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Johannes Höhn: Auf Entdeckungstour durch Deutschland

Foto: Johannes Höhn / @pangea

Interview mit Johannes Höhn vom Fotografenkollektiv German Roamers "Die Abenteuer liegen vor der Haustür"

Von Sonja Banze

Johannes Höhn (37) ist Gründer des Fotografenkollektivs German Roamers. Die zwölf Fotografen haben zusammengerechnet gut fünf Millionen Follower auf Instagram, der Kanal selbst hat rund 380.000. Sie wollen mit dem Projekt weitgehend unkommerziell sein, gehen aber ausgewählte Kooperationen etwa mit Mercedes, Adidas oder Tourismusverbänden ein. Mittlerweile gibt es auch Nachahmer: die French Roamers, die Albanian Roamers oder die Alpinists in der Schweiz. Und Spezialisten wie die Saar Roamers.

manager magazin: Alaska, Grönland, Bhutan - die Menschen sind in den vergangenen Jahren in die entlegensten Winkel der Welt gereist. Dieses Jahr also Spreewald?

Johannes Höhn: Eine Woche Australien war so gut wie für jeden erschwinglich. Und vielleicht hilft diese Viruskrise jetzt dabei, dass wir alle anfangen, lokaler zu denken und uns zu fragen, muss ich wirklich jede Reise machen? Finde ich nicht auch in meinem näheren Umfeld spannende Orte? Ich bin da selbst gespalten, denn natürlich habe ich auch Sehnsuchtsziele, diesen Sommer wollte ich etwa nach Grönland, das wird jetzt nichts. Andererseits weiß ich, wie umweltschädlich fliegen ist und das Argument 'Es ist mein Job' kann nicht immer als Rechtfertigung herhalten. Wir sind mitten in Europa, wir können, glaube ich, viele Jahre auch ohne Fliegen sehr, sehr gute Reisen machen. Es muss nicht immer das Fernziel sein. Es gibt genug Inspiration und Abenteuer vor der Haustür.

Johannes Höhn
Foto: Johannes Höhn / @pangea

Johannes Höhn (37) lebt und arbeitet in Köln als Fotograf. Der studierte Sportwirtschaftler ist Gründer des Fotografenkollektivs German Roamers. Auch steckt er hinter der Agentur Pangea Productions.

Mit dem Claim haben Sie schon vor ein paar Jahren für Furore gesorgt als sie mit Ihren German Roamers Deutschland plötzlich instagramfähig gemacht haben. Jetzt, wo es mit dem Reisen ins Ausland nach wie vor schwierig ist, ist wieder viel die Rede von der Entdeckung der deutschen Wildnis. Gibt es die wirklich? Oder sind das nur einzelne Fotomotive?

Es gibt natürlich keine unentdeckten Winkel, und man kann vielleicht nicht zwei Wochen auf Survival-Tour gehen. Aber es gibt große Naturgebiete. Das Isartal im Süden von Bayern, von Garmisch bis Bad Tölz. Da sieht es ein bisschen aus wie in Kanada. Die Leute dort nennen es auch Klein Kanada. Man fährt da durch und denkt: Krass, ist das jetzt noch Deutschland? Die Isar ist knallblau und fließt wild. Oder die Sächsische Schweiz, das ist eine einzigartige Landschaft. Wir sind ja nicht die deutsche Tourismusbehörde, die sagt 'Schaut mal her, Deutschland ist so toll'. Aber der Vorteil von Deutschland ist: Man kann schon bei einem Tagesausflug sehr besondere Ecken entdecken. Viele, die unsere Fotos sehen, denken immer, wir machen extreme Touren. Dabei war es oft nur ein kurzer Ausflug in die jeweilige Gegend, in der wir wohnen, also etwa Köln.

Das Geschäft mit der Wildnis boomt. Es gibt Outdoor-Lifestyle-Magazine, Luxushotels setzen mehr und mehr auf abgelegene Orte - woher kommt diese Sehnsucht nach Wildnis?

