

Man kann die Fronten beruhigen. Das sehr präsente Waschmittelfach verstecken. Dem ganzen Gerät eher den Charakter eines Sideboards geben. Und der Drehknopf muss natürlich weg.

Die meisten Hausgeräte sind weiß. Wo bleibt die Farbe?

Die Akzeptanz bunter Geräte ist einfach nicht sehr groß. Bei unserem Design geht es auch um Nachhaltigkeit: Man darf es sich nicht schnell sattsehen, denn die Geräte bleiben im Regelfall ja um die zehn Jahre stehen, und das sollen sie auch. Es gibt Farben, die kann man sehr lange ertragen, andere nicht. Vor ein paar Jahren hatten wir sogar mal eine schwarze Waschmaschine, aber die wollte sich kaum jemand ins Bad stellen.

Welche Auswirkungen haben Wohntrends wie Co-Living-Spaces, Tiny Houses oder der gepflegte Minimalismus im Eigenheim auf Ihr Geschäft?

Neue Geräte müssen wir dafür nicht bauen. Wir haben ein breites Portfolio, das all diese Bereiche bedienen kann. Unsere Designsprache ist minimalistisch, und wir haben 45 Zentimeter hohe Backöfen genauso wie sehr breite, opulente Rangecooker. Aber wir müssen neue Antworten auf die Fragen finden, die nicht nur die junge Generation beschäftigen: Wie man das Mikroplastik aus dem Waschmaschinen-Abwasser bekommt, beim Kochen mehr Zeit für die Gäste hat oder wie sich Geräte flexibel dem Alltag anpassen können - wer unter der Woche kaum zu Hause ist, braucht dann vielleicht wenig Kühlraum, am Wochenende aber mehr.

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