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Grüne Paradiese: Die schönsten Gärten der Welt

Foto: Johann Kräftner / Imago Brandstätter Images

Die schönsten Gärten der Welt Grüner wird's nicht

15 Jahre lang hat Johann Kräftner die schönsten Gärten der Welt bereist. Daraus ist ein opulenter Bildband entstanden. Mit manager magazin online sprach der Architekt, Kunsthistoriker und Fotograf über die Vielfalt der Gartenkulturen und den neuen Trend zum Nutzgarten.

mm: Sie sind 15 Jahre lang durch die Welt gereist und haben Gärten fotografiert. Haben Sie einen Lieblingsgarten gefunden?

Kräftner: In dieser Kategorie denke ich eigentlich nicht. Aber vor kurzem war ich in Kyoto, im Garten der kaiserlichen Katsura-Villa. Und wenn man diesen Garten gesehen hat, hat man alle Gärten gesehen. Der ist topographisch wunderbar. Es ist alles so simpel und elegant und unglaublich poetisch. Teehäuser laden zum Verweilen ein. Es gibt sogar einen eigenen Pavillon zur Betrachtung des Mondes. Von diesem Garten hat die westliche Architektur der Moderne vieles gelernt, was sie dann später für sich beansprucht hat.

mm: Mal ganz grundsätzlich gefragt: Welchen Nutzen haben Gärten für Menschen?

Kräftner: Man kommt schnell herunter und vergisst die Welt draußen. Man taucht in eine Gegenwelt ein, die losgekoppelt ist von der realen Welt und doch einen abstrakten Bezug zu ihr hat. Man kann ausruhen.

mm: Gärten waren früher auch Ausdruck von fürstlichen Machtstrukturen, von Beherrschung und Deutungshoheiten. Wer legt heute noch spektakuläre Gärten an? Und mit welcher Absicht?

Kräftner: Die Gewichte haben sich verschoben. Gärten und Parks sind aber immer ein Mittel der Stadtplanung gewesen, die einem Ort zu besonderer Bedeutung verhelfen sollen. Ein prominentes Beispiel dafür ist der High Line Park in New York. Auf einer ehemaligen Hochbahntrasse ist vor drei Jahren ein Park eröffnet worden, der als belebte Achse einen ganz neuen Impuls für die Nutzung und das Erleben des Stadtteils gesetzt hat. Und Museen geben mit modernen Gärten Skulpturensammlungen einen neuen Rahmen. Heute sind sogar Friedhöfe Orte der Erholung und der Reflexion. Wie der Skogskyrkogården bei Stockholm, wo man weitläufig durch die Landschaft streift und sich an Vergangenes erinnern kann.

mm: Können wir heute einen historischen Garten so wahrnehmen, wie er ursprünglich gemeint war? Also: Erschließt sich Gartenkunst auch dem unvoreingenommenen Betrachter, oder muss man viel wissen, um viel zu sehen?

Kräftner: Ein Garten ist immer eine Kunstform, und generell gilt natürlich, dass man viel Information braucht, um Kunst zu verstehen. Aber bei Gärten kann dieses Verständnis auch spärlich sein. Wenn ich allerdings wissen will, wie ein historischer Garten etwa in Europa mal gemeint war, muss ich etwas über höfische Kultur wissen. Über die Feste, die dort gefeiert werden. In manchen Gärten kann man das sogar nacherleben. Wenn solche Feste allerdings in eine Eventkultur ausarten, die die Gärten überschwemmt und verwüstet, ist das kontraproduktiv - das kommt leider auch immer wieder vor. Aber wenn man in einem höfischen Garten in einer kleinen Gesellschaft unterwegs ist und dort gepflegt picknickt, kommt man dem ursprünglichen Erlebnis schon recht nahe.

"Ein Modell des Kosmos, in dem man sehr gut leben kann"

mm: Und wie erleben wir Gärten ganz anderer Kulturen? Wie der japanischen?