Eine große Rolle spielen natürlich die sozialen Medien. Da haben Naturaufnahmen in den vergangenen Jahren einen großen Raum eingenommen und Millionen von Followern gewonnen. Man sitzt Zuhause und sieht die spektakulärsten Orte, man bereist die Welt ohne wirklich unterwegs zu sein. Irgendwann will man dann selbst gute Erinnerungen schaffen, intensiv die Natur erleben, kreativ werden, ursprünglicher werden. Man fängt an, kleine Touren zu machen. Dann will man immer mehr.

Eine Outdoor-Sucht?

Ich bin kein Naturbursche. Ich will eher die Bilder hinkriegen, die ich im Kopf habe. Ich habe 2014 Bilder von Dylan Furst auf Instagram entdeckt. Naturaufnahmen, die anders waren als die klassische Landschaftsfotografie, dunkel, mysteriös. Ich konnte aber nicht mal eben nach Kanada oder Neuseeland reisen. Ich habe mich gefragt: Was haben wir eigentlich hier? Ich habe angefangen deutsche Landschaften zu entdecken und gemerkt wie vielseitig die sind. Und irgendwann stand ich zum ersten Mal morgens allein in der Eifel, an einem trüben nassen Novembertag, die Regentropfen fielen - und das war der Moment, in dem ich dachte: großartig. Das hat mich berührt.

Entdecken Sie immer noch Neues oder haben Sie das Land nach fast sechs Jahren durch? Mittlerweile fotografieren Sie ja auch im Rest der Welt.

Es gibt in jedem Bundesland so viele spezielle Orte, von denen ich höre, und das weckt bei mir immer noch den Entdeckerinstinkt. Vor allem wenn ich feststelle, dass es noch kein besonderes Foto davon gibt. Plötzlich steht man dann in einer besonderen Landschaft, von der man nie gedacht hätte, dass es sowas hier gibt. Etwa die Sequoiafarm in Kaldenkirchen. Ein kleines Areal, privat geführt, mit Mammutbäumen wie man sie sonst aus den USA kennt. Eine veraltete, ganz einfache Website, nur einmal die Woche auf. Als ich da war, dachte ich, das ist ja der Wahnsinn.

Welche Orte haben Sie noch überrascht?

So einfach es klingt, aber sehr besonders sind Heidelandschaften. Im Juli und August blüht die Heide, wenn man da bei Sonnenaufgang steht, sind es irre lila Farben. Die Lüneburger Heide ist natürlich die bekannteste, aber es gibt im Ruhrgebiet die Westruper Heide oder die Wahner Heide in Köln. Man fährt eine Stunde von Zuhause und ist in einer komplett anderen Welt.

Wie sorgen Sie dafür, dass Sie allein sind an den Orten?

Ganz einfach: Man muss sich den Wecker früh stellen und bei Sonnenaufgang da sein. Da ist immer eine komplett andere Stimmung. Der Tag erwacht, die Natur erwacht, man fühlt sich allem viel näher. Und kaum jemand hat die Disziplin so früh aufzustehen. Da ist man dann auch an Hotspots wie der Burg Elz oder der Bastei in der Sächsischen Schweiz, oft ein paar Stunden für sich. Und da macht man auch die besten Fotos. Wenn das Wetter oder die Tageszeit nicht stimmen, werden die Bilder natürlich auch nichts.

Die Orte sehen auf den Fotos oft besser aus als sie sind? Wildnis als Mogelpackung?

Es hängt immer davon ab, wann man unterwegs ist und wie das Wetter ist. Das ist der große Trugschluss bei der Landschaftsfotografie auf den sozialen Medien insgesamt: Die Bilder entstehen bei perfekten Wetterbedingungen und perfektem Licht. Wenn man selbst an die Orte kommt, ist man mitunter sehr enttäuscht. Das gilt nicht nur für Deutschland. Wenn man etwa in Kanada mitten am Tag durch einen der Nationalparks fährt, ist das Licht grell, und die Landschaft sieht nach nichts aus.