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Baselworld 2017: Das sind die neuen Luxusuhren

Foto: Patek Philippe

Neue Luxusuhren auf der Baselworld 2017 Retro, Purismus und smarter Luxus

Viel Retrodesign, vereinzelte Innovationen und Smartwatches: Die Neuheiten der größten Luxusuhrenmesse der Welt
Von Michelle Mussler

Prunk und Glamour herrschen noch immer auf der Baselworld. Aber früher war deutlich mehr Lametta: Auf der wichtigsten Messe der Welt für Luxusuhren und Schmuck, die heute eröffnet, treten über 200 Aussteller weniger an als im vergangenen Jahr. 2016 waren noch 1500 Marken präsent; 2017 haben die Uhrensparten vor allem von Lifestyle- und Modebrands wie Versace und Salvatore Ferragamo ihre Teilnahme abgesagt. Sogar eine komplette Halle, die 4.U, wurde geschlossen. Der Kommentar dazu von der Baselworld-Direktorin Sylvie Ritter: "Wir wollen nicht möglichst viele, sondern die richtigen Aussteller".

Die Absagen hängen mit der schlechten Nachricht zusammen, die zwei Tage vor Messebeginn offiziell bekannt wurde. Laut Schweizer Uhrenverband FH sind die Exporte im Februar zum Vorjahresmonat um weitere zehn Prozent eingebrochen - somit der 20. Monat in Folge mit einem Rückgang. Hauptursache liefert momentan der zweitgrößte Exportmarkt, die USA, mit einem Minus von mehr als 26 Prozent.

Das ist aber nur die eine Wahrheit. Die andere: die Baselworld bekommt den Konkurrenzdruck der anderen Luxusuhrenmesse aus Genf zu spüren. Die Nobelmanufakturen Girard-Perregaux und Ulysse Nardin, aber auch einige kleine Hersteller stellten dieses Jahr statt in Basel auf dem SIHH aus.

Video: Minutenrepetitionen- die Königsklasse der Uhrmacherei

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Erstmals finden junge innovative Marken auch ihren Platz in Basels Prestigehalle 1, wo jetzt Armin Strom sowie Moritz Grossmann und Tutima aus Glashütte ausstellen. "Vielleicht haben wir das nächste Mal die Chance, einen besseren Standplatz zugewiesen zu bekommen", meint Uwe Ahrendt von Nomos.

Passend zur Randlage positioniert sich die erfolgreiche deutsche Marke mit einer Kollektion im unteren Preisbereich: "Mit der Club Campus subventionieren wir besonders Abiturienten und Hochschulabsolventen", erklärt der CEO, der selbst Vater von zwei Kindern im Abi-Alter ist.

Der Clou dabei: in den rund 1000 Euro für die Automatikuhr ist eine individuelle Gravur im Preis inklusive. "Damit haben wir wieder einen kleinen Vorsprung, denn bisher wendet sich keine andere Manufaktur an diese Zielgruppe", so Ahrendt.

Ausnahmeobjekte als Antriebsmotor fürs Business

"Die meisten deutschen Uhrenhersteller werden für ihr faires Preis-Leistungs-Verhältnis weltweit immer beliebter. Wir haben letztes Jahr mit einem Plus abgeschnitten", freut sich Mühle-Glashütte-CEO Thilo. Bei der eleganten Lunova startet das schlichte Einsteigermodell mit Automatik für 1750 Euro und endet bei einem Chronographen für knapp unter 3000 Euro.

Ansonsten gilt in doppeltem Sinn "weniger ist mehr". Zum einen werden die Preise an der unteren Grenze kalkuliert, zum anderen scheint puristisches Design das Motto der Stunde. Praktische Dress Watches, überwiegend im Retrostil, kommen für den Job-Alltag von Rolex, Chopard, Bulgari, Longines und Tissot. Darunter mischen sich vereinzelte Dandy-Modelle: mit Mustern von klassischen Anzugstoffen punktet Hublot, gewagte Goldkreationen finden sich bei Carl F. Bucherer sowie Mido und elegante Sinnesschmeichler mit zartem Alarmgeläut lanciert Hermès.

Ebenso wird die dynamische Männerliga mit Sportuhren und häufig im Military-Look angesprochen. Hier liegen Breitling, Tudor, Oris und Sinn weit vorne. Eine Marke jedoch fällt dieses Jahr besonders auf: Porsche Design stellt einen einzigartigen Chronographen vor, der nicht über klassische Drücker betätigt wird, sondern über eine ausgeklügelte Schaltwippe am Gehäuserand. "Endlich mal etwas wirklich Neues", kommentiert ein Uhreninsider den Porsche fürs Handgelenk.

