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Baselworld 2019: Die Neuheiten der Luxusuhren-Messe

Foto: Patek Philippe

Hersteller putschen gegen Luxusuhrenmesse Baselworld Mit Arroganz in die Krise

Die Swatch Group boykottiert, Online-Händlern wird gekündigt, die Leitmesse Baselworld verliert massenhaft Aussteller - die Uhrenbranche ist aus dem Takt geraten. Neue Modelle und neue Ideen sollen jetzt helfen.
Von Michelle Mussler

Am 21. März startet die Baselworld. 2019 scheint jedoch die letzte Bewährungsprobe der einst weltweit größten Uhrenmesse zu sein. Von einst 1500 Ausstellern treten dieses Mal weniger als 500 an. Höchstens 30 relevante Uhrenmarken sind vor Ort. Ein Desaster.

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Neue Luxusuhren: Die Neuheiten des SIHH 2019

Foto: Vacheron Constantin

"Diese Zahl ist geringer als im Jahr 2018 und sicherlich niedriger als erwartet", räumt Michel Loris-Melikoff ein. Wegen der Krise trat er im Sommer als neuer Messedirektor an und räumt seitdem kräftig auf: Mitarbeiter-Entlassungen, günstigere Preise und komplette Hallen werden geschlossen, dafür plant er, anderenorts welche zu öffnen.

"Die größten Wachstumsraten sowohl der Uhren- wie auch der Schmuckindustrie sind nicht in Europa, sondern im asiatischen Raum. Daher macht es Sinn, dass auch wir in diesen Raum vorstoßen", kündigte Loris-Melikoff kürzlich im Schweizer Radio SRF an. Shanghai und Hongkong sind im Gespräch, man liebäugelt zudem mit Miami, möchte sich aber noch nicht festlegen. Asien soll es mal wieder richten, wie schon oft bei der Luxusuhrenbranche in den letzten Jahren.

Fest steht, dass im kommenden Jahr die Genfer Konkurrenzmesse SIHH und die Baselworld fast zeitgleich im April stattfinden. Maßnahmen, die sich gut vermarkten lassen, da Händler und Medien nur noch ein Mal in die Schweiz reisen brauchen. Ob die neuen Ideen jedoch die relevantesten und hausgemachten Probleme beheben, ist fraglich: Arroganz und Gier.

Rebellen versus treue Begleiter

"Die Baselworld ist nicht mit der Zeit gegangen, und die Verantwortlichen haben eine enorme Arroganz an den Tag gelegt", so der Mitbesitzer der Uhrenmarke Mondaine, André Bernheim, der nach 50-jähriger Treue die Teilnahme absagte. Nick Hayek, Tycoon der Swatch Group und größter Schweizer Uhrenhersteller, wurde noch deutlicher. Er kritisierte die Preise und den geringen Service der Messe, aber auch den Wucher bei Hotels und Gastronomie. Rebellierend zog er die Reißleine. 14 Marken inklusive Omega, Breguet, Blancpain, Longines, Tissot und Glashütte Original verabschiedete er aus Basel. Über 150 Hersteller sprangen dieses Jahr auf den abfahrenden Zug, darunter Raymond Weil, Maurice Lacroix, Swarovski und Corum.

Baselworld 2016 (Archiv): Die Zahl der Aussteller sinkt rapide

Baselworld 2016 (Archiv): Die Zahl der Aussteller sinkt rapide

Foto: Baselworld

Schweizerisch diplomatisch beschreibt Oris CEO Rolf Studer die Situation: "Um die Bedürfnisse kleinerer Firmen habe sich die Messeleitung kaum gekümmert". Ähnlich erlebt es Roland Schwertner, Gesellschafter von Nomos Glashütte. Beide halten der Baselworld die Stange. Noch. Treu bleiben ihr auch die Anker-Marken Rolex, Patek Philippe, Breitling, Chopard sowie Carl F. Bucherer, Seiko und Casio. Unerwarteter Nebeneffekt: der Luxusgüterkonzern LVMH mit seinen vier Uhrenmarken Hublot, Zenith, Bulgari und Tag Heuer steht jetzt als Biggest Player vor Ort da. Somit besitzt der französische Konzern eine gewisse Kommandogewalt für die künftige Messe-Entwicklung. Der Schweizer Uhrenindustrie gefällt das nur bedingt.

