Fotostrecke

Architektur: Schmucke Wachen für die Polizei

Foto: Beka Pkhakadze, Jesko M. Johnsson-Zahn

Polizei-Architektur Die gläserne Wache

In Deutschland sind die meisten Polizeistationen schmucklose Zweckbauten. Dass Recht und Ordnung auch ohne starre 90-Grad-Winkel auskommen, zeigen spektakuläre Entwürfe von Star-Architekten wie Jean Nouvel und Jürgen Mayer H. in Georgien, Spanien und Belgien.
Von Volker Marquardt

Hamburg - Ausgerechnet Georgien. In Mestia, einer entlegenen Stadt im Gebirge der Kaukasusrepublik, steht eines der gelungensten Beispiele, wie Polizeistationen aussehen können: Es ist ein Turm aus Naturstein und Glas.

Inspiriert wurde der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. von den historischen Steintürmen der Region im Norden Georgiens. (Der Leiter des Architekturbüros J. Mayer H. heißt eigentlich Jürgen Hermann Mayer und nutzt das angehängte H. seines Mittelnames, um Verwechslungen zu vermeiden). Sie dienten als Wehrtürme und Vorratsspeicher und prägen immer noch den Ort. Als Baustoff nutzte der Architekt den hellen Naturstein der Umgebung.

Ein weiteres wichtiges Bauelement war Glas. "Der Regierung ging es darum, mit der Polizeistation einen offen und freundlichen Eindruck zu vermitteln", erzählt Jürgen Mayer H. "Daher waren wir früh bemüht, viel Glas einzusetzen, das nun die über mehrere Geschosse verlaufenden Öffnungen füllt." Dabei ziehen sich ungewöhnliche Strukturen über den Steinturm - mal Tropfen, mal Amöbe - und lassen den Turm leicht und fast tanzend wirken.

Es waren tatsächlich Briefumschläge, die Mayer zu den ungewöhnlichen Formen inspirierten. "Einen Teil meiner Inspiration generiere ich aus einer Sammlung von Datensicherungsmustern aus der Innenseite von Briefumschlägen", sagt Mayer. "Diese sollen die Inhalte sensibler Post vor den neugierigen Blicken Dritter schützen. Jeder kennt sie, aber kaum einer beachtet sie." Nicht so Mayer. Über die Jahre hat er Umschläge gesammelt und so einen Pool von Mustern und Graphiken angelegt, die er immer wieder in seiner Architektur einsetzt.

Ein Rundturm für die Gendarmerie

So auch in Mestia, wo er neben der Polizeistation ein Verwaltungsgebäude, den Flughafen und einige Autobahnraststätten entwarf. "Seit der Unabhängigkeit wurden in Georgien viele Neubauprojekte angeschoben - vordringlich in der Infrastruktur, wo ein enormer Nachholbedarf herrscht", sagt der Architekt.

So sollte das bisher schwer zu erreichende Mestia durch Mayers Flughafen für den Tourismus erschlossen werden und durch die Polizeistation eine moderne Note bekommen. Die Rechnung scheint aufzugehen: Inzwischen machen immer mehr an Architektur interessierte Touristen einen Zwischenstopp in Nordgeorgien.

Auch der Star-Architekt Jean Nouvel orientiert sich bei seinem spektakulären Polizeiturm, der gerade im belgischen Charleroi entsteht, an der Umgebung - und will gleichzeitig neue Akzente setzen. Die beiden vorhandenen Gebäude, Reste einer Kaserne aus dem 19. Jahrhundert, werden heute von der Gendarmerie und von einer Tanzakademie genutzt. Mit seinem in der Mitte des Platzes positionierten Rundturm will das Pariser Büro die Offenheit allen Himmelsrichtungen und Achsen gegenüber demonstrieren.

Durch die unterschiedlich großen Fensterschlitze wirkt der sich nach oben verjüngende Turm des Polizeihauptquartiers auf Skizzen trotz der 75 Meter Höhe leicht und verspielt. Das weithin sichtbare Dunkelblau der Fassade spielt auf die Farbe im Logo der belgischen Polizei an. So sollen es die Bewohner leicht zuordnen können.

Ein gestapelter Flachbau aus Beton

Besonderes Augenmerk legte das "Ateliers Nouvel / MDW Architecture" auf die Innenräume, die durch die runden Außenwände geprägt werden. "Wir verbringen inzwischen viel mehr Zeit in Büros als Zuhause. Daher ist es mir wichtig zu zeigen, wie die Arbeitsumgebungen von morgen aussehen könnten", sagt Nouvel in dem Architektur-Blog Dezeen. "Heutige Büros wiederholen vielfach den selben Raum für jeden Mitarbeiter. Dieser sehr rationale und funktionale Zugang hat zu der grauen Büroarchitektur unserer Städte geführt."

Wie diese individuelleren Arbeitsräume für morgen aussehen könnten, zeigt Nouvel auch beim Hôtel de Police in Charleroi: Viele Wände sind verschiebbar und die modularen Arbeitsplätze lassen sich je nach Anforderungen neu gruppieren.

Besonders geglückt ist auch die Polizeistation der Architekten Daniel Martí und Natàlia Ferrer in der spanischen Kleinstadt Xixona. "Von Anfang an war Transparenz für uns die entscheidende Richtschnur", sagt Martí. Das sieht man dem gestapelten Flachbau aus Beton auch an, bei dem ein Großteil der Innenräume auch von außen einsehbar sind.

Das wird durch perforierte Alu-Wände erreicht, die das Gebäude großflächig überziehen. Die Multifunktions-Halle mit einem eigenen Eingang macht das Gebäude zu einem Ort der Zusammenkunft für die Bürger der Kleinstadt. So rücken Polizei und Bürger nicht nur räumlich enger zusammen.

Eine wehrhafte Wand aus Pflastersteinen

Mit Gegensätzen arbeitet das Pariser Architekten-Duo Ameller&Dubois bei seinem originellen Polizeigebäude in Provins, dessen historische Altstadt seit 2001 zum Unesco Weltkulturerbe gehört. Über einer wehrhaften Wand aus Pflastersteinen, die die mittelalterlichen Straßen der Stadt zitieren, erheben sich luftige Sonnenlamellen aus Kupfer. Sie geben der Polizeistation Schatten - und Struktur.

Besonders wichtig waren Ameller &Dubois bei ihrem Bau die geringen Instandhaltungskosten. So sorgen die kupfernen Lamellen für natürliches Licht in weiten Teilen des Gebäudes. Da sie 60 Zentimeter von der Fassade entfernt angebracht sind, ermöglichen sie gleichzeitig eine einfache Reinigung der Fenster.

Im Zusammenspiel mit der Glasfassade entsteht so ein extrem offener Eindruck. Dazu tragen auch die runden amorphen Formen des Sonnenschildes dieser Polizeistation bei. "Recht und Ordnung muss architektonisch nicht zwingend auf 90-Grad-Winkeln basieren", sagt auch Architekt Jürgen Mayer H.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.