Neue Kumpelhaftigkeit im Business Seit wann duzen wir uns denn?

Von Katharina Starlay
Ein Duz-Freund: VW-Digitalchef Johann Jungwirth möchte gern für alle "JJ" sein

Ein Duz-Freund: VW-Digitalchef Johann Jungwirth möchte gern für alle "JJ" sein

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Katharina Starlay
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Katharina Starlay ist Modedesignerin, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. In Vorträgen, Seminaren und individuellen Beratungen coacht sie rund um Kleiderstil und Businessknigge. Seit 2002 berät sie auch Unternehmen für deren Außenauftritt und entwickelt Stil-Leitfäden sowie Firmenkleidung. Sie schreibt Bücher (zuletzt erschienen: Erfolgreich über 50: Stilvoll älter werden  ) und publiziert über Stilthemen: Starlay.de .

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Lassen sich Kundenorientierung und die Augenhöhe mit der nachwachsenden Generation tatsächlich am Duz-Faktor messen? Jedenfalls drängt sich diese Annahme auf, wenn man so manche Unternehmensentscheidung betrachtet.

Repräsentanten in betont lässiger Kleidung statt Azubis im steifen Anzug, Duz-Verordnung von oben statt feinfühliger Anrede-Kultur: Die Jagd auf Kunden und geeigneten Nachwuchs ist in die nächste Runde gegangen.

Jüngste Beispiele: Der Hamburger Versandhändler Otto, dessen Vorstände der Belegschaft unlängst geschlossen das Du anboten. Beim Versandhändler Baur bot Geschäftsführer Albert Klein kürzlich sogar Praktikanten das Du an. Auch VW-Digitalchef Johann Jungwirth gibt nicht viel auf grammatische Distanz: "Ich bin J.J. Mich muss man nicht siezen", sagte der Manager kürzlich auf einem Automobilforum in München.

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Firmen, die sich dem nicht anschließen möchten, Menschen, welche das Sie in der Geschäftssprache schätzen gelernt haben und jungen Leuten, die auf eine Karriere bei mehr als einem einzigen Arbeitgeber zielen, stellt sich aber bis heute die Frage, wie die Anrede im Business elegant funktioniert.

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Der Blick über den Kanal nämlich ist trügerisch; zu groß die Versuchung, das britische You mit einem Du zu übersetzen. Das aber haben Briten nicht im Sinn, wenn Sie einen Geschäftspartner mit dem Vornamen ansprechen. Außerhalb der kumpelhaften Pub-Kultur wird das englische Wort nämlich noch immer als Höflichkeitsanrede verstanden. Etwas leichter haben es die Franzosen mit dem Vous oder die Spanier mit Usted - da ist der Tenor auch beim Gebrauch des Vornamens unmissverständlich. Internationalität vom Feinsten.

Nun kommen aber auch neue Jahrgänge in den Unternehmen an, deren Eltern Chauffeur-Dienste von der Schule zum Musikunterricht und von dort zu Fußball oder Ballett geleistet haben. Laura, Jan, Lukas, Sarah und Tim - die beliebtesten Namen ihres Jahrgangs - können selbst kaum etwas dafür, dass sie große Aufmerksamkeit für ihre Person für etwas ganz Natürliches halten.

Im Geschäftsleben aber treffen sie nun auf die Kinder der geburtenstarken Jahrgänge, in denen der einzelne nicht so wichtig war. Jene, die noch zu Fuß, mit dem Bus oder der U-Bahn zur Schule kamen, auch bei schlechtestem Wetter. Sabine, Thomas, Michael und Claudia - ihrerseits beliebteste Namen eines Jahrgangs dreißig Jahre früher - empören sich oft über das Selbstverständnis, mit dem sich junge Erwachsene Rechte herausnehmen und Meinungen äußern. Generationengemisch vom Feinsten.

Wie läuft es nun mit dem Du und dem Sie? Und was passt in der eigenen Firma?

