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Hoteldesign: Klare Linien, starke Farben

Foto: Leonardo Hotels

Hoteldesigner Andreas Neudahm "Viele Zimmer sind viel zu kompliziert"

Was braucht ein Hotel, damit ein Gast sich spontan wohlfühlt? Vor allem Übersichtlichkeit, sagt der Hotel-Designer Andreas Neudahm, der das Interieur von Hunderten Hotels weltweit gestaltet hat. mmo-Autorin Kirsten Schiekiera hat ihn getroffen.
Von Kirsten Schiekiera

mm: Sie arbeiten seit 20 Jahren als Hotel Interior Designer und haben mehr als 450 Hotels gestaltet. Beruflich bedingt wohnen Sie häufig auch in Häusern von anderen Hotelgruppen. Was sind die größten Ärgernisse für sie als Design-Profi?

Neudahm: Ein echtes Problem ist die mangelnde Funktionalität vieler Zimmer. Der Gast kommt in ein Zimmer und muss sofort sehen, wo er sein Gepäck abstellen kann und wo er Licht an- und ausschalten kann. Ein Plätzchen für den Koffer findet sich immer, irgendwie. Aber die Sache mit der Beleuchtung ist oft viel zu kompliziert und verwirrend angelegt. Die Gäste wissen nicht, wo sie die Leselampe an ihrem Bett ausmachen sollen. Sie drücken verschiedene Knöpfe und sehen allerlei Lichter an und ausgehen - die Lampe neben ihrem Bett brennt unverdrossen weiter. Dann ziehen sie das Kabel. So etwas ist unnötig - und es macht auch dem Zimmerpersonal zusätzliche Arbeit.

mm: Außerdem zweifelt man als Gast in solch einer Situation immer wieder an der eigenen Intelligenz....

Neudahm: Mit Intelligenz hat das nichts zu tun. Letztens erzählte mir ein französischer Hotelier von einer Nacht, die er in einem neuen Pariser Hotel verbracht hat. Er hat es trotz aller Bemühungen nicht geschafft, die LED-Beleuchtung an seinem Bett auszuknipsen. Ein Hotelmitarbeiter musste ihm schließlich dabei helfen. So etwas darf nicht sein.

mm: In vielen Hotels fällt auf, dass die Lobby sehr ansprechend und großzügig gestaltet wurden, während die Ausstattung der Zimmer dagegen eher schlicht daher kommt. Sollen die Gäste durch ein prunkvolles Entrée geblendet werden?

Neudahm: Aus Sicht eines Hoteliers ist die Lobby das Wohnzimmer des Hotels, die Gästezimmer sind dagegen die persönlichen Schlafzimmer. Das gibt auch die Richtung bei der Gestaltung vor. Im Schlafbereich sind eher gedeckte Töne und eine zurückhaltende Möblierung angesagt, im Wohnbereich haben signifikante Einzelstücke ihren Platz - das können ausgefallene Lampen oder große Bilder sein. Als Hoteldesigner muss es mein Ziel sein, Häuser zu schaffen, in die sich der Gast umgehend verliebt und in denen er sich wohlfühlt. Auch in dieser Hinsicht ist die Lobby wichtig. Sie prägt den ersten Eindruck am stärksten, weil sie der erste Raum ist, den man betritt. Außerdem bietet sie durch ihre Größe jede Menge gestalterische Möglichkeiten.

mm: Was gibt schon beim Eintreten das Gefühl "Hier gefällt es mir, hier möchte ich bleiben" ?

Neudahm: Der Gast muss, genau wie in seinem Zimmer, sofort einen Überblick über die Räume und ihre Funktionen haben. Ich arbeite deshalb zunehmend mit Glas und offenen Flächen, so dass die Hotelgäste sofort sehen, in welchen Bereichen sie das Frühstücksbuffet oder die Bar finden. Verschlossene Türen im Eingangsbereich hinterlassen ein ungutes Gefühl. Seit Jahren baue ich keine dieser langen Rezeptionen mehr, die sich durch die gesamte Lobby ziehen. Der Gast fühlt sich dort nicht willkommen und findet keine Orientierung, wenn vier Hotel-Mitarbeiter hinter einem Tresen stehen, der 15 Meter lang oder noch länger ist. Solch eine Szenerie wirkt verloren. Die Rezeptionen in den Hotels, die ich gestalte, sind deshalb in mehrere einzelne Counter unterteilt.

mm: Sie reden viel von der Funktionalität und weniger von Farben und Textilien. Außerdem geben Sie auch zu, dass Sie bei der Gestaltung keine klare Design-Linie verfolgen....

Neudahm: Mein eigener Geschmack spielt bei meiner Arbeit eine untergeordnete Rolle. Es geht letztlich um die Balance zwischen zeitlosem, geradlinigem Design und Funktionalität bei überschaubaren Kosten. Das Budget für das Interieur ist heutzutage fast immer stark begrenzt. Meine Aufgabe ist es, einen passenden Stil für ein bestimmtes Hotel oder eine Hotelkette zu finden. Also beschäftige ich mich zunächst intensiv mit dem Kunden, dem Standort und der Marke und entwickle ein Konzept.

mm: Wie sieht das konkret aus?

