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Architektur: Panoramablicke in Texas

Foto: Undine Pröhl / Häuser

Austin, Texas Wohnen über allen Wipfeln

Die Planer von Alterstudio mussten ihren Bauherrn erst auf eine Hebebühne bemühen, um ihm den wahren Wert seines Grundstücks bei Austin, Texas, zu demonstrieren. Das hatte auch Folgen für die Architektur. Der moderne Baukörper thront erhaben über den Baumwipfeln und bietet einen freien Rundumblick.
Von Brutus Spender

Austin - Als Thomas Fletcher das Grundstück am Fluss in Austin, Texas, erworben hatte, ahnte er noch gar nichts von seinem Glück. Erst als ihn die Architekten Kevin Alter und Ernesto Cragnolino mit einer hydraulischen Arbeitsbühne über die Baumkronen lifteten, kam der Überraschungseffekt. Da eröffnete sich ein Blickfeld von 270 Grad, das rechts von der Downtown-Skyline über die Kuppel des State Capitol und den Turm der University of Texas in der Mitte bis zu einem bewaldeten Hügel zur Linken reichte.

Der Paravent aus Bäumen im Vordergrund machte die Nachbargebäude davor unsichtbar. Da noch niemand zuvor diesen Ausblick entdeckt hatte, musste der Doktor nicht einmal etwas dafür bezahlen. Er hatte lediglich ein "ganz normales" Vorstadtgrundstück mit einem Abrisshaus zwischen ausladenden Virginia-Eichen gekauft. Manchmal bekommt man sogar im Immobiliengeschäft die besten Dinge des Lebens umsonst dazu.

Die Architekten überredeten den Bauherrn nicht nur, das Haus hoch bis über die Baumwipfel zu bauen, sondern die Räume auch anders als üblich anzuordnen - Wohnzimmer, Pantry und Hauptschlafzimmer wurden im Obergeschoss plaziert, das mit seinen raumhohen Fensterwänden wie eine Penthauswohnung wirkt.

Das Erdgeschoss hat eine Garage und eine Bibliothek, die sich zum Garten hin öffnet, das mittlere Stockwerk beherbergt Küche, Essplatz sowie die Schlaf- und Gästezimmer.

Ein architektonischer Paukenschlag

Viele Amerikaner ziehen seit jeher in Jefferson'scher Tradition die Ehrlichkeit und Würde des Landlebens dem Leben in der Stadt vor. Der Bauplatz für das hier vorgestellte Gebäude befindet sich an den abfallenden Ufern des durch Austin fließenden Shoal Creek, in einer prominenten Nachbarschaft, die schon einigen der berühmten texanischen Gouverneure und Multimillionäre als Heim gedient hat.

Die alten Eichen verbreiten eine ehrwürdige Atmosphäre, und die Landschaft verbindet Häuser unterschiedlicher Stilrichtungen. Bevor Alter und Cragnolino mit neuen Ideen kamen, wirkte diese gesetzte, kultivierte Wohngegend in sich geschlossen wie ein Museum.

Nähert man sicher dem Haus auf der Straße, erlebt man, was Le Corbusier "le coup de poing" nannte, einen architektonischen Paukenschlag: das Profil eines schlanken, leicht nach hinten abgewinkelten Gebäuderiegels, der sich an der Rückseite eines angelegten Gartens erhebt. Der Anschnitt des Gebäudes ist ganz auf die Aussicht ausgerichtet.

Ein schwebendes Dach mit abgerundeten Ecken, die an den Stil der fünfziger Jahre erinnern, ragt über das Fensterband des Obergeschosses aus. Ein Band aus vertikalen Ipé-Lamellen umfasst das mittlere Geschoss, das auf zwei Blöcken aus grauem, rau geschnittenem Kalkstein schwebt. Diese Natursteinsockel sind mit den Stützmauern im Vorgarten verbunden, so dass das Haus wirkt, als sei es aus dem Hügel herauswachsen.

Schwereloses Dahintreiben unterm Dach

Im Gegensatz zu den traditionellen Häuser in der Nachbarschaft ist das neue Gebäude abstrakt und modern, obwohl die Materialien natürlich, strukturiert und taktil sind. Die Architekten vertreten einen organischen Modernismus, und wenngleich die Form dynamisch erscheint, ist sie von japanisch anmutender Sensibilität. "Ich lasse lieber etwas Raum für Überraschungen, als ein Objekt bis in jede Einzelheit durchzuplanen", sagt Kevin Alter, Professor an der Architekturfakultät der University of Texas. "Mein Interesse richtet sich mehr auf das Erlebnis, das ein Raum erzeugt, als auf die formale Komposition."

Statt nur eine schöne Form zu erschaffen, konzentrierten sich die Architekten vor allem auf die Baumaterialien und ihre Interaktionen mit der Umgebung. Sie wählten unbehandeltes Ipé, ein brasilianisches Hartholz, das die Witterungsbedingungen auf der Nord- und Ostseite mit der Zeit unterschiedliche Grautöne annehmen lassen.

Durch den Haupteingang betritt der Besucher das freundliche Innere, wo der naturbelassene Stein von verputzten Wänden abgelöst wird. Durch eine Glaswand blickt man auf einen mit Bambus bepflanzten Hintergarten. Ein Becken aus Granitschotter, das an Skulpturen des japanisch-amerikanischen Künstlers Isamu Noguchi erinnert, erstreckt sich von innen nach außen und lässt Wasser plätschernd bis zu einer granitenen Randskulptur fließen. Auf den transluzenten Glaspaneelen der Rückwand spielen Schatten wie auf einem japanischen Wandschirm.

Schwarze Eiche, geätztes Glas

Schöne Materialien und schattige Raumzonen schaffen eine ruhige Atmosphäre im Eingangsbereich, und innerhalb dieser Stille erhebt sich gelassen eine stählerne Treppenkonstruktion, die den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen scheint. Ihre auskragenden geschwärzten Eichenstufen zeichnen sich silhouettenhaft vor der Wand aus geätztem Glas ab. Weiches, durch das transluzente Glas gefiltertes Licht streift über die mahagoni-verkleideten Wände, deren Facetten abwechslungsreiche Lichteffekte ergeben. Die Architekten spielten hier mit unterschiedlichen Sinneseindrücken wie hart und weich, kalt und warm.

Mit Spannung erklimmt man den obersten Treppenlauf, der zum Wohnzimmer im Obergeschoss hinaufführt. Dieses wirkt wie eine mit sparsamer Möblierung ausgestattete Insel, die unter dem weit auskragenden Dach schwerelos dahintreibt. Die minimalistische Einrichtung lässt die Pracht der Natur optimal zur Geltung kommen. Der offene Kochbereich zur Linken blickt auf ein weiteres Segment desselben Panoramas, während die Fensterfront des angrenzenden Hauptschlafzimmers sich in Richtung auf den bewaldeten Abhang in der Ferne abwinkelt.

Das Panorama ist die Hauptattraktion, nicht nur wegen der spektakulären Aussicht an sich, sondern auch wegen der täglichen und saisonalen Wetterphänomene. "Das Haus ist sozusagen in die Veränderungen der Natur mit einbezogen", sagt Kevin Alter. Dieses Geschoss ist ein idealer Platz, um ein Gewitter aufziehen zu sehen oder Sonnenauf- und Untergänge zu beobachten. Das Panorama führt sein ganz eigenes Leben.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Cornelius Brand
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