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Parfum von Lubin: Die Duft-Manufaktur

Foto: Lubin / Inger Diederich

Parfummanufaktur Lubin Die Duft-Renaissance

Im 19. Jahrhundert belieferte der französische Parfumeur Pierre-François Lubin Königshäuser und Kaiserhöfe. Vor einigen Jahren kaufte der ehemalige Guerlain-Kreativdirektor Gilles Thévenin die Manufaktur - und lässt Düfte kreieren, die sich wohltuend vom Massenmarkt abheben.

Hamburg - "Das hier, das ist ein Mann, der frühmorgens durch die Berge reitet. Der Tau. Die Bergkräuter. Ein Ledersattel. " Gilles Thévenin, ein Mann in legerem weißen Hemd und dezent graukariertem Sakko, schwenkt einen kleinen Papierstreifen vor seiner Nase und hängt dem Duft nach. Der ist eigenwillig: Myrrhe mischt sich mit frischem Leder, Kardamom, Rosmarin, Zypresse schwingen mit. Es riecht orientalisch, aber nicht üppig schwül und schwer. Eher nach wilden Schluchten als nach prächtigen Palästen.

"Galaad" ist eines von drei neuen Unisex-Parfums, die die kleine Manufaktur Lubin diesen Herbst auf den Markt gebracht hat - Akkad und Korrigan heißen die anderen beiden. In der großen, weiten Welt der Duftkonzerne ist Lubin ein vergleichsweise kleines Licht. Gerade mal eine Million Euro Umsatz erzielte das Unternehmen in diesem Jahr. Mit den drei neuen führt Lubin jetzt überschaubare 15 Parfums, von denen ein Drittel sich an frühere Erfolge oder historische Vorbilder des Traditionshauses anlehnt.

"Wir bewegen uns in einem Nischenmarkt", erklärt Thévenin, der früher Kreativdirektor von Guerlain war. Nachdem Guerlain Teil des Luxuskonzerns LVHM geworden war, suchte Thévenin Ende der 90er Jahre nach einer eigenen Firma, fern der Technokratie eines großen Konzerns. Er fand Lubin. Die 1798 gegründete Firma brachte ihre eigenen Legenden mit. Dazu gehörten Düfte wie das 1937 kreierte "Nuit de Longchamp", "Gin Fizz" von 1955, aber auch ältere Kreationen, die der Parfumeur Lubin im 18. und 19. Jahrhundert an das französische Königshaus lieferte. Um 1900 hatte die Firma die größte Parfumproduktion Frankreichs und exportierte in großem Stil nach Amerika.

Mit einem Parfum erzählt man seine eigene Geschichte

Dann kamen allerdings schwere Jahre. Der amerikanische Markt brach weg, und auch in Europa wurde die Konkurrenz übermächtig. Schließlich gaben sich die Käufer die Klinke in die Hand: Lubin gehörte Ende der 70er Jahre eine Weile zu Henkel, dann zum 4711-Hersteller Mülhens, der seinerseits an Wella verkauft wurde - und damit schließlich bei Procter & Gamble landete.

Thévenin investierte viel eigenes Geld und verhandelte jahrelang mit den früheren Eignern, bis die Firma endlich seine war. Das war vor acht Jahren. "Um Lubin kaufen zu können, habe ich meine Wohnung verkauft, meine Autos. Weg mit dem ganzen Zeug. Meine Großmutter hat geweint. Mit 45 war ich dann allein in einem Zimmer, einem ehemaligen Dienstbotenquartier. Aber ich war glücklich. Es war fast wie Heiraten. Ich wusste: Ich werde mich dieser Firma widmen. Ich will die Qualitätsparfumerie am Leben halten."