In Maßen für die Massen - die fünf wichtigsten Trends

Trend 1: Weniger ist mehr

Schon jetzt lüften einige Akteure den Schleier und locken mit Neuheiten. Allen voran ist Purismus weiterhin das Motto der Stunde. Und zwar mit schlichten, aufgeräumten Zifferblättern, dezenten Indexen und Applikationen. Diese sogenannten Dress Watches, Anzug- oder Business-Uhren werden höchstens mit Datumsanzeigen wie bei Bulgaris Jubiläumsuhr Gerald Genta 50th Anniversary aufgelockert. Oder Herrenmodelle werden mit sportlichen sowie handwerklichen Details verfeinert wie beiChopards neuer Mille Miglia. Falls ihnen weitere Komplikationen, wie Chronograph-Funktionen, Kalender- oder Gangreserve-Anzeigen vergönnt sind, gestalten sich selbst diese klarer und lesbarer. Form follows function.

Trend 2: Kleiner ist feiner

Abgespeckt wird auch beim Umfang. Ärmelstopper sind passé, stattdessen rücken schmalere Taillen in den Vordergrund. Für einen besseren Tragekomfort werden die Modelle tiefergelegt und ihre Größen reduziert. Auch die Preise fahren nicht mehr so großspurig auf. Bezahlbares Edelstahl, Titan und Keramik beherrschen das Zeitgeschehen. Goldmodelle sind seltener vertreten, zumal der Materialpreis die letzten sechs Monate um etwa zehn Prozent kräftig stieg. Kurzum, alles in Maßen für die Massen.

Trend 3: Retro ist Trumpf

Trend Nummer drei lautet Heritage, Retro oder Vintage-Look. Dafür reanimieren und modernisieren Uhrmacher ihre Bestseller aus den 1940er bis 70er Jahren. Breitling ist mit seinen Premier B01 Chronographen ganz vorne dabei sowie Seiko mit seiner Ikone Grand Seiko. Gemeint sind gewölbte Zifferblätter und Deckgläser, tragbare Größen, charakteristische Minuterien und Skalen sowie diskrete Farben von Beige bis Braun, von Anthrazit bis Schiefergrau. Damenuhren machen da keine Ausnahme, selbst wenn sie in mehr Farbvarianten aufpopppen. Anders gesagt: alles was schon Oma und Opa gefiel ist wieder angesagt.

Trend 4: Es grünt so grün

Grün ist das neue Blau. Noch immer dominiert cooles Schwarz die Gezeiten, aufgefrischt mit eleganten Blautönen. Vermehrte Extravaganz beweist Grün, das in tannen-, moos- oder olivgrünen Facetten meist kombiniert mit dem beliebten Military-Stil erscheint. Zu erleben bei Zeniths Pilotenuhren, Breitlings Chronographen und Seikos Tauchermodellen Prospex. Einige Rebellen stechen jedoch aus der Monotonie willkommen hervor: an freche Orange- und Rottöne wagen sich Omega, Hublot und Glashütte Original heran. Auffallend mutiger werden auch Armbändern. Farbe und raffinierte Muster mittels Steppnähten, Perforationen oder Strukturen erobern die Handgelenke. Wobei Nomos seit seinem über 20-jährigen Firmenbestehen erstmals ein Stahlarmband vorstellt. Premiere feiert es an der Akademikeruhr Club Campus neomatik.

Trend 5: Bis auf die Knochen

Letztendlich sollen offenzügige Einblicke uhrmacherische Potenz demonstrieren. Gemeint sind Skelettuhren, die ohne Zifferblatt auskommen oder mit großzügige Ausschnitten Technikfreaks tiefe Einblicke in die Kaliber gestatten.

