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Ganz oben: Wie Frauen an der Spitze sich kleiden

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Business-Kleidung "Es ist wirklich ein Drahtseilakt"

Business-Mode für Frauen ist kompliziert: Sie soll schön aussehen, aber nicht zu dezidiert weiblich sein. Sie soll eine Aura von Macht verströmen, aber das wiederum nicht zu unweiblich. Modeexpertin Gertrud Lehnert sagt, wo die Fallstricke sind - und wie Frauen sich einfach gut anziehen können.

mm: In welchem Outfit fühlen Sie sich am wohlsten?

Lehnert: Ich würde am liebsten immer Samt, Seide und Spitze tragen. Aber das ist natürlich nicht immer ganz angemessen. Sonst nehme ich das schmale kleine Schwarze mit schönen Accessoires. Oder auch mal theatralischere Kleider, ein bisschen üppig mit Taft und so weiter, die man in der Uni auch tagsüber tragen kann.

mm: Können Sie sich eine Bekleidung mit einem hohen Wohlfühlfaktor für das Business vorstellen? Wie sollte das aussehen?

Lehnert: In einem schön geschnittenen, klassischen Kostüm, das super passt, tolles Material hat, kann ich mich sehr wohl fühlen. Man muss sich gewissermaßen eins damit fühlen, gern Röcke tragen und feine Stoffe wählen, damit die Strenge des Schnitts ausgeglichen wird.

mm: Immer mehr Frauen rücken in Führungspositionen auf. Aber ihr Outfit, klagt die amerikanische Autorin Anne Hollander, habe bei diesem Aufstieg nicht Schritt gehalten. Ist das richtig?

Lehnert: Es gibt relativ wenige Hersteller, die sich ernsthaft mit Business-Mode auseinandersetzen, das sind eher spezialisierte Firmen als die großen Designer-Label. Die machen ihre modischen Experimente, und da spielt die Mode auf einem anderen Feld, dem der Fantasie, des ästhetischen Experiments, der Überraschung. Business-Mode lebt davon, dass sie gerade nicht überrascht., sondern sich im Kern immer gleich bleibt und sich nur in Details modischen Trends anpasst. Was die Frage aufwirft, ob sie im engeren Sinne als "Mode" gelten kann.

mm: Die Defizite liegen beim Angebot?

Lehnert: Wenn in bestimmten Bereichen erwartet wird, dass Frauen vor allem korrekt angezogen sind, Macht oder Status ausstrahlen, möglichst nicht sexy auftreten, jedenfalls nicht vorrangig, weder avantgardistisch noch verspielt, weder in Samt und Seide noch in asymmetrischen Schnitten, dann ist die Bandbreite nicht so riesig. Man könnte natürlich mit dem Gedanken spielen, die gesamte Business-Mode einfach mal umzukrempeln.

mm: Weg vom Rigorismus der strengen Kleiderordnung?

Lehnert: Man müsste anfangen, in den Firmen eine Veränderung herbeizuführen und die Regeln zu ändern. Ich glaube nicht, dass es hilft, wenn eine einzelne Frau plötzlich im tollen Yamamoto-Kleid ankommt, das zwar nicht sexy ist, aber sehr extravagant, asymmetrisch geschnitten und das vielleicht ein bisschen schräg wirkt. Sondern das müssten entweder viele tun, oder es müsste von Seiten der Firmen die Vorstellung kommen, dass Business-Mode auch anders aussehen kann.

mm: Da gibt es wenig Hoffnung, wenn Sie an den unlängst bei der Schweizer UBS verhängten Dresscode denken.

Lehnert: Hinter solchen Direktiven stecken doch immer Männer-Seilschaften, diejenigen, die in einer Firma das Sagen haben, Seilschaften, die einen bestimmten Blick auf Frauen haben und Mode für Tändelkram halten.

mm: Was für ein Blick ist das?

Lehnert: Frauen sollen sich dem Business einfügen, trotzdem aber immer weiblich sein. Wenn man einen Rock anhat, ein Kostüm, bekommt man von den Männern eher Komplimente, als wenn man im Hosenanzug kommt. Es ist wirklich ein Drahtseilakt, sehr stark davon bestimmt, was für Machtverhältnisse in der Firma herrschen.

mm: Der Männeranzug als Habit der instrumentellen Vernunft strahlt Seriosität, Verlässlichkeit, Kompetenz aus. Dagegen sieht die Frauentracht mit ihren Rüschen und Spitzen alt aus, heisst es bei Anne Hollander.

Lehnert: Im 19. Jahrhundert hat sich eine Geschlechterordnung ausgebildet, in der die Männer mit funktionalen Anzügen den Erfolg verkörpern, ohne sich - wie früher die Aristokraten - schmücken zu müssen wie ein Pfau. Während die Frauen stellvertretend für sie den Reichtum zur Schau tragen. "Demonstrativen Konsum" nannte der Soziologe Veblen das schon 1899. Und Georg Simmel meinte, das Leben von Frauen sei im Gegensatz zu dem der Männer so eintönig, dass sie die Mode bräuchten, um es abwechslungsreich zu gestalten. Mode gilt seit diesen Zeiten als Frauensache, die zur Demonstration von Weiblichkeit und zum Schmuck des Mannes - oder seiner erotischen Verführung - dient. Dieses veraltete Bild geistert immer noch in den Köpfen.

mm: Weibliche Business-Mode ist ein Ding für sich?

