Donnerstag, 23. Mai 2019

Geschichte des Bürostuhls Sitze der Macht und der Mühsal

2. Teil: "Millionen Menschen sitzen auf Stühlen von Niels Diffrient"

Analysetauglich: Dieser Stuhl wurde für Sigmund Freud maßgeschneidert

mm: Während Ihrer Recherche haben Sie mit zahlreichen bekannten Gestaltern gesprochen. Hat Sie jemand besonders beeindruckt - und warum?

Olivares: Der amerikanische Designer Niels Diffrient ist eine unglaublich inspirierende Person - und ein spannender Gestalter. Er fühlt sich verantwortlich, denn Millionen von Menschen vertrauen sich ihm an, weil sie täglich auf seinen Stühlen im Büro oder im Flughafen sitzen. Er sagt, dass man für den Entwurf eines Bürostuhls genau wissen muss, was der Körper braucht und möchte. Ein Stuhl muss alles haben, was technologisch und konstruktiv möglich ist, damit der Benutzer das Möbel täglich benutzen kann - ohne dass alles immer wieder neu mit irgendwelchen Drehmechanismen eingestellt werden muss.

mm: Sigmund Freuds Arbeitsstuhl wurde eigens für ihn angefertigt. Der war perfekt angepasst.

Olivares: Stimmt, doch wer heute einen Bürostuhl entwickelt, investiert viel Geld in das Design und dessen technologische Umsetzung. Das leisten sich nur noch große Unternehmen wie Hermann Miller, Wilkhahn, Knoll, Vitra oder Steelcase, die einen weltweiten Vertrieb haben. Maßgeschneiderte Stuhllösungen, wie sie früher kleine und mittelständische Unternehmen angeboten haben, sind heute finanziell nicht mehr tragbar.

mm: Welche Rolle spielen soziale Aspekte wie zum Beispiel die Hierarchie in Unternehmen?

Olivares: Seitdem die Personal Computer Mitte der 1980er Jahre Einzug in die Bürowelt gehalten haben, hat sich vieles verändert. Rund 40 Prozent der Mitarbeiter von IBM beispielweise arbeiten heute schon von zu Hause. Die Idee des Home Office sowie des papierlosen und mobilen Büros, bei dem sich Mitarbeiter täglich ihren Arbeitsplatz neu suchen, haben auch das Hierarchiegefüge verändert. Der große schwarze Ledersessel als Chefsessel ist in modernen Unternehmen mit flachen Hierarchien kaum noch zu finden.

mm: Wie sieht ein modernes Arbeitsmodell heute aus?

Olivares: Arbeit bedeutet nicht notwendigerweise einen geregelten Arbeitstag im Büro. Arbeiten kann man auch vom Sofa, am Café-Tisch oder vom Bett aus - zum Beispiel, wenn man zu Marketingzwecken seinen Facebook-Account kontrolliert (grinst). Dafür benötigt man nur einen Computer oder ein Smartphone - und nicht zwingend einen Schreibtisch oder einen Stuhl. Mir gefällt beispielsweise der Pollock Chair, denn er ist durchdacht - und dabei ein unglaublich bequemes Möbelstück, das ein Büro nicht in ein Hightech-Fitness-Studio verwandelt, was ja die meisten Bürostühle tun.

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