Die Parallel-Happenings der Putschisten

Während einige Anhänger in Basel noch Premieren feiern, veranstalten Putschisten eigene Parallel-Happenings. "Time to move" lautet das Motto: Zwei Tage vor Messeeröffnung lockt damit die Swatch Group ihre Händler nach Zürich zu Neuheiten-Präsentationen von Breguet, Omega, Harry Winston, Blancpain, Jaquet Droz und Glashütte Original. Im Februar eröffnete die Gruppe medienwirksam eine neue Zentrale in Biel für ihre Marke Swatch.

Zugleich kündigte man eine neue Hightech-Linie an: die Flymagic wird mit einer antimagnetischen und ultra-präzisen Nivachron-Spirale ausgestattet. Hayeks Ziel ist es, bald alle Mechanikuhren der Swatch Group mit dieser Hightech-Waffe hochzurüsten. Prompt zündet die Schwestermarke Omega einen Senkrechtstart. Eine Woche vor Basel lanciert sie Nachfolger ihrer kultigen Monduhr Speedmaster zum 50. Jubiläum der Apollo 11 Mission. Nahezu alle Swatch Group Label ziehen mit, indem sie Uhrenfans mit weiteren Neuheiten versorgen. Doch die Branche ist aus dem Takt geraten.

Aufhorchen lassen auch jüngste Bilanzzahlen der Swatch Group. Der Nettoumsatz nahm 2018 um 6,1 Prozent auf 8,48 Milliarden Franken zu. Allerdings zeigen sich Bremsspuren. Im ersten Halbjahr betrug das Wachstumstempo noch fast 15 Prozent. Als Bremsklötze entpuppen sich Trumps Handelskrieg zwischen China und USA, das Brexit-Chaos, Gelbwesten-Demos weshalb Boutiquen tagelang in Frankreich schlossen und die generelle schlechte Laune bei Weltwirtschaftsprognosen.

Der Konzern steht damit nicht alleine da. Die Deloitte Studie "Global Powers of Luxury Goods" 2018 zeigt, die jährlich die Top 100 Luxusgüterunternehmen analysiert, das Ergebnis fällt nüchtern aus: Luxus verzeichnet ein müdes Umsatzwachstum von nur einem Prozent im Jahresvergleich. Uhren schwächeln sogar besonders. Allerdings sehen 55 Prozent der Top-Entscheider die Lösung beim E-Commerce. Bis 2025 sollen 40 Prozent der Kundschaft die digital-affinen Millennials und die Generation Z ausmachen.

Bain & Co beziffert in ihrer "Luxury Goods Worldwide Market Study" das jährliche Wachstum mit fünf Prozent, wobei jeder Zweite aus China stammen wird. Die jungen Konsumenten entpuppen sich jedoch als besonders anspruchsvoll. Sie verlangen personalisierte Einkaufserlebnisse, digitale Plattformen und smart vernetzte Technologien wie Artificial Intelligence.

Statistiken und Studien sind das eine, die Realität oft eine andere. Letzten Herbst entschied sich Nomos über das Portal Chronext seine Uhren zu regulären Händlerpreisen anzubieten. Die Hamburger Juwelier-Kette Wempe reagierte und nahm die Marke aus ihrem Sortiment.

Vergangenen Monat folgte die Überraschung: "Leider jedoch hat sich das Uhrenangebot auf dieser Plattform nicht entwickelt wie wir es erhofft und erwartet hatten", schreibt Nomos an seine Fachhändler. Und entschied, den langjährigen Partnern, die sich mit eigenen E-Shops weiterentwickeln, wieder den Vorzug zu geben. "Daher ziehen wir uns von Chronext zurück - und auch von Chrono24: Von 1. März an sind wir nicht mehr deren offizieller Partner und werden keine Uhren mehr liefern". Wempe und Nomos sind also wieder vereint. Ob jedoch auch die Baselworld mit ihren abtrünnigen Marken und der Swatch Group wieder zueinanderfinden, wird sich frühestens ab 2020 zeigen.

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