Lehnert: Mode hat immer Zeichencharakter, aber sie ist auch ästhetisches Spiel. Und dieses Spielerische entfällt in der Business-Kleidung völlig. Da steht der Demonstrationscharakter im Vordergrund. Eine Frau würde sich keinen Gefallen tun, den in der bestehenden Ordnung zu unterlaufen. Sie will ja ihre Kompetenz unterstreichen, nicht ihr Geschlecht.

mm: Es gibt dazu immer wieder die ulkigsten Versuche. Etwa, wenn Frau Schaeffler in einem Herrenanzug mit Krawatte und Einstecktuch auftritt. Das kann sie sich auch nur erlauben, weil sie Eigentümerin ist. Einer Angestellten würde man das sicher übelnehmen.

Lehnert: Absolut. Business-Kleidung muss von der Sekretärin und Sachbearbeiterin bis hin zur Chefin getragen werden. Aber es ist auf der Ebene der Angestellten ganz klar nach Status in der Firmenhierarchie ausdifferenzieren, wer was tragen darf oder muss. Und je weiter man nach oben kommt, desto mehr muss sich der Blick schärfen für Qualität und Label.

mm: Ein weites Feld voller Tücken und Fallen. Wie der Vergleich von Christine Lagarde und Angela Merkel zeigt:Die eine "la belle Dame", die andere clowneske Blazer, groteske Decolletés, Muppet-Show. Wie kann das passieren?

Lehnert: Frau Merkel ist gar nicht so schlecht angezogen, wie man ihr immer nachsagt. Sie ist offenbar kein Mode-Fan, kleidet sich lieber zweckmäßig und macht das ganz gut mit ihren Hosen, farbigen Blazern und Schmuck. Frau Lagarde allerdings führt vor, dass es möglich ist, sich als Frau in einer Führungsposition hochelegant anzuziehen, mit Stil und modisch, ohne dass das Modische übertrieben würde. Das hat sehr viel mit der anderen Haltung gegenüber Mode in romanischen Ländern zu tun. In Frankreich hat Mode immer schon zur Kultur gehört. In Deutschland dagegen gilt: Intellektuelle und Machtmenschen beschäftigen sich nicht mit Mode.

mm: Wie viel Weiblichkeit darf denn eine Frau im Business-Alltag zeigen? Wie kann man Grenzen definieren? Der UBS-Code hat es getan, indem er die Rocklänge auf den Zentimeter genau angab.

Lehnert: Eine Mode, die man rigide mit dem Zentimeterband ausmisst, funktioniert nicht. Aber Businesskleidung ist ja nur in eingeschränktem Sinne Mode, und für sie gelten klare Regeln, Röcke etwa dürfen nicht zu kurz sein. Eine Frau im Business soll schon erkennbar sein als Frau, aber als Frau, die selbstbewusst ist und nicht vor allem auf das Paarungsverhalten zielt.

mm: Wie weit darf sie gehen?

Lehnert: Die Frau darf ihren dezenten Sexappeal haben, das schadet nicht in einer Männerkultur. Aber sie darf den nicht zu offensiv einsetzen, sonst wird sie eben nicht mehr ernst genommen. Andererseits darf sie nicht verwechselbar mit Männern sein - das würde den Männern eher Angst machen.

mm: Da gelten bei Männern viel strengere Regeln: Der Mann darf unbekleidet nicht mehr zeigen als die Hände, den Hals und den Kopf. Bei Frauen ist das fließend - und da beginnt die Unsicherheit.

Lehnert: Eine Spur mehr ist möglich. Man kann mal die Bluse vielleicht am Hals ein bisschen offenstehen lassen oder eben ein schickes Kleid tragen. Aber mit Strümpfen und geschlossenen Schuhen. Denn die Regel als solche gilt im Prinzip auch für Frauen: Haut darf nur ganz wenig gezeigt werden.

mm: Wenn Sie sagen sollten, worauf man als Frau im Business zu achten hätte, was wären die Tugenden, was die Sünden?

Lehnert: Als erstes gilt:Sich nicht verkleiden, sondern zu gucken, dass man die Business-Kleidung, die man trägt, sich zu eigen macht. Das heißt, eben wirklich genau darauf zu achten, wie ist sie geschnitten, aus welchem Stoff besteht sie, welche Qualität hat sie und welche Accessoires setzen individuelle Akzente. Und das wiederum heißt, auf klassische Schnitte, klassische Stoffe, Superverarbeitung zu setzen, zu wissen, wo man bekommt, was zu einem passt. Frau sein, aber eben eine Business-Frau, keine verspielte Frau, keine Frau mit Schnörkeln. Die kann man ja privat sein.

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