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Berlin Fashion Week: Die schrillsten Entwürfe

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Fashion Week Berlin Aliens in der Hauptstadt

Wenn schrill gekleidete Menschen durch die Straßen laufen und Champagner wie Wasser getrunken wird, dann ist Fashion Week in Berlin. Die Parade der Eitelkeiten startete am Mittwoch mit den ersten Shows von Escada Sport, Dimitri, Hunkemöller und anderen. 50 Schauen gibt es insgesamt.
Von Sarah Tschernigow

Berlin - "Bitte nicht die Taschen vertauschen!", ruft Designer Dimitri hinter den Kulissen. "Die hier gehört zu dem roten Kleid und nicht zu dem grünen." Er drückt seinem Assistenten das richtige Accessoire in die Hand. Schon will der nächste Mitarbeiter etwas von ihm, nämlich noch einmal die Reihenfolge der Models auf dem Catwalk durchgehen, die sogenannte Runorder. Dafür, dass seine Modenschau in dreißig Minuten beginnt, ist Dimitri wirklich entspannt. "Es ist Routine", sagt er lächelnd, "aber auch nach mehreren Jahren Fashion Week ist es für mich immer noch aufregend."

Nebenan frisieren und schminken die Haar- und Make Up-Artisten um die Wette, während vorne die Gäste schon ihre Plätze einnehmen. Der Chef-Frisör von L'Oréal Professionnel, "Head of Hair" André Märtens, hat einen straffen Zeitplan. Rund zwanzig Köpfe muss er für eine Show bearbeiten, am Tag bis zu 150. "Ich kann mich auf mein Team verlassen", sagt er und konzentriert sich darauf, aus einer schlaff herunterfallenden Mähne einen strengen Dutt zu knoten und mit einem Kopftuch zu versehen. Festgesteckt. Fertig. Das nächste Mädchen, bitte. Es ist das strukturierte Chaos vor jeder Modenschau.

Ein paar Kilometer weiter, auf der Modemesse Premium, sortieren die Designerinnen Burce Bekrek, Günseli Türkay und Zeynep Erdogan fein säuberlich Outfit für Outfit auf einer Kleiderstange. Die jungen Frauen aus Istanbul haben am Samstag ihren großen Auftritt bei der Berlin Fashion Week an der Siegessäule.

"Ich freue mich total hier zu sein", sagt die 29-Jährige Burce, die das Publikum mit raffinierten Oberteilen überzeugen will: Teile, von denen sich manche mittels kreuz und quer angebrachter Reißverschlüsse variabel auseinandernehmen lassen. Andere, vermeintlich minimalistische Tops, sind weniger verrückt als klar. Klar hoch geschlossen. Dafür am Rücken durchsichtig. "Ich finde es sexy den Rücken zu sehen.", erklärt die Newcomerin.

Verrücktes von Jungspunden und Eleganz aus der Türkei

Sie will, wie ihre Kolleginnen, den deutschen Markt erobern und auch ein bisschen mit Vorurteilen aufräumen. Dass Mode aus der Türkei alles andere als prüde und verhüllend ist, sondern modern, elegant und dazu irgendwie maskulin - "für die beschäftigte Frau", wie Burce sagt. Die Türkei habe modisch mehr zu bieten, als nur billiger Produzent zu sein. Die Journalisten zeigen sich interessiert, zumindest haben die drei Designerinnen in dieser Woche eine lange Liste an Interviews abzuarbeiten. Das Projekt "Istanbul Next" ist neu auf der Berlin Fashion Week. Noch nie zuvor haben hier Designer aus der Türkei gezeigt.

Neu ist diesmal auch ein Aufruf an die Designer, keine Magermodels mehr auf den Catwalk zu schicken. Die Vogue und der Veranstalter der Berlin Fashion Week, die Model-Agentur IMG, haben in der Vorbereitungszeit ein Schreiben rausgeschickt, in dem steht, die Models sollten bitte mindestens sechzehn Jahre alt sein und ein "gesundes Körperbild transportieren".

Bei einigen Designern heißt es, sie würden ohnehin keine abgemagerten Models buchen, das sei selbstverständlich. Klaus Unrath vom Designerduo Unrath&Strano betont dazu: "Bei uns im Laden gibt es alles bis Konfektionsgröße 44 zu kaufen." Schneidern tut das Duo, wie eigentlich alle Designer hier, einheitlich auf Größe 36, und die ist dann auch auf dem Laufsteg zu sehen. Immerhin. In Paris ist häufig noch Größe 32, auch null genannt, anzutreffen.

Aber die Berlin Fashion Week ist eben anders. Oft auch ungewollt. "Jede Stadt hat ihr eigenes Profil.", erklärt IMG-Sprecher Daniel Aubke. "Mailand ist berühmt für seine Männerkollektionen, Paris ist die Couture-Stadt und New York ist sehr kommerziell. Berlin ist vor allem kreativ. Hier haben junge Leute eine Chance." Stolz berichtet der Veranstalter, dass zunehmend international renommierte Moderedakteure nach Berlin fliegen, auch um Designer zu sehen, die erst eine Handvoll Kollektionen gemacht haben. "Das ist nicht selbstverständlich, zeigt aber, dass Berlin ernst genommen wird und interessant ist."

