Freitag, 18. Oktober 2019

Flugzeug-Recycling Tragfläche als Kaffeetisch - wenn Flugzeuge zu Möbeln werden

Upcycling: Wie Designer Flugzeuge vermöbeln
Wilco Design

250 Quadratmeter Alu-Verkleidung, 3791 Kopfstützenbezüge, 1814 Business-Class-Decken und 128 Flugzeugfenster: Was einst Teil einer stolzen A340 war, vor 18 Jahren das längste Passagierflugzeug seiner Zeit, wird nun nach seiner Außerdienststellung vermöbelt. Die Lufthansa hat den Trend der Zeit erkannt und macht Upcycling - Wandbars, Tischchen und Schlüsselanhänger werden aus dem Flugzeug gefertigt, die textilen Komponenten zu Taschen verarbeitet. Entstanden ist die Idee bei der Miles & More GmbH, die auch der Anbieter der Kollektion ist, die über den Lufthansa Worldshop angeboten wird.

Wenn ein Teil keinen erkennbaren Nutzwert hat, nennt man es halt Skulptur. Schraubt ein Schildchen dran, auf dem zu lesen steht, woher es stammt (A340-600, LH D-AIHO, MSN 767) und verkauft es als Skulptur - wie die 40 Zentimeter hohen weißen Rumpfblechteile, die im Online-Shop der Fluglinie auf kleinen Betonsockeln für 169 Euro angeboten werden. Wenn man die komplette Rumpfhaut zu Plastiken verarbeitete, kommt man so rein rechnerisch auf rund vier Millionen Euro und hat schon mal ein bisschen was vom Anschaffungswert wieder hereingeholt. (Zum Vergleich: Die heutigen Listenpreise für neue Passagierflugzeuge bei Airbus starten bei rund 77 Millionen Euro für einen A318.)

Allerdings ist da mehr drin. Die (schnell ausverkaufte) Wandbar aus zwei Flugzeugfenstern kostete 1222 Euro, der dynamisch wirkende Tragflächen-Kaffeetisch schlägt mit 2999 Euro zu Buche. Die Lufthansa ist allerdings nicht der einzige Anbieter auf dem Flugzeugmöbelmarkt. Die Firma Private Wing etwa hat sich schon vor Jahren auf historische Flugzeuge kapriziert und baut Tragflächen etwa zu riesigen Konferenztischen um (Kostenpunkt: knapp 8000 Euro); das Unternehmen Bordbar ist darauf spezialisiert, die Bewirtungs-Trolleys aus der Kabine in Wohnzimmern oder Büros landen zu lassen, sei es als Barschrank, rollende Arztkoffer oder Spielzeugbehältnis, ebenso wie das schon mehr als zehn Jahre aktive Unternehmen VanDeBord - Gründer Tobias Nottebohm ist selbst Pilot einer deutschen Airline.

Julian Schneider ist Geschäftsführer des Unternehmens Wilco Design, das den Online-Shop Flugzeugmöbel.de betreibt. Barschränke aus Flugzeugfenstern sind auch bei seinen Kunden beliebt: "Das ist ein Original, das der Kunde schnell versteht, weil er die Form von Flugreisen bestens kennt und einen Bezug dazu hat." Im Rohmaterial Flugzeug sieht er einen großen Vorteil: "Das Design wird von den Flugzeugen selbst schon nahegelegt. Wir bemühen uns den Charakter zu erhalten und setzen das entsprechende Flugzeugteil in einen neuen Kontext." Dabei sei es gut, dass es mehrere Anbieter gebe: "Jeder hat auch seinen eigenen Stil. Die Branche ist sehr klein, jeder kennt sich und mit simplen Nachahmungen macht man sich keine Freunde." Auf Anfrage fertigt er sogar Whirlpools aus Turbineneinlässen - Form und Größe passen ideal.

An Nachschub mangelt es nicht. "Aktuell kommen genug Flugzeuge auf den Verwertungsmarkt, die bereits nach zehn Jahren das Ende ihres Lebenszyklus erreicht haben. Mittlerweile sind deutlich effektivere Flugzeuge auf dem Markt, und gerade bei einem Leasing-Modell will eine Fluggesellschaft eine moderne Flotte betreiben", sagt Schneider.

Auch besagter A340 der Lufthansa war nur zehn Jahre im Dienst - zwischen 2006 und 2016. Wichtig sei den Möbelkunden ein nationaler Bezug: "In Deutschland verkaufen sich Flugzeugteile, die einst von Lufthansa, Condor oder Germanwings eingesetzt wurden, überdurchschnittlich, in Großbritannien kommen solche Teile eher weniger an, da geht eher British Airways."

Das Upcycling hat für Fluggesellschaften noch einen weiteren Vorteil: Endlich kann auch die Lufthansa mit Sprüchen wie "Nachhaltigkeit in ihrer schönsten Form" für eigene Produkte werben.

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