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Timmendorfer Strand: Buddhas an der Promenade

Foto: manager magazin Online

Architekturexperimente in der Lübecker Bucht Fernostseeblicke

An der reetseligen Ostseeküste wagt ein Hamburger architektonische Experimente. Ex-HSV-Präsident Jürgen Hunke hat in Timmendorfer Strand ein Wochenenddomizil, das asiatischen Hochglanz mit westlichem Komfort verquickt. Der neuen Seebrücke des Orts spendet der Unternehmer einen Teepavillon.

Timmendorfer Strand - "Guck mal. Jetzt ist das Fenster wieder zu." Ganz ungeniert steht das Mittvierziger-Paar auf der Timmendorfer Strandpromenade und versucht neugierig, in das Ensemble aus zwei Wohnhäusern zu schauen, neben dem gerade ein drittes entsteht. Der Blick der beiden fällt über einen weißen, niedrigen Staketenzaun durch einen japanisch anmutenden Torii-Torbogen mit rotem Sonnenscheibenschmuck vorbei auf eine sehr eigenwillige Architektur.

Vor dem Himmelsblau heben sich die Häuser in leuchtendem Weiß ab. Selbst die Dachziegel sind weiß. Große Glasflächen öffnen die Baukörper Richtung Meer; das Giebeldach des rechten Hauses ist nach innen geschwungen wie ein Tempeldach, der mittlere Bau ähnelt einer zweistufigen Pagode.

Formschnittgehölze im Steingarten unterstreichen die asiatische Anmutung, die sich über die solide deutsche Stein-auf-Stein-Bauweise legt. Ein weißer Buddha thront zwischen den wolkenförmig gestutzten Ziergehölzen. Das Ensemble ist ein viel bestaunter Fremdkörper an der sonst eher reetseligen Ostseeküste der Lübecker Bucht. Wer hier wohnt, muss diese Art von Neugierde aushalten wollen.

Kein Putz, keine Gardinen, keine Tapeten

Jürgen Hunke, Unternehmer, ehemaliger Präsident des HSV und mittlerweile Aufsichtsrat des Vereins, ist stolz auf seinen eigenwilligen Wohnstil. "Ich habe in allen meinen Häusern drei Grundregeln: Es gibt keinen Putz, keine Gardinen und keine Tapeten", erklärt er. Dafür gibt es jede Menge Buddhas. Es gibt kaum einen Platz in den Häusern, von dem aus man nicht gleich mehrere sieht, schlichte, verzierte, Buddha-Steinköpfe, große Buddhas, kleine Buddhas. Hunke besitzt eine der größten Buddha-Sammlungen in Deutschland und handelt in eigenen Galerien in Hamburg, Berlin und Timmendorfer Strand mit asiatischer Kunst.

Seine Liebe zu dem Ostseeort in der Lübecker Bucht entdeckte er vor vielen Jahren beim Lauftraining für den New-York-Marathon. In Timmendorfer Strand errichtete Hunke nicht nur sein Wochenenddomizil, sondern baute auch eine verfallene, reetgedeckte ehemalige Lesehalle zur Galeriebuchhandlung aus. Das kleine Haus steht inmitten eines 3500 Quadratmeter großen asiatischen Gartens mit Buddhastatuen; von der Strandpromenade aus tritt man durch einen signalroten japanischen Torbogen auf das Gelände. Touristen lassen sich gern mit der großen Buddhastatue auf dem gepflegten Rasen fotografieren.

Hunkes drei Wohnhäuser sitzen auf einem 2700 Quadratmeter großen Grundstück. Der Garten, den sich viele Spaziergänger gerne anschauen, steht vor seiner Umgestaltung; das dritte Haus auf dem Gelände soll ein Spiegelbild des ersten werden, das Hunke Mitte der 90er Jahre erwarb, und so die Drei-Häuser-Gruppe zu einem "Ensemble der Harmonie", wie auf dem Baustellenschild steht, ergänzen. Das Haus in der Mitte, das vor gut fünf Jahren hinzukam, wird dann die Mittelachse bilden. Deshalb soll auch der Garten erneuert werden, mit weicheren Linien; ein Teich soll hinzukommen und im neuen Haus ein Schwimmbecken, von dem aus man aufs Meer blicken kann.

