Fotostrecke

Daniel Heer: Zwischen Kunst, Design und Handwerk

Designer Daniel Heer Der Materialfetischist

Rosshaarmatratze, Ziegenlederbeutel, Holzhocker - das klingt nicht sonderlich luxuriös. Der Sattler Daniel Heer verwandelt diese einfachen Gegenstände in Produkte mit hohem Habenwollen-Faktor. Inzwischen werden seine Entwürfe von Galerien in Berlin, Paris und New York gehandelt.
Von Hannah Bauhoff

Berlin - Wenn man in dem sonnendurchfluteten Atelierraum mit Blick über die Dächer Berlins steht, riecht man das Leder, das der Sattler Daniel Heer sorgfältig direkt neben der Tür gestapelt hat. Mitten in dem großen, spärlich möblierten Raum steht er, der zierliche Schweizer mit blonden Haaren. Weißes, leicht abgenutztes T-Shirt, Lederschuhe.

"Magst du etwas trinken?", fragt er in seinem Singsang: Man mag, und während Heer Verveine-Tee kocht, zieht es den Gast zu den drei rollbaren Tischen, die im Raum verteilt stehen und auf denen diverse Lederteile, Zeichnungen und Skizzen liegen.

Was ist denn das? Ein Kreis aus naturbelassener Ziegenhaut mit lauter sternförmig zulaufenden Bleistiftlinien. Vorsichtig streicht Heer über das Ziegenleder. "Das war ein Opferkörbchen", sagt er. "Dies hat mein Großvater früher für die Kirche angefertigt und dient mir nun als Vorlage für die Pompadours." Er hält diese kleine beutelartige Tasche hoch. Das Leder der Beutel stamme aus der Schweiz und wurde früher für die Riemen an den Helmen des Schweizer Militärs benutzt, erfährt der Besucher. Es ist naturbelassen - heutzutage eine Seltenheit, vor allem in dieser Qualität - und nur noch bei einer kleinen helvetischen Gerberei, welche die Ziegenhaut noch auf die traditionelle Art behandelt, zu bekommen.

Heer sucht immer nach einer bestimmten Qualität. Es ist ihm egal, wenn es lange dauert oder er viel Zeit braucht, um an bestimmte Stoffe und Utensilien heranzukommen. Er improvisiert. Trennt ganze Stoffbahnen auf, um den passenden Faden zum Abheften zu bekommen. Zum Beispiel bei der Rosshaarmatratze, aktuell dem größten Designstück im Atelier: Das dänische Textilunternehmen Kvadrat weigerte sich aus Plagiatsangst zwei Jahre lang, farblich abgestimmte Garnrollen zum Abheften der Matratzennähte zu verkaufen.

Weil Heer den Stoffentwurf des italienischen Designers Guilio Ridolfo verehrt, kein anderes Material - und damit auch kein anderes Garn - benutzen wollte, trennte er in stundenlanger Arbeit ganze Stoffbahnen auf - nur für ganze Fäden zum Abheften. Acht Stunden brauche er, um mit den frisch gewonnen Fäden die Kanten der Matratze abzuheften, erzählt Heer. Heute, das Unternehmen hat ihm inzwischen das Garn geschickt, schaffe er es in drei.

Ein nahezu absurder Perfektionismus

Es klingt fast absurd, dieser Perfektionismus. Aber es geht ihm um eine Haltung, einen künstlerischen Weg, der bislang auf der Schwelle zwischen Kunst, Design und Handwerk verlief. Vor allem hilft dem Luzerner seine Dickköpfigkeit. Anders ausgedrückt: Der gebürtige Luzerner, der erst das Sattler- und Polsterhandwerk - "ein bisschen Tapisserie war auch dabei" - lernte, ist zäh wie Leder.

Nach Abschluss der Lehre zog er nach Prag, ursprünglich um seinen Schweizer Zivildienst zu absolvieren. Stattdessen arbeitete er in einer Schule für Hörgeschädigte, studierte freie Malerei, zog nach Berlin, assistierte an der Volksbühne bei dem Kostümbildner Johannes Kresnik, gestaltete in Warschau für freie Theaterproduktionen das Set, war in Irland und ging dann schlussendlich wieder nach Berlin.

Hier, in dem eher nüchternen Gebäude, das mit seiner Anonymität, den leeren Gänge und grau-weißen Fluren die kreativen Impulse des von Künstlern bevölkerten Hauses schluckt, hat der Lederduft etwas Anheimelndes. "Schau mal", sagt Heer, "hier ist etwas ganz Tolles passiert." Er zeigt auf ein Stück Ziegenleder am Fenster, das die Sonne ausgebleicht hat. "Das sieht aus wie diese wunderschönen Selintaschen, bei denen sie mit zwei Materialien arbeiten, die unterschiedlich aussehen. Aber das war wirklich nur die Sonne. So lebt das Leder halt auch. Und die Ziege hat noch einen schönen Griff und knautscht nicht so."

Man streichelt, riecht und taucht ein

Je weiter man eintaucht in das Universum von Heer, desto mehr geht es um Details: Um das Schimmern eines Fadens, um die Gebrauchsspuren, die Beschaffenheit eines Riemens. Man lernt, dass sich hinter Begriffen wie "Chevreau" glanzgestoßenes Ziegenleder versteckt, wofür die Mittelstücke zweier Zicklein zu einer Tasche verarbeitet werden.

Doch statt Mitleid für die niedlichen kleinen Tiere steigt in dem Besucher dieses Habenwollen-Gefühl auf. Er sitzt federnd auf dem Daybed, stellt seine Teetasse auf den kleinen Tisch, streichelt über das Leder der grünen Tasche, riecht an der anderen weißen Einkaufstasche, hängt sich eine dritte über die Schulter. Spaziert zum Spiegel und überlegt: Steht sie mir? Die schwarze, schlichte Umhängetasche, die so glatt und schmal an der Seite hängt?

"Diese Tasche sollte ein Give-Away-Geschenk für die VIP-Kunden der letzten Berliner Fashion-Week werden", reißt Heer den Besucher aus seinen Gedanken. Schöne Idee, so eine hochwertig Tasche, handgenäht, die lässt sicherlich keiner wie zufällig im Kofferraum liegen, denkt man. "Ich hatte sogar schon meine Eltern gefragt, ob sie nach Berlin kommen können, um mir zu helfen. Für einen Monat hätten wir eine Sattlerwerkstatt aufgemacht. Doch da ich keine Serienproduktion mache und alles Handarbeit ist, ging es der Agentur wohl nicht schnell genug - und sie hat stattdessen 100 Porzellanbären gekauft."

Die Enttäuschung über den verloren gegangen Auftrag liegt nur kurze Zeit in der Luft. Denn es gibt immer mehr Anfragen von internationalen Galerien und damit von Menschen, die seine Arbeitsweise schätzen: Bertrand Grimot in Paris, Kaerena Schüssler in Berlin und Jamie Gray, Begründer von "Matter" in New York sowie neuerdings auch Sonia Eram mit "Mameg" aus Los Angeles wissen, warum sie den 32-Jährigen einladen und seine Gegenstände ausstellen.

Heers Materialliebe ist spürbar: Im sorgfältigen Umgang mit alten Werkzeugen wie der eisernen Nähmaschine und der Spaltmaschine für feine Portefeuiller-Arbeiten. Im Weiterdenken: die Lederbespannung der Daybeds kann dank einer simplen Konstruktion immer nachgezogen werden. In Heers Universum geht es immer um Dinge, die Bestand haben.

Mehr lesen über