Das heißt für Thévenin zunächst mal: Überschaubare Strukturen. Zwanzig Mitarbeiter hat Lubin, die Düfte werden vorrangig von zwei "Nasen" komponiert: Thomas Fontaine und Delphine Thierry. Die Ideen liefert Thévenin selbst. "Jean Paul Guerlain hat mir gesagt: Wenn man ein Parfum macht, erzählt man erstmal seine eigene Geschichte. Das ist nicht das Ende des Prozesses, aber es muss der Anfang sein."

Abnehmer für die markanten Kreationen finden sich außer in Frankreich vor allem in den deutschsprachigen Ländern, Amerika, Großbritannien und Russland. "Die Engländer sind Exzentriker, die besondere Dinge lieben", erklärt Thévenin, "und Deutsche sind rationell, die wollen Qualität und sind bereit, dafür auch Geld in die Hand zu nehmen." Marktforschung betreibt Lubin nicht. "Wir sind ein Dufthaus des Angebots, nicht der Nachfrage. Wir testen nicht. Was soll ich damit anfangen, wenn ich erfahre, dass ein Duft 55 Prozent der Befragten gefällt? Was soll ich daraus schließen? Wir produzieren ja nicht für die Masse."

Die alten Originalrezepte kann man nicht verwenden

Einige von Lubins Klassikern hat Thévenin für die Gegenwart adaptieren lassen, "Gin Fizz" etwa oder "L'Eau Neuve". Die Originalrezepte gibt es zwar noch, aber man könne sie nicht verwenden, erklärt Thévenin: "Historische Düfte können nur Inspirationen geben. Man hat die alten Formeln, aber die sind nicht brauchbar. Nicht nur, weil etliche der damals verwendeten Rohstoffe verboten sind, wie Moschus oder Eichenmoos. Sondern auch, weil es sonst nur altmodisch riechen würde. Das Interessante ist: Obwohl wir die Rezeptur angepasst haben, riecht es ähnlich. Die Leute erkennen es wieder."

Auch manche der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendeten synthetischen Stoffe sind mittlerweile verboten, weil sie krebserregend sind. Andere, weil sie Allergien auslösen können. Das erbost Thévenin: "Viele dieser Verbote sind dem Lobbyismus in Brüssel geschuldet, weil die großen Duftfirmen viele dieser Stoffe selbst nicht verwenden wollen. Etliche Substanzen sind allergen. Die meisten Allergene sind in den letzten 30 Jahren identifiziert worden und werden dementsprechend durch eine zusätzliche Destillation entfernt. Aber jetzt werden Allergene von gewissen Lobbyisten als Vorwand gebraucht, angeblich aus Sicherheitsgründen, um die meisten natürlichen Rohstoffe total zu verbieten. Es sterben jährlich Tausende von Menschen an Zigaretten - wäre es nicht angesagt, dass die Europäische Kommission sich mit diesem Problem beschäftigt, bevor sie Rosenessenz oder Orangenessenz verbietet? Ich schreibe gerne einen Warnhinweis für Allergiker auf die Schachtel."

Über Brüsseler Lobbyismus kann Thévenin sich ebenso aufregen wie über etliche seiner Mitbewerber. "Auch der Nischenmarkt der kleinen Dufthäuser wird in weiten Teilen von den Großkonzernen wie Symrise, Givaudan und IFF beherrscht. Es gibt ein paar Raritäten, aber die meisten kaufen fertige Kompositionen und schreiben nur ihren Namen drauf. Für 80 oder 100 Euro kauft man da ein Produkt, das von Technokraten gemacht wird. Massenware."

Und es komme zunehmend Bewegung in den Markt. "Seit fünf, sechs Jahren drängen immer mehr Opportunisten in diesen Markt, die ein paar Fläschchen kaufen, sie befüllen und sich als Künstler profilieren wollen. Sie sehen es als Vorteil, selten zu sein. Aber viele spielen nur mit der Idee der Seltenheit - diese Firmen sind nur deshalb klein, weil sie Zwerge sind." Und Thévenin lässt keinen Zweifel daran: Die Zwerge, das sind die anderen.

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