Untragbar, aber erfolgreich

Beim Designer for Tomorrow Award bekommen jede Saison fünf Nachwuchsdesigner, in der Regel frisch von der Modeschule kommend, die Möglichkeit auf der Fashion Week zu zeigen - in der Gruppe. Der oder die Beste von ihnen, darf nächstes mal wieder dabei sein - ganz alleine. Betreut werden sie von Peek&Cloppenburg und Stardesigner Marc Jacobs.

Durchaus überraschend wurde am ersten Tag, der Spanier Leandro Cano zum besten Nachwuchsdesigner gewählt. Zu Tränen gerührt und völlig sprachlos nahm er seinen Preis entgegen, ein fünfstelliges Fördergeld und die Option Marc Jacobs ein paar Wochen in New York bei der Arbeit zu assistieren. Dass er mit einer ziemlich unkonventionellen, kaum tragbaren Kollektion gewinnt, hätte er wohl selbst nicht gedacht. Und doch ist die Kollektion stimmig und schon recht professionell aufgezogen, was die Jury letztlich überzeugte.

Umgeben von futuristischen Formen, schnörkeligen Schulterpolstern und überdimensionalen Reifröcken sahen die Models aus wie Aliens, nicht wenige Zuschauer runzelten etwas irritiert die Stirn. Das soll jetzt Mode sein? Zumindest ist ein Auftritt wie dieser ein Stückchen Innovation auf der Berlin Fashion Week, die sonst Saison für Saison, mehr an ein ziemlich einstudiertes Klassentreffen erinnert.

Gehässig gesprochen: es ist irgendwie immer das gleiche. Altbekannte, wie Anja Gockel, Patrick Mohr, Hugo Boss, Michalsky und Schumacher sind auf dem Schauenplan seit Jahren scheinbar eingemeißelt. Labels wie das Duo Unrath&Strano bleiben auch diese Saison ihrem Stil der "Schnittlichkeit" treu, wie sie gerne sagen und zeigen Kleider ohne klassische Seitennaht. Stattdessen gehen die Nähte um den ganzen Körper. "Es soll ja nicht nur von vorne gut aussehen."

Berlin ist die Partyhauptstadt der Mode

Alle Designer machen etwas völlig anderes und behalten dabei ihre Handschrift. Sommerlich amerikanisch bei Escada Sport, feminin und elegant bei Guido Maria Kretschmer, cooler Cleanchic bei Hugo Boss. Es gehe auch gar nicht so sehr um die Highlights, sagt IMG-Sprecher Daniel Aubke. "Wir gucken, wie sich die Designer entwickelt haben. Wie hat sich das Label positioniert? Wie haben sich Schnitt und Farbtechnik verändert? Je weniger Fluktuation, desto besser. Denn das ist dann ein Zeichen dafür, dass sich die Designer für Berlin als Plattform entscheiden und nicht plötzlich nach London gehen."

Toll entwickelt haben sich seiner Ansicht nach Designer wie Kaviar Gauche, oder Dawid Tomaszewski. Letzterer startete 2008 mit seinem Label als Newcomer. Heute stattet er Prominente wie die Schauspielerin Iris Berben oder Topmodel Eva Padberg aus. Seine neue Kollektion ist farblich blass gehalten, eine Mischung aus leichtem Chiffon, transparentem Tüll und einfachem Strick.

Wie viele Schauen, ist auch diese am ersten Tag nahezu überbucht. Zwei Dutzend Journalisten, die keine Einladung bekommen haben, stehen bis zur letzten Minute am Counter Schlange, um doch noch ein Restticket, wenigstens für einen Stehplatz ganz hinten zu ergattern. Daniel Aubke rechnet vor: "Es gab rund 3000 Akkreditierungsanfragen von Journalisten, von denen die Hälfte eine Absage bekommen hat. Unterm Strich können wir sagen: Berlin wächst stetig und wird internationaler."

Es muss wohl so sein, sonst würden zum Beispiel die britische "Vogue" und "Elle" nicht jede Saison einen Redakteur zum Gucken schicken. Auch Charlie le Mindu wäre wohl nicht zum Auftakt vorbeigekommen, wenn er Berlin als Modestadt nicht ernst nehmen würde. Le Mindu ist der Stylist von Sängerin und Modewunder Lady Gaga. Le Mindu ist ein kleiner, zierlicher Mann mit tätowierten Augenlidern. "Es ist alles so entspannt hier", sagt er, "sonst ist der Look oft genauso bunt wie in London und New York." Es klingt nicht, als würde er das nur aus Höflichkeit sagen. "Berlin ist toll. Aber eines muss sich unbedingt ändern." Charlie le Mindu überlegt sich die Worte gut. "Bei Berlin denke ich nicht als erstes an Fashion. Bei Berlin denke ich an Party." Und er wird an dem Tag nicht der einzige sein, der das sagt.

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