Sonntag, 21. April 2019

Brillenmanufakturen Neue Durchblicke

3. Teil: Brillen aus der Zahnarztpraxis

Die Geschichte von Whiteout & Glare begann in einer Zahnarztpraxis an der Chausseestrasse. Im Sommer 2005 starteten der Architekt und Designer Fabian Hofmann, der sich selbst "fmhofmann" nennt, und der Maschinenbaumeister Thomas Bischoff ihr Unternehmen, unterstützt von Rudi Stein im Backoffice und Vertrieb.

Auf den ersten Blick klingt "Whiteout & Glare" wie eine alteingesessene britische Tweed-Manufaktur. Dabei beschreiben die beiden Begriffe nur zwei meteorologische Lichteffekte aus dem Hochgebirge. Die Assoziation "Manufaktur" ist nicht ungewollt, zumal man viel Wert auf Handarbeit legt.

In einer alten DDR-Kinderbibliothek am Rosa-Luxemburg-Platz haben "Whiteout & Glare" heute ihren Sitz. Schon von weitem leuchten die hellen Regale mit den zahlreichen Brillenmodellen aus den Räumen heraus, die gleichzeitig Showrom und Headquarter der Brillendesigner sind. Schroffe Betonwände und ein riesiges Aquarium zeugen von der Haltung der Designer, die sich deutlich von der Hipness oder den Popstarqualitäten ihrer Mitbewerber absetzt. Statt den Trends der letzten Jahre wie Retro, Oversize oder Schmetterling sklavisch zu folgen, hat man sich bei "Whiteout & Glare" auf eine klare, unaufgeregte Formensprache festgelegt, der man anmerkt, dass dahinter ein Maschinenbau-Ingenieur und ein Architekt stehen.

Eine Brille namens Spirobranchus Giganteus

Auf den ersten Blick sind die Designs eher unspektakulär, aber die Namen der Kollektionen sollen Geschichten erzählen. Die erste, die 2006 herauskam, hieß Mountain und sollte den Aufstieg zu einer anerkannten Marke auf dem Brillenmarkt symbolisieren, die zweite Story unter dem Titel "Kaleidoskop" bezeichnete die vielfältigen Facetten, in die sich die Arbeit der Brillendesigner zwischenzeitlich aufgefächert hatte.

2011 kam die Serie Reef heraus, die den katastrophalen Zustand der Korallenriffe weltweit thematisierte. Es gibt 32 unterschiedlichen Modellen, die so klingende Namen tragen wie Solenostomus Cyanopterus, Spirobranchus Giganteus oder Epinephelus Labriformis - alles Riffbewohner, deren Schutz man mit einer Patenschaft fördern kann. Für die 12 Modelle der Serie "Volt" gab es sogar den Designpreis "red dot best of the best", einer von mittlerweile 21 internationalen Auszeichnungen. Die Jury lobte die "formale Eigenständigkeit und die komfortable Funktionalität der Kollektion".

Für die aktuelle Story hat man sich auf den Charme und die Ästhetik der "Hamptons" in den 1950er und 1960er Jahre besonnen. Der Ostteil der Insel Long Island bei New York ist heute nur als Rückzugsort der Schönen und Megareichen aus Manhattan bekannt. Damals herrschte hier noch eine ganz andere Atmosphäre. Hierher hatte sich die Intelligentsia der Zeit zurückgezogen, Hochschulprofessoren, Künstler, Autoren und Weltraumforscher, die über eine neue Weltordnung nachdenken wollten.

Entsprechend intellektuell kommen auch die Modelle daher, die die Namen der alten Indianerdörfer wie Montauk, Amagansett oder Arshamonaque tragen. Der Materialmix aus Kunststoff und Acetat sowie Metall und Titan zitiert die Ästhetik der berühmten Glasfaserstühle der Designer Ray und Charles Eames - Designklassikern, denen das Trio am Rosa-Luxemburg-Platz sich näher fühlt als der Nase von Sara Jessica Parker.

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