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Upcycling: Must-Haves aus Müll

Upcycling Aus Alt mach Hip

Sie bauen Lampenschirme aus CD-Splittern, machen Fahrradschläuche zu schicken Gürteln, und aus abgerissenen Plakatschichten von der Litfasssäule entstehen bunte Leuchten: Das Leipziger Designer-Duo YeaYea hat sich dem Upcycling verschrieben. Damit steht es in der Gestalterszene nicht allein.

Leipzig - Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht. Das gilt auch für viele Recycling-Produkte, die nur das schlechte Gewissen besonders sensibler Konsumenten beruhigen, statt ansprechende Ästhetik und hohe Produktqualität zu bieten. Von Hipness ganz zu schweigen.

Nun wird eine Strömung in der deutschen Design-Szene immer breiter, die das ändern will und einen Schritt weiter geht als die klassischen Wiederverwerter: Upcycling. Lustvoll werden Alltagsmaterialien und Müll, den die meisten Menschen achtlos entsorgen würden, einer neuen Nutzung zugeführt. So entstehen stylische Designgegenstände, hippe Mode und sogar Kunst.

Auch die Leipziger Designer Franz Gabel und Johannes Heinzmann setzen mit ihrem "YeaYea Büro für Gestaltung" konsequent auf Upcycling. "Wir sehen uns als Teil eines Zeitgeistes, der bestehende Produktions- und Konsumverhältnisse hinterfragt", so das Duo, "Wir überdenken und modernisieren veraltete Systeme." So entstehen sinnliche Objekte wie die Pendelleuchte "Data", die aus CD-Splittern besteht, oder Gürtelunikate namens "Profil" aus abgefahrenen Fahrradreifen.

Aus Plakatschichten von der Litfaßsäule bauen die Designer farbenfrohe Lampen und Leuchten. Bei der Lampe "Make it & take it" wird der kreative Ball sogar wieder an den Käufer zurückgespielt: mit einem wasserlöslichen Stift können die Besitzer die Flächen der Lampe immer wieder neu beschreiben und bemalen. Beliebt sind auch die Linienlampe aus Silikon, ein Sessel aus Wellengitter mit Wickelpolster und "Delight", die Leuchte im Sack.

"Wir modernisieren veraltete Systeme"

Heinzmann und Gabel haben beide 2007 ihr Industriedesign-Studium an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle abschlossen und gründeten ihr Büro noch im selben Jahr. Sofort war beiden klar, dass sie ihre Karriere als Selbständige beginnen wollten: "Die Entscheidung, direkt nach dem Studium ein eigenes Büro zu gründen, ist uns sehr leicht gefallen. Wir waren beide optimistisch genug, uns mit Zuversicht in das Abenteuer Selbständigkeit zu stürzen", erzählen die beiden Upcycling-Spezialisten, "Den Masterplan gab es dabei nicht, vielmehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und eine große Neugier auf das, was wir daraus machen können."

Leipzig als Standort empfanden beide als optimal: "Das schöne an Leipzig ist das Gefühl, dass hier ist noch viel möglich ist", so Gabel, "dazu gehört auch Raum für kreative Arbeit, zu erschwinglichen Konditionen." Und Heinzmann ergänzt: "Leipzig bietet ein lebendiges, vielfältiges, kulturelles Angebot und eine interessante kreative Szene. Mit der Designers' Open ist hier auch eine schöne Designmesse beheimatet, die das Thema Design sehr gut präsentiert und kommuniziert."

Die beiden Designer betrachten die Umwelt als Mitgestalter ihrer Produkte. Bekanntes wird in neue Zusammenhänge gestellt. Die Designer nutzen die Ästhetik gebrauchter Materialien und fragen sich: Wie viele Leben hat ein Produkt? Ihre Inspirationen und Ideen finden sie angesichts "verlebter" Materialien, die eine Geschichte erzählen oder ihre eigentliche Bestimmung überlebt haben.

"Wir entdecken die ästhetische Qualität dieser Materialien, lösen sie aus ihrem ursprünglichen Kontext und transformieren sie in hochwertige Designobjekte." Und die sind mittlerweile in verschiedenen Design-Shops landesweit zu finden: ein Laden in Leipzig, drei in Berlin und zehn weitere Läden landesweit haben Yeayea's Designprodukte schon im Sortiment. Auch in Österreich, im MAK - Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, und in den Niederlanden sind die Upcycling-Gegenstände zu haben.