Kräftner: Die japanischen Gärten sind uns natürlich zunächst fremd, aber auch jemand, der vielleicht nicht viel Ahnung von japanischer Kultur hat, kann sich dem meditativen Charakter eines Zen-Steingartens kaum entziehen. Man muss nicht alles verstehen, und man versteht auch nicht alles. Aber wenn man auf die Steine, die Formen schaut und sieht, wie das Licht ruhig darüber wandert, und wenn man weiß, wie sehr dieses Land auch von Taifunen und Erdbeben bedroht ist - dann begreift man, was die Menschen beschäftigt und was sie in diesen Gärten festhalten wollen. Diese sind oft sehr klein, bilden aber ein Modell des Kosmos ab, in dem man sehr gut leben kann. Die Wohnqualität der Häuser darin ist grandios und bietet intensive Erlebnisse, die nicht kompliziert zu erfassen sind. Und unsere moderne Architektur wie etwa die Mies van der Rohes ist ohne diese Vorbilder von fließenden Übergängen zwischen Innen- und Außenräumen nicht zu denken.

mm: In Ihrem Buch gehen Sie auf etliche Gartenkulturen ein, darunter die italienische und französische, die chinesische und japanische. Gibt es auch typisch amerikanische und deutsche Gärten?

Kräftner: Alle Kulturen haben ihre eigenen Vorstellungen von Gärten entwickelt. Die großen Mainstreams haben aber alle beeinflusst. Wir Europäer glauben ja gerne, wir hätten die Welt erfunden - aber die Welt wurde genauso in Ostasien erfunden. Und die dortigen Ideen haben wiederum die Europäer beeinflusst.Wie die hierarchielose Aneinanderreihung offene Räume, die Inszenierung von Überraschungsmomenten. Die China-Mode war eine Revolution in der europäischen Gartenkultur. Für die Jesuiten, die im 18. Jahrhundert nach China kamen, muss es erschütternd gewesen sein, dass es Gärten gab, die so ganz anders aussahen als Versailles. Pater Attiret sandte 1747 einen Bericht über das Lustschloss des chinesischen Kaisers nach Frankreich, der großen Einfluss hatte. Es spricht allerdings Bände, dass seine Publikationen heute kaum mehr greifbar sind.

mm: Im Privatbereich werden die Häuser immer größer und die Gärten immer kleiner. Ein 300 Quadratmeter großes Baugrundstück ist keine Seltenheit, bei Reihenhäusern gibt es oft nur handtuchgroße Gärten. Wie kann man da gestalterisch sinnvoll herangehen?

Kräftner: Man kann sich an Gärten orientieren, die in solchen Konstellationen schon früher entstanden sind. Etwa in China. Dort sieht man, dass auf engstem Raum ganz viel möglich ist. In China hat jeder Innenraum eine Beziehung zum Freiraum, und wenn das nur ein zwei Meter breiter Streifen ist, auf dem ein Bonsai steht.

mm: Wenn man durch deutsche Wohngebiete geht, sieht man viel Eklektizismus: Da steht die japanische Steinlaterne neben dem französisch beschnittenen Buchsbaum in der Blumenwiese.

Kräftner: Das Grausen packt einen manchmal, wenn man das sieht. Wir glauben ja, wir seien mit der Moderne an einem festen Punk angekommen. Aber in Wirklichkeit leben wir in einem unglaublichen Historismus. Es hat noch nie so viele Kopien gegeben wie heute, an jedem Neubau sind außen irgendwelche Schnörkel angebracht. Die Leute sehen viel, reisen viel und bringen halt Ideen mit. Das ist, wenn man so will, auch ein Ausdruck unserer offenen Kultur. Diese Freiheit muss es auch geben. Womit wir uns umgeben, ist das Produkt unserer Bildung, und wenn die oberflächlich ist, sieht es auch entsprechend aus. Diese Vielfalt muss man akzeptieren.

mm: Sehen Sie einheitliche, verbindende Trends in der Gartengestaltung?

Kräftner: Ja, einen ganz bestimmenden: Den Trend zum Nutzgarten, wie ihn Michelle Obama im Küchengarten des Weißen Hauses vorgemacht hat. Es wird immer wichtiger, dass man sein Grundstück auch nutzt, um Früchte und Kräuter anzubauen. Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass es schwierig ist, Dinge über Tausende von Kilometern zu transportieren. Dass die Welt ein Ernährungsproblem hat. Da passt es, nicht nur sinnlos gemähten Rasen zu haben, sondern Selbstversorgung zu betreiben und den Garten auch als Lebensraum wahrzunehmen.

mm: Wie sieht denn Ihr eigener Garten aus?

Kräftner: Das ist ein alter, verlassener Weingarten, für Wiener Verhältnisse riesengroß, 5000 Quadratmeter. Wir haben nur einen kleinen Bereich, in dem wir wirklich wohnen, dort stehen etliche Kübel mit Orangen- und Zitronenbäumen. Vor unserem Urlaub haben wir Zucchinisamen in diese Kübel gestreut, und jetzt sind aus dem Nichts dieser Kerne große Pflanzen geworden. Es ist immer wieder ein Wunder.

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