So offen sich die drei Häuser mit ihren großzügigen Glasfronten zur Meerseite hin präsentieren, so verschlossen geben sie sich auf der Straßenseite. Hier sind die Garagen, eine satinierte Glastür in der Mitte führt durch eine verglaste Galerie zum Haupteingang - aber zunächst passieren Besucher das, was Hunke seine kleine verbotene Stadt nennt: Einen formalistisch angelegten Innenhof, teils überdacht, mit einem heiteren Wasserbecken in der Mitte. Schildkrötenplastiken sitzen auf dem Rand, und auch über den Innenhof wachen die allgegenwärtigen Buddhas.

Weiß, Rot, Schwarz

Das strenge Farbkonzept, das sogar Hunkes Kleidung seit vielen Jahren prägt, ist im Haus stringent durchgehalten: Weiß, Rot, Schwarz. Die Treppen sind gläsern, der Boden aus weißem Marmor und schwarzem Granit, die meisten Durchgänge offen. Auf großzügigen Sofas finden sich jede Menge Kissen mit schwarz-weißen Zebrastreifen.

"Die Grundidee ist es, das Prinzip der balinesischen Innenhöfe aufzugreifen", erläutert Hunke, "man kann alles öffnen. Es gibt keine Türen im Haus." Oder doch nur sehr wenige - etwa im Untergeschoss, wo das Heimkino und verschiedene Fitnessräume untergebracht sind. Auch Schalter gibt es nicht. Licht und Wasserspiele werden zentral computergesteuert und per Fernbedienung aktiviert.

Freie Wandflächen, von denen es der offenen Architektur halber nur wenige gibt, sind mit Spiegeln verkleidet, die der Hausherr als pflegeleichte Verkleidung preist. Wer sich durch das ungewöhnliche Hausensemble bewegt, begegnet vor allem immer wieder sich selbst, manchmal überraschend - das kann irritierend sein. Und nie ist ein Buddha fern, der jede Bewegung im Haus mit demonstrativ kontemplativer Ruhe kontrastiert. "Ein Haus bedeutet Freiheit und Unabhängigkeit", erläutert Jürgen Hunke sein Wohnkonzept, "mein wichtigstes Ziel im Leben ist es, unabhängig zu sein. Das muss sich in allen Dingen und im Denken widerspiegeln."

Im kommenden Sommer werden die Spaziergänger auf der Strandpromenade über ein weiteres asiatisch inspiriertes Gebäude staunen können. Die alte Seebrücke im Ortsteil Timmendorf wird erneuert, und Hunke spendet der Gemeinde auf dem 2,3 Millionen Euro schweren Bauprojekt einen Teepavillon, der Mitte 2012 fertiggestellt sein soll - weiß, nach allen Seiten verglast, mit einem weißen Pagodendach. "Wie eine Schaumkrone auf dem Meer", schwärmt Architekt Andreas Schuberth.

Allerdings formierte sich gegen diese Schaumkrone zunächst einiger Widerstand. An dem gläsernen Bau und dessen Nutzungskonzept wurde fehlende Transparenz bemängelt, Hunkes Einfluss auf die Gemeinde als zu groß kritisiert. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand dagegen sein konnte - das war in erster Linie ein Kommunikationsproblem", behauptet Hunke, "die Leute haben sich da so eine Art kitschiges China-Restaurant vorgestellt. Dabei war es von Anfang an als offener Bau in Weiß geplant, wie es in Asien so in dieser Form gar nicht üblich ist. Es ging darum, die Harmonie der Ostsee mit diesem Haus zu vereinen und den Leuten eine Möglichkeit zu geben, den Ort auch von der Seeseite zu erleben."

Ein Bürgerentscheid brachte schließlich das Votum für das Projekt, von dem die Befürworter sich touristisch einiges versprechen - und wenn man sieht, wie die Promenadenläufer sich in dem asiatischen Garten der reetdachgedeckten Mikado-Galerie tummeln, könnten sie recht behalten.

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