Derzeit entwickeln die beiden ein Beratungsangebot für Unternehmen, die "Design Thinking" in ihrem Team kultivieren möchten oder an YeaYeas Meinung und Gestaltungskompetenz bei ihrer Produktentwicklung interessiert sind. Außerdem planen YeaYea einen Design-Workshop, in dem sie ihre Methoden, Prozesse und den Spaß an Gestaltung spielerisch vermitteln wollen. Und Spaß wird offensichtlich groß geschrieben bei Yeayea. Auf die Frage, ob die beiden das Design der Apple-Produkte auch so bewundern, antworten sie nur lakonisch. "Auf religiöse Fragen geben wir keine Antwort."

Wertschöpfung aus dem Altkleidersack

Auch auf dem vergangenen Heldenmarkt, einer jährlichen Messe für nachhaltigen Konsum in Berlin und Stuttgart, war das Leipziger Designerduo präsent - und traf dort auf eine bunte Schar Gleichgesinnter. Veranstalter Lovis Willenberg ist sich sicher, dass Konsumfreude, Genuss, Ästhetik und Design mit ökologischer Verantwortung und globalethischen Prinzipien eine wunderbare Symbiose eingehen können.

Willenberg wollte seinen persönlichen Helden eine Plattform geben: Und das sind die"kleinen Hersteller, die Kraft und Energie in faire Produkte stecken oder Verbraucher, die sich beispielsweise bei Kleidung gegen Prestige-Marken und für nachhaltig hergestellte Stücke entscheiden." Und das nicht mit einem Öko-Touch und kitschiger Umwelt-Betroffenheit, sondern mit einem trendigen Anstrich, ohne inhaltlich in die Beliebigkeit zu rutschen.

Wie trendy das Thema ist, zeigt sich auch in Berlin-Mitte. In der Linienstrasse gibt es bis Mitte Februar einen temporären Laden zum Thema Upcycling. Im "Upcycling-Fashion Pop Up Store" findet man avantgardistische Cocktailkleider aus alten Anzughosen, Herren-Trenchcoats aus abgelegter Arbeitskleidung, Hemden und Handytaschen aus aussortierten Stoffmustern oder Sofas aus alten Spülen, darüber hinaus auch die mit alten Postkarten, Buchseiten oder Schablonen-Graffitis ausgestatteten Tagebücher des Prager Künstlers Kucin alias DeafMessAnger.

Ein Neckholder-Kleid aus alten Herrenhemden

Designer wie Daniel Kroh, Aluc, El Reinventor und das Wiener Label Milch stellen hier ihre Unikate aus. Milch-Designerin Cloed Priscilla Baumgartner, gilt als Pionierin der "eco fashion". Sie kreiert aus Herrenhosen und Herrenhemden aus der lokalen Altkleidersammelstelle neue Mode, die sich streng an die Prinzipien der Nachhaltigkeit und der Ressourcenschonung hält. Zerschnitten und verstrickt, gedreht und gewendet, entstehen aus alten Hemden und Hosen so neue innovative Modelle wie ein Neckholder-Hemdenkleid oder eine Hosen-Kappe.

Allen Protagonisten dieser Szene ist es wichtig, sich radikal vom Begriff des Recyclings abzusetzen: der ist für die meisten Designer negativ besetzt, altmodisch und alles andere als umweltfreundlich. Die Modesignerin Carla Langner beschreibt auf ihrem Blog carlasblog.de anschaulich, dass Recycling sogar ein Rückschritt ist.

"Während die Generation Grüner Punkt mit dem Begriff der Wiederverwertbarkeit aufgewachsen ist, wurde dieser durch das Cradle-to-Cradle-Prinzip neu definiert und als Downcycling enttarnt," so Langner. "Genau genommen beschreibt Downcycling den Prozess der Wiederverwertung von Rohstoffen, unter der Verwendung von neuen Ressourcen oder mit Entstehung von unerwünschten Nebenprodukten. Recycling bedeutet eine Verkreislaufung ohne Gewinn und Verlust."

Upcycling dagegen sei Recycling plus Wertschöpfung, ohne dass schädliche Nebenprodukte und ein weiterer Energieverbrauch entstehe. In diesem Fall bedeutet Upcycling die Wiederverwertung und damit einhergehende Wertschöpfung eines Produktes." Und wenn daraus Designgegenstände, Kunstobjekte und eine avantgardistische Mode entstehen, kann die Wertschöpfung kaum größer sein: Aus dem Altkleidersack in die Boutique oder die Kunstgalerie.

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