Die wichtigsten Fragen sind: Welche Gäste will das Hotel ansprechen? Soll es beispielsweise ein Tagungshotel oder ein Wellnesshotel sein? Durch diese Entscheidung wird bereits die Gestaltung der Zimmer beeinflusst. Geschäftsreisende brauchen beispielsweise übersichtliche Schränke, die klar strukturiert sind, Touristen reisen mit größerem Gepäck und benötigen mehr Stauraum in den Zimmern. Dagegen halten sich Spa-Gäste oft stundenlang auf ihren Hotelzimmern auf, deshalb müssen die Aufenthaltsbereiche in ihren Zimmern großzügiger sein. Es geht also von Anfang an um die Funktionalität.

mm: Was gibt die Richtung bei der Gestaltung vor?

Neudahm: Zunächst legen wir fest, wie groß die Räume sind, wie sie geschnitten sind und wo die Betten und die Schreibtische stehen. So wird langsam von oben nach unten geplant. Zum Schluss geht es um die Dekoration - also um die Frage, welche Farbe die Vorhänge haben und wie die Lampen geformt sind. Das ist der letzte Schliff - und sozusagen der Lack bei unserer Arbeit.

mm: Die Farben dürften auch eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen....

Neudahm: Generell verwendet man heute im Interior Design eher dezente Farben. Plakative Farben werden als "Eyecatcher" eingesetzt und geben den Räumen ein ganz eigenes Ambiente. Eine rote Vase in einem sonst farblich eher zurückhaltenden Restaurant kann die komplette Innenarchitektur des Raumes bestimmen. Tauscht man die rote Vase gegen eine blaue aus, wird die Stimmung von Grund auf verändert. Allerdings geht es bei Farben auch um Vorlieben. Wenn einem Auftraggeber bei der Präsentation ein bestimmter Farbton nicht gefällt, dann wird er auch ausgetauscht.

mm: Die Häuser großer Ketten wirken oftmals seelenlos und austauschbar. Man betritt die Lobby und nichts deutet darauf hin, dass man sich gerade in Berlin, Flensburg, Rom oder Helsinki befindet. Wie schafft man Charakter und Wiedererkennungswert in den Häusern, die zu einem weltweit agierenden Unternehmen gehört?

Neudahm: Das gelingt am Besten, wenn die gesamte Einrichtung die Handschrift des Corporate Designs trägt. In den meisten Häusern, die ich gestalte, wird alles individuell entworfen und gefertigt. Das fängt bei der Rezeption an, betrifft die Möbel und Textilien, aber auch die Handtücher und das Geschirr. In einigen Fällen sind auch die Dienstbekleidung der Mitarbeiter Teil des Interieur-Designs. Auf der anderen Seite muss modernes Hotel-Design meiner Ansicht nach zusätzlich auch einen regionalen Bezug haben. Das kann beispielsweise dadurch gelingen, dass Farben aus der Umgebung im Interieur aufgenommen werden. Bei unseren Hotels achten wir außerdem darauf, dass nur die Bilder von heimischen Künstlern verwendet werden.

mm: Gibt es ein Lieblingshotel, in das es sie immer wieder zieht?

Neudahm: Ich steige fast nie in einem Hotel zweimal ab, dazu bin ich viel zu neugierig. Ich verfolge in der Fachpresse, welche Häuser neu eröffnet oder umgestaltet wurden. Wenn ich beruflich das nächste Mal in dieser Stadt bin, buche ich mir vorher dort ein Zimmer. Mitunter erstaunt es mich, dass ein Interieur in der Presse positiv besprochen wurde, das ich für nicht geglückt halte. Manchmal ziehe ich auch innerlich den Hut, wenn in einem Low-Budget-Haus, das mit geringen Kosten realisiert wurde, großartige Lösungen geschaffen wurden.

mm: Macht es Ihnen noch Spaß, in Hotels zu übernachten?

Neudahm: Unbedingt. Für mich erzählt jedes Hotel eine Geschichte. Wenn ich zum Beispiel entdecke, dass in einem Zimmer vier verschiedene Holzarten verwendet wurden, dann weiß ich sofort, dass etwas schief gelaufen ist und dass der Interiour-Designer seine Arbeit nicht zu Ende machen. Vielleicht wurde er während der Arbeiten durch einen Kollegen ersetzt, vielleicht ging irgendwann das Geld aus und deshalb konnten nicht mehr die ursprünglich gewünschten Materialien verwendet werden. Das ist das Wahrscheinlichste. Solche Details interessieren mich sehr. Meine Frau ist allerdings manchmal genervt, wenn ich beim Restaurantbesuch den Zustand der Fußleisten kommentiere.

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