Dienstag, 18. Juni 2019

Business-Knigge Wo bleibt eigentlich die Zivilcourage?

Man muss sich nicht gleich in eine Rüstung werfen, wenn man im Meeting Flagge zeigen will. Aber Geradestehen für die eigenen Werte sollte eine Selbstverständlichkeit sein
Katharina Starlay
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    Wala Heilmittel / Stephanie Schweigert
    Katharina Starlay ist Modedesignerin, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. In Vorträgen, Seminaren und individuellen Beratungen coacht sie rund um Kleiderstil und Businessknigge. Seit 2002 berät sie auch Unternehmen für deren Außenauftritt und entwickelt Stil-Leitfäden sowie Firmenkleidung. Sie schreibt Bücher (zuletzt als Hörbuch erschienen: Der Stilcoach für Männer) und publiziert über Stilthemen: Starlay.de.

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Zivilcourage: Ein altes Wort. Von manchen schwer vermisst und in unserem digitalen Alltag so vergessen wie nie. Was aber unmodern daher kommt, kann über unsere Glaubwürdigkeit, unsere Anerkennung und unseren Erfolg entscheiden: Der Mut, für unsere (gesellschaftlichen) Werte einzustehen und eben nicht einer vermuteten Mehrheit nach dem Mund zu reden, sondern integer zu bleiben.

Ob im heiß umkämpften Bewerbermarkt, im Networking oder im E-Mail-Verkehr: Wir entscheiden uns in vielen alltäglichen oder besonderen Situationen immer wieder dafür oder dagegen - und nicht selten unbewusst gegen unsere eigenen Interessen.

Vor mir liegt eine von Karl Lagerfeld illustrierte Ausgabe von "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen; der Dichter, geboren am 2. April 1805, veröffentlichte den Text 1837. Beide Männer gehörten nicht gerade zu den Ja-Sagern. In diesem weltberühmten Märchen geht es um nichts anderes als um den "Bürgermut" zu sagen, was ist.

Die Geschichte geht so:

Ein besonders eitler Kaiser fällt auf zwei Weber herein, die ihm in betrügerischer Absicht vorgaukeln, sie könnten Stoffe weben, die nur für Betrachter sichtbar seien, welche ihren Job auch wert sind. Für jene aber, welche "für ihr Amt nicht taugen oder unverzeihlich dumm seien", seien die kostbaren Gewebe unsichtbar. Neugierig vergibt der Kaiser den Auftrag, natürlich ohne Ausschreibung, und die Arbeit an den Webstühlen beginnt.

Klar, dass sich weder der Kaiser noch seine Untertanen, von denen er in den nächsten Tagen einige vorbei schickt, um den Projektverlauf zu kontrollieren, trauen zu sagen, dass sie keine Stoffe sehen können. Denn die Weber sind ja veritable Betrüger und verweben - gar nichts, kassieren dafür aber das prächtigste Gold. Parallelen zum heutigen Geschäftsleben mögen zufällig sein ...

Es kommt, wie es kommen muss: Bei einer wichtigen Präsentation - pardon, Prozession - legt der Kaiser seine nicht vorhandenen neuen Kleider an und begibt sich in die bewundernde Menge. Bis, … ja bis sich ein Kind traut zu rufen: "Aber er hat ja nichts an!" Erst dann traut sich auch die Menge zu sehen, dass es nichts zu sehen gibt.

Vielleicht sollten wir öfter einmal dieses Kind sein, den Schneid haben, zu sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist - oder uns trauen, auch Unbequemes zu tun oder zu sagen. Was können solche Situationen im Business-Alltag sein?

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