Sonntag, 21. April 2019

Fahrstuhl-Philosophie Fluchtweg übers Treppenhaus

Das Leben, ein einziges Auf und Ab.

Nirgends ist der moderne Mensch der Nähe zu Unbekannten so schonungslos ausgeliefert wie im Fahrstuhl. Wie gehen wir damit um? Eine philosophische Betrachtung.

Er gilt als das weltweit sicherste Verkehrsmittel. Statistisch gesehen, benutzt ihn jeder Mensch auf der Erde einmal in 72 Stunden. Großstädte sind ohne ihn nicht denkbar, Wolkenkratzer wurden durch ihn erst möglich, die Klaustrophobie gedieh erst durch ihn. Die Rede ist vom Fahrstuhl, jenem Kind der industriellen Moderne, das nun schon seit 160 Jahren im Dienst des zielstrebigen Individuums ist.

Der Fahrstuhl ist ein Instrument des Alltags, ein Beförderungsmittel rein funktionaler Natur, doch überdies auch ein äußerst eigensinniger Ort. Er sorgt für Irritation, denn den wenigsten gelingt in seinem Inneren ein souveränes Auftreten. Unverhofft beschleicht einen dieses beklemmende Gefühl der Unzulänglichkeit. Wie aus einer zu langen Umarmung möchte man sich aus dem zähen Unterfangen herauswinden. Jede Gebärde wirkt fingiert, künstlich, unbeholfen. Was geht da vor sich?

Subjektiv gesehen, befindet man sich im Fahrstuhl gewissermaßen in einem ortlosen Raum. In den meisten Aufzügen ist man visuell isoliert. Man schwebt blind in einem Schacht. Die tatsächliche Fortbewegung ist sinnlich nicht wahrnehmbar, man kann sich nicht verorten. Der Blick ist auf engem Raum gefangen. Er hungert in gewisser Weise, ist unterfordert.

Und das, was die meisten tunlichst versuchen zu vermeiden, tritt ein: Wer den Fahrstuhl betritt, wird zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Er spürt die Stielaugen der anderen im Nacken. Nervös taxiert man sich gegenseitig und achtet nahezu zimperlich auf jede körperliche Regung. Man verhakt sich irgendwo zwischen Zu- und Abwendung, selbst wenn man dies zumeist versucht zu überspielen.

Die Etagennummern als Orientierung im Taumel

So ist man dankbar um das Anzeigen der Etagennummern. Sie bieten Orientierung in diesem Taumel. Als einziges Entertainment im Fahrstuhl sind die Etagennummern ein beliebter Blickfang. Man versucht auf solche Weise geschäftig zu wirken, ein Kniff, ähnlich wie das Wühlen in Handtaschen oder das weit verbreitete, nahezu manische Rumscrollen auf schlauen Telefonen.

Im weitesten Sinne ist man im Fahrstuhl von seinem tatsächlichen Umfeld, dem Treppenhaus und den Etagen, entfremdet. Letztere treten bloß noch abstrahiert in Form von Nummern auf. Eigenarten der Nachbarschaft - wie unaussprechliche Namen, Fußabstreicher mit mäßig komischen Sprüchen oder Plunder vor der Tür - finden keine gebührende Beachtung mehr. Während man sich zeitoptimiert schnurstracks in das ersehnte Stockwerk befördern lässt, verkommt die Nachbarschaft zu einer Art Parallelgesellschaft. Man ist im Fahrstuhl nicht bloß räumlich von seinem Umfeld isoliert, auch gesellschaftlich.

Gemäß der Definition des französischen Philosophen und Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) wäre der Aufzug ein rein "geometrischer " Raum, im Gegensatz zum "anthropologischen Raum", in dem der Mensch "im Verhältnis zu einer Umgebung" steht. Man wird schlichtweg als Last von einem Stockwerk in das nächste transportiert, ohne dabei in irgendeiner Beziehung zu dem Ort zu stehen, an dem man sich befindet.

Selbst die Beziehung zu einem selbst scheint irritiert. Man fällt gewissermaßen aus der Rolle, ein kurzweiliger Blackout, die Persönlichkeit wird geparkt; für die Dauer einer Fahrstuhlfahrt wiegt sie nicht mehr als die durchschnittlich bemessenen 75 Kilogramm Transportgewicht pro Person. Vulgäres Gekritzel, Graffiti-Tags oder Glückskeksweisheiten an der Fahrstuhlwand lassen sich in dieser Hinsicht als Profilierungsimpulse derjenigen deuten, die im Fahrstuhl schon um ihre Identität bangten.

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