Donnerstag, 23. Mai 2019

Stardesigner Michele De Lucchi "Objekte müssen uns das Gefühl geben, wir selbst zu sein"

Design: De Lucchis Entwürfe für eine freundlichere Welt
Gio Pini

Michele de Lucchi begann als Provokateur und radikaler Gegner des Design-Establishments. Seine postmodernen Entwürfe wurden zu Ikonen. Heute denkt er darüber nach, wie Design Leute bewegen kann, ins Büro zu gehen - und ihre Umgebung als schützend und freundlich zu erleben.

mm: Welches war der letzte wirklich hässliche Gegenstand, den Sie benutzen mussten?

De Lucchi: (schweigt anderthalb Minuten) Hässlich… das ist schwierig. Hm. Ich denke eher in anderen Kategorien. Ich würde es lieber so formulieren: Etwas, das nicht zu mir gehört. Ich würde zum Beispiel nie ein Auto fahren, das als Symbol für Geschwindigkeit konzipiert ist. Weil ich nicht Teil dieses Konzeptes bin. Der Rausch der Geschwindigkeit gehört einfach nicht zu meinem Leben.

mm: Ist die Qualität von Design also nicht absolut, sondern abhängig vom Standpunkt des Betrachters?

De Lucchi: Design mag die Art sein, wie wir diese Objekte gestalten. Aber das ist nur die Oberfläche. Es geht im Grunde um die Frage, wie wir leben wollen. Und die beantwortet jeder von uns anders. Es geht dem Designer darum, ein Konzept, eine Idee, einen Gedanken in Ihr Bewusstsein zu bringen. Gutes Design erweitert das Bewusstsein.

mm: Stand das schon immer im Zentrum Ihres Denkens?

De Lucchi: In der Zeit der Konzeptkunst ging es nicht primär um das Objekt, sondern darum, die Rolle des Designers in der Gesellschaft zu betrachten und neu zu definieren. Es geht um menschliches Verhalten: Wenn ein Architekt Räume erschafft, gestaltet er auch das Verhalten der Menschen, die sich in diesen Räumen bewegen. In der Zeit von Memphis ging es darum, was ein Objekt kommuniziert. Die Bedeutung, die ein Objekt für seine Nutzer hat. Später rückte der Umweltgedanke in den Vordergrund: Man wollte Objekte schaffen, die den Menschen der Natur näher brachten und die letztlich auch eine Idee von Menschlichkeit vermittelten. Design muss den Zeitgeist transportieren. Das heißt aber natürlich nicht, dass es kurzlebig sein muss. Es kann sogar sehr lange gültig sein, wenn es radikale Konzepte erzählt.

mm: Ihre Leuchte Tolomeo von 1987 ist ein Beispiel dafür. Warum ist sie so ein Longseller?

De Lucchi: Sie ist eine gute Mischung aus Technologie und Einfachheit. Sie wirkt vertraut. Technik wirkt doch oft sehr aggressiv. Tolomeo ist überhaupt nicht aggressiv. Man kann sie ohne Panik benutzen, in der Küche wie im Büro. Das hat etwas Tröstliches.

mm: Macht gutes Design die Welt besser?

De Lucchi: Es gibt ein menschliches Grundthema: Wir alle sehnen uns nach Sicherheit. Besonders zu Hause und am Arbeitsplatz wollen wir uns sicher und geborgen fühlen. Nur so können wir dort auch unsere besten Eigenschaften zutage bringen. Wir müssen von Objekten umgeben sein, die uns das Gefühl vermitteln, wir selbst zu sein - und in unserer besten Verfassung.

mm: Wenn man sich Chefbüros anschaut, scheinen viele Leute eher zu glauben, dass die Hauptfunktion von Einrichtungsgegenständen darin besteht, andere Leute zu beeindrucken.

De Lucchi: Wir spielen oft Rollen. Wir glauben, jemand anders sein zu müssen, größer, bedeutender, wir erfinden uns eine Persönlichkeit - und unsere Büros und Wohnzimmer sind die Bühne, auf der wir diese Rolle inszenieren. Diese Bühne neigt dann dazu, Gefühle hervorzurufen: Manchmal Ruhe und stille Behaglichkeit. Weisheit, manchmal aber auch Aggression und Eitelkeit. Aber das ist auch alles Teil unserer Menschlichkeit.

mm: Welche Produktgruppe fasziniert Sie heute am meisten?

