Sonntag, 26. Januar 2020

Der DEnglische Patient In the age of Selbstbesamung

Boris Johnson: Wirkt die Selbstinszenierung arg konstruiert, spricht man von "Johnson's spin-doctoring"

Alle sprechen von "Inszenierungen" und "Selbstinszenierungen" - egal ob in der Politik oder in der Schule. Im Büro oder privat. Doch wie spricht man eigentlich darüber in unserer Lieblingsfremdsprache Englisch?

Mal wieder weiß ich selbst am besten worüber ich spreche: Seitdem ich einmal in New York mit einem Stehgreifvortrag über "self-inscenation" punkten wollte - und doch nur als denglischer Patient aufgefallen bin! Meine Gastgeber sahen sich ratlos an. So einen abgehobenen Vortrag hatten sie in ihrem Wolkenkratzer noch nie gehört. Dann fragte mich einer von ihnen: "Peter, are you talking about self-insemination?" Alle lachten. Bis auf mich.

Von wegen Selbstbesamung!

Peter Littger
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    Neben Rückenproblemen und Übergewicht schleppen wir oft auch eine andere Zivilisationskrankheit mit uns herum: holpriges Englisch. Falls Sie auch darunter leiden, hilft Ihnen diese Kolumne von Peter Littger. Er berichtet als Denglischer Patient aus allen möglichen Lebenslagen über deutsch-englische Sprachverwirrungen und nicht zuletzt über seine eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten. Sein Buch "The devil lies in the detail: Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblings- fremdsprache" ist ein Bestseller.
    Auf Twitter unter @FluentEnglish.

Es war kein schöner Moment, sondern ein tiefer Fall - wie aus einem Hochhaus auf den Asphalt. Schlagartig wurde mir klar, dass ich überhaupt nicht flüssig mitreden konnte und mir weit mehr fehlte als bloß ein bisschen Branchenjargon. Schließlich sind "Inszenierungen" weit verbreitet im Medienzeitalter. Es wäre gut zu wissen was "politische Inszenierungen" oder "mediale Selbstinszenierungen" sind - in unserer Lieblingsfremdsprache Englisch.

An jenem Tag in New York verstand ich was eine sprachliche Niete ist! Obwohl in unseren beiden Sprachen von "Innovationen", "Investitionen" oder "Investigationen" die Rede ist, gibt es im englischen Wortschatz keine "inscenations".

Dabei lag ich mit "self" schon gar nicht schlecht, wenn man nur auf die Lehrpläne der Universitäten schaut: "Instagram and the age of self-presentation", "The representation of self in the Facebook age", "Selfies and self-portraiture". Man könnte sagen: We live in the first-person age where everyone has to develop self-branding skills without becoming too self-absorbed and self-obsessed … Bloß von "self-inscenation" ist nie die Rede!

Selbstverständlich wollte ich nach der Peinlichkeit unbedingt wissen, wie man nun im Englischen über öffentliche Inszenierungen spricht, egal ob im Theater, im Netz oder auf der politischen Bühne. Ich fand heraus, dass es zunächst darauf ankommt, ob

die technische Inszenierung,
die Kulissen,
die dramaturgische Inszenierung des Regisseurs oder
die darstellerische Inszenierung der Schauspieler gemeint ist.

Im ersten Fall ist es "(stage) production".
Im zweiten "setting", "scene" ("…behind the scenes") oder "mise-en-scène".
Im dritten "staging" oder "stage direction".
Und im vierten "acting" oder "acting performance".

Außerdem wird zwischen "enactment" (fiktionaler Geschichten) und "reenactment" (historischer Ereignisse) unterschieden.

Trump's grandstanding - Boris Johnson's spin doctoring - and Merkel's engineering

Können Sie mir folgen? Falls nein, lesen Sie einfach weiter. Schließlich wollen wir in Zukunft verständlich über (Selbst-)Inszenierungen in der Politik sprechen. Generell werden sie als "(political) staging" bezeichnet.

Wirkt alles übertrieben selbstdarstellerisch, sagt man zum Beispiel "Donald Trump's grandstanding".

Buchtipp

Peter Littger
The devil lies in the detail - Folge 2: Noch mehr Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblings-fremdsprache

KiWi-Taschenbuch, 320 Seiten, August 2017, 9,99 Euro

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Wirkt alles arg konstruiert, nennt man es zum Beispiel "Boris Johnson's spin doctoring". Und führt die Inszenierung auf scheinbar geniale Weise zum Erfolg, erfüllt sie womöglich die Kriterien für"Angela Merkel's (perfect) engineering".

Wie denglisch hingegen "inscenation" ist, belegt der Eintrag im amerikanischen Wörterbuch "Merriam Webster": "… intended as a translation of German ,Inszenierung'".

Ich bin sehr gespannt, welche Szenen wir in diesem Jahr noch erleben werden - und merken Sie sich auch: "scenic" werden sie bestimmt nicht sein. Denn das bedeutet "malerisch". Und das war die politische Landschaft ja noch nie!

Der Text ist ein Ausschnitt aus dem Kapitel "Nonstop Nonsens - Mediendenglisch". Es ist in Peter Littgers neuem Buch erschienen: "The Devil lies in the Detail, Folge 2 - Noch mehr Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache" Band 1 der Reihe führte 2015 mehr als 20 Wochen die Bestsellerliste an. Beide Bände sind auch als Hörbücher erhältlich.

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