Katalog fast komplett am Computer generiert Künstliche Wohnparadiese bei Ikea

Dieser Tage hat Möbelriese Ikea den neuen Katalog verschickt. Viele der schicken Wohnwelten darin sehen fast zu schön aus, um wahr zu sein. Das liegt daran, dass sie tatsächlich zu schön sind, um wahr zu sein.

Hamburg - Wer einmal eigenhändig eine Ikea-Küche zusammengeschraubt hat, kann verstehen, dass man auf diese Arbeit nicht sonderlich scharf ist. Bei Ikea selbst reißt man sich auch nicht darum - jedenfalls wenn es um den Katalog geht. Nur für ein Bild eine Hochglanzküche aufbauen? Das will keiner, und das tut auch niemand.

Denn wie die Fachsite CG Society  herausfand, sind mittlerweile rund drei Viertel der Bilder im Katalog rein computergeneriert - besonders die großformatigen, glatten Oberflächen von Küchen eignen sich perfekt dafür.

Die Seite zitiert Ikeas IT-Manager Martin Enthed: "Sowohl aus Gründen der Umweltverträglichkeit als auch der zeitlichen Effektivität wollten wir nicht die gesamte Küchenausstattung von überall her zum Shooting transportieren und dann wieder zurückschicken." Die Fotografen könnten ihre Kenntnisse über den richtigen Lichteinfall mittlerweile komplett in die 3-D-Welten des Computers übertragen. Im Grunde, soll das wohl heißen, sind die künstlichen Wohnparadiese also viel wirklicher als die Wirklichkeit.

Auflage von 211 Millionen Exemplare

Der Ikea-Katalog ist eines der auflagenstärksten Printprodukte der Welt. In 211 Millionen Exemplaren ist er in 41 Ländern präsent und wird in 29 Sprachen übersetzt. Dabei kommt es zuweilen zu regionalen Anpassungen, die Empörungspotential bergen: Etwa, als der Konzern 2012 alle Frauen aus der arabischen Katalogversion wegretuschierte.

Auch die frauenfreie war eine künstliche Welt. Aber drei Viertel aller Bilder sind schon eine Ansage - den meisten Kunden dürfte tatsächlich nicht bewusst sein, dass sie Bilder sehen statt Fotos. Der Surrealist René Magritte schrieb mal auf das Bild eines Apfels: "Ceci n'est pas une pomme", dies ist kein Apfel - im Grunde könnte Ikea unter jedes Küchenbild schreiben "Dies ist keine Ikea-Küche".

Der neue Katalog für 2015 zeigt den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits vor zehn Jahren ihren Anfang nahm. Damals begann Ikea mit digitalen Darstellungen statt klassischer Fotografie zu experimentieren - und zwei Jahre später, 2006, wurde der harmlos-schlichte Bertil, seines Zeichens ein Küchenstuhl, der erste Kataloggegenstand, bei dem auf klassische Fotografie verzichtet werden konnte.

Nun also sind drei Viertel des Katalogs in der Digitalsphäre entstanden. Und die weitet sich aus auf den Lebensraum der Kunden selbst: Die 332 Katalogseiten sind schon seit längerem um eine App erweitert. Mittlerweile kann man damit mehr als 300 Möbel als 3-D-Version in den eigenen Raum stellen und so in verschiedenen Perspektiven gucken, wie sich das grüne Sofa zur malvenfarbenen Wand zu Hause machen würde.

Die Online-Ausgabe der britischen Tageszeitung "The Independent"  zitiert zum Thema auch Richard Benson, Kreativdirektor des Digitalbildstudios Pikcells. Der habe schon vor einem Jahr gesagt, dass vor allem Hersteller von Küchen-, Schlafzimmer- und Badezimmermöbeln ganz auf CGI, computergenerierte Bilder setzten, das sei den Kunden nur noch überhaupt nicht bewusst. Die Bilder seien einfacher herzustellen als Fotos und sehen sogar manchmal deutlich besser aus.

Nur Blumen halten sich noch als letzte Bastion des Widerstands - künstlich generierte Blumen sehen einfach immer noch zu künstlich aus. Aber man kann ja statt dessen das blumenförmige Drahtgebilde Liknande ins Bild bringen (zwei Stück 6,99 Euro).

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