De Lucchi: Ich bin von Hause aus Architekt. Ich wurde aber zunächst zum Designer. Mittlerweile bin ich wieder so weit, dass ich am liebsten Räume gestalte. Gebäude. Ich bin kein kommerzieller Architekt, das würde mir auch niemand abnehmen. Meine Gebäude funktionieren als Symbole, sie repräsentieren etwas, in ihnen sollen sich Ideen manifestieren.

mm: Ihr jüngstes Werk ist der Unicredit-Pavillon in Mailand…

De Lucchi: Genau. Die Unicredit ist ja eine Bank. Ich verstehe die Rolle von Banken in der Gesellschaft so, dass sie Samen legen, aus denen etwas Großes wachsen kann. Beim Pavillon ging es mir darum, eine Umgebung zu schaffen, in der jede Beziehung eine kreative Beziehung ist, eine Umgebung, in der man einen Beitrag zu seiner eigenen Persönlichkeit finden kann.

mm: Die meisten Menschen bewerten das Tun von Banken sehr viel, nun ja, nüchterner.

De Lucchi: Ich habe eine lange Geschichte mit Banken. In den 90er Jahren habe ich Gebäude für die Deutsche Bank entworfen. Dabei verstand ich, wie wichtig die Beziehung von Bankern und ihren Kunden ist. Das hat mich geprägt. Es geht immer darum, die besten Bedingungen für die besten Beziehungen zu schaffen. Das fängt bei den Möbeln an: Ein eckiger Tisch lädt immer zu Machtspielen ein, ein runder ist viel besser. Das Hauptproblem, wenn man Büroräume gestaltet, ist es, Leute zusammen zu bringen. Ihnen Gründe zu geben, warum sie diese Nähe überhaupt wollen sollten. Heute müssen Leute noch nicht mal mehr zwingend ins Büro gehen, um zu arbeiten - sie können das von zu Hause aus tun oder ihren Laptop im Park aufklappen. Aber eines müssen sie immer noch tun: Miteinander reden. Und dafür brauchen sie eine schützende, freundliche, inspirierende Umgebung. Man will in einer Umgebung arbeiten, als deren natürlicher Teil man sich fühlt. Büros sind deshalb so interessant für Gestalter, weil sie keine zwingend notwendigen Funktionsräume mehr sind, sondern man Gründe schaffen muss, warum man da überhaupt hingehen sollte.

mm: Wie unterscheidet es sich, ob man ein Wohnhaus plant oder ein öffentliches Gebäude?

De Lucchi: Bei Privathäusern soll sich jeder ganz frei ausdrücken dürfen, seiner ganz eigenen Persönlichkeit gemäß. Bei öffentlichen Gebäuden sollen die Leute merken, dass sie das Bedürfnis haben, andere zu treffen, sich auszutauschen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das ist etwas ganz anderes. Man soll fühlen, dass hier etwas passiert. Dass es aufregend ist, zusammen zu sein, vielleicht gemeinsam auf etwas zu warten, wie in einem Theater zum Beispiel.

mm: Mit welchem Ziel?

De Lucchi: Die Welt wird immer komplexer. Wenn wir sie begreifen wollen, brauchen wir die Kunst: Künstler müssen uns helfen, herauszufinden, wer wir sind und was wir wollen. In der Grotte von Lascaux in Frankreich finden sich die ältesten Kunstwerke der Welt, aus der Steinzeit - in dieser Epoche wandelte sich der Homo faber zum Homo sapiens. Heute müssen wir herausfinden, was der nächste Schritt ist, wohin wir uns richten wollen. Kunst ist sehr wichtig dafür.

mm: 1973 protestierten Sie bei der Mailänder Triennale gegen die Trivialität und den Überfluss von Produkten. Wogegen würden Sie Ihren Protest heute richten?

De Lucchi: Gewalt. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, gewalttätig zu sein.

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