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Wintersaison: Die Frauenmode wird erwachsen

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Die Mode wird erwachsen Schick wie Oma

Die Mode der kommenden Wintersaison bedient sich beim Stil unserer Mütter und Großmütter. Elemente der 40er bis 70er Jahre liegen voll im Trend, aber wirken längst nicht mehr so steif und bieder wie damals. Entscheidend ist die lässige Mischung von Seriösem mit Legerem.

Köln - Selten hatten die Modedesigner so wenig Interesse an offensichtlicher Freizügigkeit wie in dieser Saison. Reizen, das geht auch anders: mit Souveränität, Eleganz und einer Ernsthaftigkeit, die in Krisenzeiten gut ankommt.

Ein "neues Verständnis von Gut-angezogen-Sein" erkennt das Deutsche Mode-Institut (DMI) in Köln. Genauso interpretiert dies das Branchenblatt "Textilwirtschaft", das vorab die Trends analysierte. Und es warnte nach den ersten Präsentationen der Wintermode: "Achtung Ladys - nichts für kleine Mädchen." Die Designer zeichnen ein "reifes, erwachsenes Modebild" für den Herbst und Winter 2011/2012.

Das gelingt durch gerade, schlichte Schnitte, kaum Applikationen und verspielten Dekoelementen und dem Recycling von Kleidungsstücken, die bis vor einiger Zeit als eher bieder galten - allen voran der Blazer, der schon im Sommer und auch im Winter das Must-Have ist. Es gibt ihn in allen Längen und Weiten, Mustern und Formen. Neu sind für Frauen Blazer, die an Militäruniformen oder Collegejacken erinnern.

Sie werden gepaart mit einem bis dato kaum gekannten Spiel mit der Weiblichkeit: Entweder wird diese post-emanzipatorisch besonders hervorgehoben oder sie wird verleugnet. Nicht wenige Designer stecken Frauen in Männerkleidung und spitzen den "Garçonne"-Look des Sommers noch zu: Oversize-Blazer dürfen nun überübergroß sein, darunter kommt bei Benetton eine Anzugweste und bei G-Star eine Fliege um den Hals. Oder frau bekommt das Erkennungszeichen des Arbeiters verpasst: derbe Stiefel mit dicken Sohlen zum Blazer oder zum Rock - wie Dismero und Comma vormachen.

Die Mode der 40er bis 70er Jahre kehrt zurück

Im Gegensatz dazu imitieren andere Designer das jeweilige In-Bild der Frau in den vergangenen Jahrzehnten. "Zwischen den 40ern und 70ern wird alles wiederbelebt. Das genießt die Jugend geradezu", analysiert Mara Michel, Geschäftsführerin des Verbands Deutscher Mode- und Textildesigner, die Kollektionen. Miu Miu hat hochgeschlossene Tageskleider im Stil der 40er Jahre im Sortiment. Minx, Frank Walder und Comma preisen die langen A-Röcke der 50er an. Die 60er steuern Mäntel in geradeliniger Silhouette sowie schmale Röcke bei.

Die weite, bodenlange Marlene-Hose repräsentiert die elegante, erwachsene Seite der 70er. Darüber zieht man eine adrette Bluse oder weite, neuerdings sehr kurze Strickpullis, wie H&M und Luisa Cerano zeigen. Die Marlenehose ist oft zu sehen in den Kollektionen, doch die Experten sind sich dennoch nicht sicher, ob sie die kürzere Röhre verdrängen kann: "Bisher waren die Schuhe und Stiefel den Frauen so wichtig und interessant, dass sie verkürzte oder schmale Formen, die in die Stiefel getragen werden konnten, vorzogen", schreibt das DMI.

Auch die Mäntel und Jacken hat man irgendwo schon mal gesehen - ihre Formenvielfalt ist so breit wie das vergangene Jahrhundert lang: Es gibt das Cape bei H&M, das seit Reiterzeiten getragen wird, den Caban der 60er bei Benetton in Rot oder den Maximantel der 70er bei Sisley im Grätenmuster.

Das Ende der aufgezwungenen Biederkeit

Das vergangene Biedere reize insbesondere die jüngeren Frauen zur Übernahme, sagt Gerd Müller-Thomkins, DMI-Geschäftsführer. Warum? Weil alles erreicht wurde, sagt Mara Michel. Die Gesellschaft musste sich im vergangenen Jahrhundert um die Emanzipation kümmern. "Dabei haben wir völlig vergessen, dass Frauen auch Emotionen haben und nicht nur Businessfrauen sind." Das sei nun überwunden, das Korsett und aufgezwungen Biedere seien weg, und Frauen können sich frei an den tollen, sehr weiblichen Schnitten und Formen der vergangenen Jahrzehnte bedienen, erläutert Michel.

"Die Jugend schöpft lustvoll den Spielraum der Mütter- und Großmüttergeneration aus. Sie setzen die Stile aber so um, wie ihre Mütter es nie getan hätten", erläutert Müller-Thomkins. So bleibe eine wichtige Errungenschaft der späteren Jahrzehnte stets erhalten: das sportliche und legere Element. "Wer einmal von der Leichtigkeit des Seins in der Mode gekostet hat, will das nicht mehr missen."

So lässt Marc Cain den Inbegriff des Steifen, die Schluppenbluse, zur saloppen Chino tragen. Benetton kombiniert zum Blazer eine kurze Hose und Mango einen Schlabberpulli zum Spitzenrock. Das DMI rät, über feminine Kleider, die schwingende Röcke haben, sportliche Jacken zu ziehen. Auch männliche Elemente schaffen den Stilbruch: Zu kurzen Röcken wird das derbe Schuhwerk eines Bauarbeiters oder der Schnürer des Gentleman getragen.

Simone Andrea Mayer, dpa
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