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Zenith setzt auf einen anderen Antriebsmotor. Die gebeutelte Manufaktur steht seit Januar unter persönlicher Obhut von LVMH-Uhrenchef Jean-Claude Biver. "Das ist meine fünfte Marke, die ich renovieren werde. Dann ist aber Schluss", meint Biver, der seit mehr als 40 Jahren in der Branche aktiv ist.

Mit Turbogeschwindigkeit entwickelten er und ein Team von Tag Heuer, Hublot und Zenith ein neues Sensations-Kaliber: "50 Hertz sind die Zukunft von Zenith und das ist kein Marketing-Blabla." Der Chronograph 'Defy El Primero 21' misst auf die Hundertstelsekunde genau und umkreist rasend schnell mit seinem Stoppzeiger das Zifferblatt in nur einer Sekunde.

Das Besondere: in dem Kaliber El Primero 9004 arbeiten zwei Uhrwerke, eines mit Automatik, dass mit 5 Hertz die Uhrzeit eintaktet, und ein Handaufzug, der mit 50 Hertz die Chronographen-Funktionen antreibt. Das Ausnahmeobjekt funktioniert mit zwei Spiralfedern, die erstmals aus antimagnetischem Karbon gefertigt sind, und formschön in eine Uhr verpackt sind, die unter 10.000 Euro kosten soll.

Die Zukunft wird auch im Luxussegment smarter

Einzig Patek Philippe hält da dieses Jahr auf der Baselworld mit. "Wir sind der Tradition und Innovation verpflichtet und nicht Gimmicks", kommentiert Thierry Stern seine Neuentwicklung. Zehn Jahre lang arbeiteten sechs Ingenieure an der Erfindung, die weniger als zwei Gramm wiegt : eine Unruh-Spirale namens Spiromax aus dem neuen Hightech-Material Silinvar und mit zwei neuen Endkurven. Das klingt nicht nur nerdig, sondern ist es auch, allerdings kann sich das Ergebnis sehen lassen: Uhrwerke mit dieser Spiromax ticken so präzise, dass sie alle bisherigen Chronometer überholen, nämlich mit einer Ganggenauigkeit von -1/+2 Sekunden pro Tag.

Patek Philippe lockt nicht nur mit technischen Neukonstruktionen und 25 weiteren Relaunches seiner begehrten Zeitmesser, sondern auch mit einer Ausstellung der Superlative. Die erstmals 2013 in München gezeigte Schau mit über 500 Raritäten von 1530 bis heute, darunter die teuerste Armbanduhr der Welt, zudem Uhrmacher an Werkbänken, kam so gut an, dass eine aktualisierte Version vom 13. bis 23. Juli in der New Yorker Eventlocation Cipriani stattfinden wird.

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Ein weiteres Top-Gesprächsthema ist das Kopf-an-Kopf-Rennen, das sich seit einer guten Woche der LVMH- und Richemont-Konzern bieten. Genaugenommen sind es Tag Heuer und Montblanc, die als erste Richemont-Marke eine smarte Digitaluhr lanciert. Beide stellten unmittelbar vor der Baselworld attraktive Luxus-Smartwatches vor: die in der Schweiz hergestellte 'Connected Modular 45' von Tag Heuer erlaubt das Austauschen mit mechanischen Uhrenmodulen, ein einfaches Wechseln der Armbänder, verwendet Android 4.3+, besitzt GPS jedoch keinen Pulsmesser. Digital verbunden wird man hier ab 1600 Euro. Hingegen die 'Summit' von Montblanc arbeitet mit Android Wear 2.0, verzichtet auf GPS und kommt dafür mit Herzfrequenzmesser.

Der Marathonläufer und vielreisende Montblanc-CEO Jérôme Lambert entwickelte die Uhr mit. Sie hat zahlreiche Sport-Features, darunter eine Premium-Mitgliedschaft bei Runtastic; für den Business Trip werden Bordkarten-Barcodes angezeigt, sind zudem Foursquare City Guides und ein sprachgesteuerter Übersetzer vorinstalliert. Den sportlichen Reisebegleiter gibt es ab 890 Euro.

Auch um beim Hype des digitalen Guerrilla-Marketings mitzuhalten, lässt sich Montblanc etwas einfallen: die Smartwatch wird exklusiv auf dem Herren-Shopping-Portal Mr Porter zwei Wochen vor der sonstigen Markteinführung im Mai erhältlich sein. Die etablierte Uhrenindustrie versucht also den Smartwatches-Herstellern zu kontern. Und der weltgrößte Uhrenkonzern Swatch möchte mit einer eigenen Technologie-Plattform sogar den Technikgiganten Apple und Google Paroli bieten. Umso mehr sind Insider erstaunt, dass dieses Jahr Samsung erstmals in Basel antritt und gleich einen Platz in der Prestigehalle 1 ergattert hat. Einige Branchenkenner sehen darin eine Drohkulisse, anderen wird die prekäre Lage der Baselworld und der Branche damit noch bewusster.

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