Freitag, 20. September 2019

Altersdiskriminierung Zu jung für Verantwortung - oder zu alt für den Job?

Alt und jung im Job: Es wird nicht immer mit demselben Maß gemessen.
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Alt und jung im Job: Es wird nicht immer mit demselben Maß gemessen.
Katharina Starlay
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    Wala Heilmittel / Stephanie Schweigert
    Katharina Starlay ist Modedesignerin, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. In Vorträgen, Seminaren und individuellen Beratungen coacht sie rund um Kleiderstil und Businessknigge. Seit 2002 berät sie auch Unternehmen für deren Außenauftritt und entwickelt Stil-Leitfäden sowie Firmenkleidung. Sie schreibt Bücher (zuletzt als Hörbuch erschienen: Der Stilcoach für Männer) und publiziert über Stilthemen: Starlay.de.

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Wer sich im Sneakers-Zeitalter auf Jobsuche begibt, begegnet in der Unternehmenswelt einem merkwürdigen Phänomen, das man erst einmal verstehen muss:

Vorstände dürfen ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben - wer sich aber im selben Unternehmen um eine Stelle bewirbt, soll von deren Alter noch möglichst weit entfernt sein. Nach unten, versteht sich. Sobald nämlich eine magische Altersgrenze überschritten ist, sind Fachkräftemangel und Nachwuchsengpässe in so mancher Personalabteilung auf einmal vergessen.

Wie kommt es, dass wir als Gesellschaft mit zweierlei Maß messen? Wo hört jung auf - und wann beginnt man alt zu sein?

Die Attribute der Casualisierung versprechen unendliche Gleichheit in Raum und Zeit und lassen uns manchmal vergessen, welchen Lebensweg wir tatsächlich bereits zurückgelegt haben. "Fünfzig ist das neue Vierzig!", rufen uns die Motivationstrainer zu. "Du bist wie ein guter Rotwein - mit den Jahren immer besser! Erfinde Dich neu! Die Lebensmitte kommt noch!" Alles scheint machbar, auch ein Neustart im Rentenalter;… wie auch immer sich das definiert. Nur die Wahrheit im Geschäftsalltag - die kann sehr ernüchternd sein.

Junge Menschen mit starken Persönlichkeiten widerum - nicht nur Frauen - müssen sich durch Strukturen kämpfen und lassen dabei viele Vorzüge auf der Strecke, die Jungsein ausmachen: Energie und Experimentierfreude zum Beispiel, eine unbelastete Herangehensweise an neue Themen. "Nur nicht drängeln - jeder kommt dran", möchte man ihnen zuflüstern. Denn Alter ist tatsächlich das eine große "Ding" im Leben, für das niemand etwas tun muss. Jeder kommt dran.

Wie schafft man es, nicht mehr als Welpe und noch nicht als Fossil wahrgenommen zu werden? Gibt es zwischen Wiege und Schaukelstuhl überhaupt eine beste Zeit für große Erfolge? Fest steht eigentlich nur, dass das Alter auch unseren Alltag berührt, jeden Tag:

Eigen- und Fremdwahrnehmung

Einer der menschlichsten Witze, der mir in meiner Laufbahn zugetragen wurde, rankt sich um die Differenz von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Leider ist die Quelle nicht bekannt - wie bei vielen Legenden. Und der lächelnde Leser - oder auch die Leserin - mag ein Stück von Hans, dem Protagonisten der folgenden Feen-Geschichte, auch in sich selbst entdecken:

"Hans und seine Frau, beide so um die 60, treffen auf eine Fee. Die Fee sagt zu ihnen: "Weil ihr seit 35 Jahren eine beispielhafte Ehe führt, gewähre ich jedem von euch einen Wunsch."

"Ich möchte mit meinem lieben Ehemann um die Welt reisen", sagte die Frau. Die Fee betätigte ihren Zauberstab und abrakadabra, zwei Reisetickets erschienen in ihrer Hand.

Nun war Hans an der Reihe. Er überlegte einen Moment und sagte dann: "Schön, dies ist ein sehr romantischer Augenblick, aber eine Gelegenheit wie diese hat man nur einmal im Leben. Nun, es tut mir leid, mein Schatz, aber mein Wunsch ist es, eine Frau zu haben, die 30 Jahre jünger ist als ich."

Die Frau war zutiefst enttäuscht, aber ein Wunsch ist ein Wunsch. Die Fee beschrieb mit ihrem Zauberstab einen Kreis und abrakadabra, plötzlich war der Ehemann 90 Jahre alt!"

Die Lehre aus der Geschichte ist nicht allein die Erkenntnis, dass Feen Frauen sind, sondern auch, dass die Selbstwahrnehmung besser nicht in Schieflage geraten sollte. Bevor Sie also eine lang ersehnte Kreuzfahrt nicht buchen, weil Sie "mit diesen alten Leuten nicht auf einem Kahn sitzen" wollen, sollten Sie vielleicht noch einmal einen Blick in den Spiegel werfen.

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