Folgendes will überlegt werden:

Die Art der Anrede

Vor einigen Jahren eröffnete Möbelgigant Ikea in Hamburg ein neues Möbelhaus. Etliche Anwohner fanden das Projekt nicht gut - und duzten das für die kumpelhafte Ansprache seiner Kunden bekannte Unternehmen demonstrativ zurück

Vor einigen Jahren eröffnete Möbelgigant Ikea in Hamburg ein neues Möbelhaus. Etliche Anwohner fanden das Projekt nicht gut - und duzten das für die kumpelhafte Ansprache seiner Kunden bekannte Unternehmen demonstrativ zurück

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa

Entsprechend der Zielgruppe entsteht die Frage, welche Ansprache Wohlbefinden auslöst - so wie ein einschlägiger Wohnwelten-Anbieter seine Kunden von je her duzt und sie damit unmittelbar im gefühlten Wohnzimmer des Verkaufsgeschehens erreicht.

Aber nicht alle lieben den vertraulichen Approach und bleiben lieber beim Nachnamen mit Sie. In der Praxis bewährt sich mittlerweile auch in der Deutschen Sprache die Anrede mit Vornamen und Sie. Erstens lässt es sich entspannt auf den internationalen Umgang übertragen, zweitens fühlt jeder Mensch mit seinem Vornamen eine instinktiv engere Verbundenheit als mit dem Nachnamen und drittens lassen sich hier die Generationen verbinden.

Das Gespräch zwischen Thomas und Laura, Michael und Tim oder auch Claudia und Muhammad kann so einen verbindlichen und gleichzeitig entspannten Ton erhalten.

Das Naturell der Beziehung

Aktiv im Sportverein: In den Kursen wird meist geduzt - und wenn man dort jemanden trifft, dem man auch beruflich begegnet, kann das zu Konflikten führen

Aktiv im Sportverein: In den Kursen wird meist geduzt - und wenn man dort jemanden trifft, dem man auch beruflich begegnet, kann das zu Konflikten führen

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Maurizio Gambarini/ picture-alliance/ dpa

Es kommt vor, dass man Menschen in einem privaten Rahmen begegnet, mit denen aber schon eine geschäftliche Verbindung besteht. Beispielsweise könnten Sie Ihren Zahnarzt beim Vereinssport treffen, wo meistens geduzt wird. Oder Ihr Nachbar arbeitet bei einer Firma, die neu in Ihrem Kundenportfolio ist. Dann wird die professionelle Distanz zum Thema. Hilfreich für eine Klärung ist die Überlegung, welches die Hauptbeziehung ist - und ob ein Du der qualifizierten Arbeit im Weg stehen muss.

Die Richtung des Duz-Vorschlags

Azubis und ihr Ausbilder: Der einzige, der hier stilgerecht ein Du vorschlagen könnte, wäre der Mann in Mittelblau

Azubis und ihr Ausbilder: Der einzige, der hier stilgerecht ein Du vorschlagen könnte, wäre der Mann in Mittelblau

Foto: Waltraud Grubitzsch/ picture alliance / dpa

In Zeiten der Gleichberechtigung überlegen sich viele, wer nun wem das Du anbietet? Und ob man ein Duz-Angebot ablehnen darf? Bis heute gilt: Hierarchie toppt Geschlecht und Alter. Also: Der Ältere bietet dem Jüngeren das Du an - es sei denn, der Jüngere ist der Chef.

Bleibt die Frage, ob man sich aus der Affäre ziehen kann, wenn man das Sie bevorzugt? Trotz der hierarchischen Struktur der Spielregeln sollen sich schließlich beide wohlfühlen. Bringen Sie es also am besten zur Sprache, indem Sie um noch etwas Aufschub bitten und betonen, dass Sie sich Zeit lassen möchten, weil Ihnen der andere wichtig ist.

Der richtige Zeitpunkt

Hetzen Sie sich nicht. Der Weg vom Sie zum Du ist einfacher als umgekehrt - und will überlegt sein.

Hetzen Sie sich nicht. Der Weg vom Sie zum Du ist einfacher als umgekehrt - und will überlegt sein.

Foto: Jan-Philipp Strobel/ picture alliance / dpa

Der nämlich ist Empfindungssache. Gerade im Umgang mit Menschen, die man besonders schätzt und hoch achtet, kann es schön sein, sich auf ein späteres Du zu freuen und diese Vorfreude auszukosten. Darum bringen sich viele, die direkt mit dem Duzen einsteigen. Wenn Sie dann miteinander an den Punkt kommen, ist die neue Anrede umso wertvoller und verbindend.

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