Mittwoch, 11. Dezember 2019

100 Jahre Bauhaus Das sind die wichtigsten Möbel-Ikonen

Bauhaus-Möbel: Ikonen des 20. Jahrhunderts
Thonet/dpa-tmn

Das Bauhaus, die berühmte Kunstschule der Moderne, existierte gerade einmal 14 Jahre lang. Doch was zwischen 1919 und 1933 in Weimar, Dessau und Berlin entworfen wurde, hat nichts von seiner Relevanz eingebüßt. Bauhaus-Möbel sind begehrte Klassiker.

Geometrische Formen, der auf ein Minimum beschränkte Materialeinsatz und kein Detail zu viel - das sind Bauhaus-Möbel. Sie gelten als der Inbegriff der Reduktion. In Zeiten, in denen Klassiker den Ton angeben und die Möbelmessen mit Retro-Look-Entwürfen geflutet werden, ragen diese Ikonen des 20. Jahrhunderts wieder heraus - und das 100 Jahre nach ihrer Entstehung.

Dabei war das, was von 1919 bis 1933 in den Werkstätten der berühmtesten Kunstschule der Moderne entstand, damals alles andere als zeitgemäß oder Mainstream. Es war Avantgarde. Die Möbel waren ihrer Zeit weit voraus und von einer optischen Leichtigkeit, die nichts mit den damals typischen gängigen schweren und dunklen Holzmöbeln gemein hatte. "Die Bauhaus-Möbel stehen für eine Abkehr vom Dekor, für eine schmucklose Formensprache, deren Klarheit die Zweckmäßigkeit des Objektes betont", erklärt Angelika Nollert, Direktorin von "Die Neue Sammlung - The Design Museum" in München. "So gilt der frühe Lattenstuhl namens Ti 1a von Marcel Breuer (1922) bis heute als eine Ikone des Bauhauses."

Im Gegensatz zu den Formen der Gründerzeit und des Jugendstils stehen Bauhaus-Möbel für eine neue Zeit und eine Haltung, die die Gesellschaft positiv verändern wollte. "Die Möbel sind aber nicht nur ein Phänomen ihrer Zeit, sie sind gleichsam die materialisierte Vision eines "Baus der Zukunft", die uns bis heute beschäftigt und fasziniert", so Nollert.

Für die Bauhaus-Designer ging es darum, ästhetisch ansprechende Objekte zu kreieren, die ebenso schnörkellos wie funktional und haltbar sind. Elemente wie Tischplatten oder -beine wurden zum Beispiel in der Regel auf einfache geometrische Formen reduziert. Das gelang auch deswegen, weil Materialien wie Stahl, Glas, Sperrholz und Kunststoff dank neuer industrieller Techniken damals leichter verfügbar wurden.

Die Idee: Je einfacher ein Entwurf gestaltet ist, desto effizienter und günstiger lässt er sich produzieren. Die Reduktion galt als unkonventionell, stellte jedoch die Bauhaus-Devise der Praktikabilität unter Beweis und sollte die Massenproduktion ermöglichen, um ein vergleichsweise großes Publikum zu erreichen.

Dass sich trotzdem nur wenige Menschen die Möbel leisten konnten, war den Umständen geschuldet. Denn die Goldenen Zwanziger waren weder von Anfang an golden, noch erreichten ihre Auswirkungen alle Einwohner der Weimarer Republik. Auf die Hyperinflation zu Beginn des Jahrzehnts folgte lediglich eine kurze Zeit der Stabilität, bevor 1929 die Weltwirtschaftskrise die sozialen Konflikte verschärfte und für eine politische Radikalisierung sorgte. Diese gipfelte im Nationalsozialismus.

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Das Bauhaus hat diese Auswirkungen an allen drei Standorten zu spüren bekommen. Doch gerade die dramatischen Umstände der Schließung der Schule 1933 sowie die Auswanderung der Kreativen führten zu einer Internationalisierung und größeren Verbreitung der gestalterischen Ideen - und der Bauhaus-Look fand ironischerweise durch die Unterdrückung durch die Nationalsozialisten zu seiner globalen Kontinuität.

Die überwiegende Zahl der damaligen Möbelentwürfe wird heute von drei Firmen produziert: Knoll International, Tecta und Thonet. Stilistisch handelt es sich bei Bauhaus-Möbeln in den meisten Fällen um Kombinationen aus Stahl und Leder oder Stoff.

Ein Sessel, der dank seiner minimalistischen Leichtigkeit nicht von seiner Popularität eingebüßt hat, ist der Wassily Chair (Knoll International, 1925/26). Marcel Breuer nahm als Inspiration die traditionelle Form eines gediegenen Clubsessels und vereinfachte sie. Am Ende blieb eine Art Silhouette übrig mit Sitzfläche, Rücken und Armen aus Segeltuch, heute Leder.

Ein weiterer Sessel, der sich als Sitzmöbel für Hotel-Lobbys und Empfangsräume etabliert hat, ist der Barcelona Chair (Knoll International, 1929) von Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich. Er wirkt dank seiner x-förmigen, dezent geschwungenen Stahlbeine filigran, die Sitzfläche scheint förmlich über dem Boden zu schweben.

An streng geometrische Prinzipien hielt sich Walter Gropius beim Sessel F 51 (Tecta). Er hat eine kubische Form. Neu an dem Sitzmöbel war die hinterbeinlose Konstruktion, bei der weder zwei Beine noch die Rückenlehne des Sessels den Boden berühren. Auch wenn dieses Modell aus Holz ist, es ist bei genauerer Betrachtung ein Freischwinger mit voluminöser Polsterung.

Aber in keinem anderen Möbel wird die Inspirationsquelle der Geometrie so deutlich wie in der Babywiege von Peter Keler (Tecta, 1923). Sie setzt sich aus Kreisen, Dreiecken und Rechtecken zusammen. Der Architekt wurde von einem Buch Wassily Kandinskys zur Farbtheorie inspiriert, in dem dieser bereits 1911 seine Gefühle über Farbe und ihre psychologische Wirkung auf den Menschen skizziert hatte.

Dass die Möbel über so viele Jahrzehnte attraktiv geblieben sind, veranlasst auch zeitgenössische Designer, sich immer wieder mit den Stücken auseinanderzusetzen. Das Hamburger Duo Besau Marguerre hat zum Beispiel eine limitierte Jubiläumsedition des Thonet-Stuhls namens S 533 F von Mies van der Rohe in zwei Ausführungen entworfen.

"Die Möbel des Bauhaus sind der Startpunkt des Möbel- und Produktdesigns, das sich in den letzten 100 Jahren entwickelt hat und daher von hoher Relevanz", erklären die Designer Marcel Besau und Eva Marguerre. "Der klare und reduzierte Einsatz hochwertiger Materialien und die grafische Ruhe geben den Möbeln eine klassische Zeitlosigkeit. Dabei verändert sich natürlich die ästhetische Beurteilung und die individuelle Geschichte mit den Möbeln über die Jahrzehnte. Mit feinen Details lassen sich diese Klassiker dennoch schnell wieder ins Jetzt holen."

Uta Abendroth, dpa

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