Freitag, 6. Dezember 2019

Designer Esslinger "Wir brauchen einen Kreativkapitalismus"

Hartmut Esslinger gilt als einer der einflussreichsten Designer der Gegenwart - seine Entwürfe beflügelten den Erfolg von Apple und prägten viele junge Gestalter. Im Interview erklärt Esslinger, warum Design die Gesellschaft verändert und wieso man als Gestalter ein kaltes Herz braucht.

mm: Herr Esslinger, warum kaufen Leute sich wunderbar gestaltete Handys, stülpen ihnen dann geschmacklose Hüllen über und tragen sie in einer schlecht sitzenden Hose mit sich herum?

Esslinger: Mein iPhone hat keine Hülle. Ich fände das furchtbar. Aber viele Leute wollen Einfluss auf die Dinge nehmen, die sie haben. Es ist eine Art Selbstverzierung. Ein bisschen wie die alten Stickdeckchen auf der Wohnzimmerkommode. Man kann es nicht verhindern. Diese Hüllen sind völlig widersinnig: Erst strengt sich jemand an, das Handy so klein wie möglich zu machen, und dann wird das gleiche Volumen in Plastik noch mal dazugepackt. Warum machen die Leute das? Wahrscheinlich einfach, weil sie es können.

mm: Die Leute begehren ein Produkt, weil es schön ist. Aber dann verhunzen sie es.

Esslinger: Da ist halt eine Lücke. Wenn man ein bisschen nach vorne guckt, müsste man in einen Laden gehen und schon beim Kauf des Smartphones ein individualisiertes Design aussuchen können, das dann vor Ort aus einer Maschine kommt. Das ist ja technisch schon möglich. Dann hat es jede und jeder genau so, wie er oder sie es haben möchte. Das ist die ultimative Vision, und das wird auch irgendwann kommen.

mm: Jeder soll sein eigener Designer werden?

Esslinger: Die Leute haben ja Lesen und Schreiben gelernt. Mit den individuellen Produktionstechniken, die wir heute haben, können sie auch lernen, problemlos mit solchen Design-Baukästen umzugehen, Farben, Formen, Details abzustimmen. Zumindest die Kreativen. Da stehen zwei grundsätzliche Ansätze unserer Kultur einander gegenüber: Der absolute der katholischen Kirche, die nur ihre Wahrheit verkündet, und der protestantische, bei dem jeder Gott auf seine Weise finden kann. Designer sind so betrachtet eher katholisch. Aber das protestantische Prinzip wird sich schon durchsetzen.

mm: Bedauern Sie das nicht, so als Designer?

Esslinger: Wir haben ja viel für Apple gearbeitet. Steve Jobs war mit Europa nicht sehr vertraut. Als ich ihm erklärt habe, wie die Kirchen hier funktionieren und dass es da einen Papst gibt, der immer Recht hat, hat Steve gesagt: "I like that." Meine persönliche Lösung war, mit frog design eine Agentur zu haben, in der es viele Leute gibt, die sich selbst sein können. Designer haben schon den Anspruch, eine kulturelle Vorgabe zu machen - nicht nur ästhetisch, sondern auch konzeptionell.

mm: Design, schreiben Sie zu einer von Ihnen kuratierten Ausstellung im Wiener MAK (siehe Kasten links), sei die zentrale Komponente gesellschaftlicher und technologischer Umbrüche im 21. Jahrhundert. Aber ist es nicht eher die Technik selbst, die alles ändert?

Esslinger: Wir Designer müssen der Technik zuvorkommen. Viele Dinge, die im Labor entstehen, sind zunächst sehr unmenschlich. Ich leite meine Studenten an, zu fragen: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Dann schaut man 30, 40 Jahre zurück, und dann projiziert man, was mit der Technik passiert ist und was sich in Zukunft ändern muss. Der Designberuf muss sich allerdings immer noch vom Handwerk befreien und von der Tradition des Bauhauses. Design ist ein Konzeptionsberuf, ein strategischer Beruf. Design muss bereits passieren, bevor die anderen Leute nachdenken.

mm: Was heißt das konkret?

Esslinger: Wir müssen vordenken und vorfühlen und fragen, wie sich die Welt entwickelt - und ob sie das auf die richtige Art und Weise tut. Die Akzeptanz alternativer Energien etwa ist maßgeblich vom Design bestimmt. Dies muss gestalterisch vermittelbar sein, sonst nehmen die Leute sie nicht an. Wir müssen Alternativen eröffnen. Die Simulation der Zukunft ist eine große Aufgabe für Designer.

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