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Edle Papiere: Die Macht des Haptischen

Foto: Büttenpapierfabrik Gmund

Feine Papiere Die Kulturbeauftragten

In einer versteckten Schlucht an der kristallklaren Mangfall liegt einer der letzten Familienbetriebe der Papierbranche. Die verträumte Lage, das Rauschen des Wassers, die altmodische Aufmachung der Büros und Betriebsräume lassen einen fast aus der Zeit fallen. Doch gestrig wirkt hier gar nichts.
Von Cornelia Knust

Gmund am Tegernsee - Wer mit Schmierpapier zum Interview erscheint, hat bei Florian Kohler schon verloren. "Als Kinder sparsamer Eltern mussten wir auch immer auf Rückseiten schreiben" erzählt der 48-jährige Chef von Gmund Papier. Heute macht er noch die lässlichsten Notizen auf feinster Bütte und merkt an: "Man soll das Papier nicht schonen."

Er hat ja auch genügend davon. 100000 verschiedene Papiere kann man bei ihm kaufen - zählt man die möglichen Kombinationen aus Gewicht, Farbe und Effekt. Alltagstaugliche Leichtgewichte sind nicht dabei: 90 Gramm aufwärts lautet die Devise. Der Privatmensch, will er nicht per Internet bestellen, wird damit in der Münchner Prannerstraße beglückt oder in den Kaufhäusern von Tokio und Paris, auch in der schicken Werksboutique in Gmund.

Doch der klassische Kunde ist ein Profi. Werbeagenturen, Marketingabteilungen, Druckereien bestellen die Gmunder Papierkollektionen beim Großhandel oder gleich beim werkseigenen Außendienst.

Weil das Papier schon so viel Charakter hat, müssen sie beim Design gar nicht mehr viel machen. So denken jedenfalls Papierbesessene wie Florian Kohler. Im Sitzungszimmer füllen sie Regale, all die Beispiele von Briefpapieren, Verpackungen, Karten, Broschüren, Einbänden und Büchern aus der edlen Gmunder Ware.

Wertigkeit und Image

Die neuen Medien, der Siegeszug der Bildschirme machen Kohler keine Angst. Er setzt auf die Überzeugungskraft des Faktischen: "Wertigkeit und Image kann man über das Internet nicht transportieren", sagt er. "Wir verkaufen Kultur." Mit schönem Papier könne man eben richtig etwas bewegen. Und sein Haus biete bei farbigen Papieren nun einmal den höchsten Standard in der Welt - mit Abstand: "Wir sind mehr auf Zack als jeder andere. Wir haben die schönsten und umweltfreundlichsten Produkte."

Aber, so spricht er gleich in bitterem Ton weiter, viele wollten das nicht bezahlen. Der hohe Umweltstandard der Gmunder werde zwar gelobt, aber eben oft nur mit Worten. Ständig gingen Kunden verloren, müssten neue gewonnen werden. Selbst die eigene Treue zum Großhandel werde "nicht vollumfänglich erwidert". "Wir leben in einer heuchlerischen Welt, klagt Kohler. "Alle schwimmen in einer Moralsuppe, aber zum Einkaufen gehen sie nach China."

Spinnen für das Überleben

Die Antwort des Unternehmers: weitermachen, solide bleiben, sich selbst finanzieren, sparen, auf Größe verzichten und - spinnen. Gerade der konservative Rahmen dieses alten, handwerklichen Familienunternehmens erlaube Kreativität und Verspieltheit. Manche Versuche mit neuen Produkten und Vertriebswegen verbucht Kohler zwar unter Spleens, aber es ist ihm offensichtlich bitterernst damit.

Wie er überhaupt ein ernster, bestimmter und äußerst genauer Mensch zu sein scheint, dieser Urgroßneffe von Ludwig Kohler, der 1904 meinte, im stillen, dunklen Mangfalltal eine Papierfabrik kaufen zu müssen. Die Teilhaber des jugendlichen Investors von damals sind längst herausgekauft.

Und auch in der eigenen Familie hat Florian Kohler, Betriebswirt, aufgeräumt: Die Anteile liegen jetzt zu 100 Prozent bei ihm. Der Bruder Korbinian hat das Unternehmen nach dem Tod des Vaters 2004 verlassen und handelt jetzt mit Immobilien. Der andere Bruder Ludwig hatte ohnehin eine Beamtenlaufbahn im bayerischen Umweltministerium verfolgt.

Florian, der eine Tochter hat, will die unternehmerische Kontinuität sichern und die Familienehre hochhalten. Voll Anerkennung spricht er von seinem Vater, einer Autorität, wach und agil bis zu seinem Tod mit 80 Jahren, kompromisslos, prinzipientreu, sparsam, pragmatisch.

Weiche Baumwolle zum Schreiben

Als heutiger Chef will Kohler Gmunder Papier als Designprodukt verkaufen - auch für Mode- und Kosmetikhersteller, die Auto- und Elektronikbranche. Mit einem "andauernden Feuerwerk neuartiger Papierkreationen" versucht er mit seinen 100 Mitarbeitern gegen die Großen zu bestehen. Die jüngste Idee: ein weiches, schweres Baumwollpapier. Oder die neue Kollektion "Gmund Act Green": Sie nennt sich CO2-neutral, weil die bei ihrer Herstellung erzeugten Emissionen ausgeglichen werden, indem die bayerische Papierfabrik ein umweltschonendes Wasserkraftprojekt in Guatemala unterstützt.

"Man liebt, was man macht", sagt Kohler. Natürlich träume er davon, dass die Tochter einmal die Nachfolge antrete. Sollte sich eine Übergangszeit empfehlen, werde er einem extrem vertrauten Angestellten die Führung übergeben und eine Ausschüttungsbegrenzung festschreiben. Der Familie aber solle die Firma nicht nur gehören, sie solle auch darin arbeiten, meint Kohler streng. Die stolze Dynastie der Gmunder Papierschöpfer verkauft zwar Luxus, ein Luxusleben aber ist nicht erwünscht.

Gmund Papiere - eine Firmengeschichte des Frühkapitalismus

Einer Papierfabrik steht Tradition nicht schlecht. In den Gängen und Kellern bieten blaue Emaille-Schildchen Orientierung. Hier ein Stehpult mit altem Telefon, dort ein alter Mühlstein. Frühkapitalismus hautnah.

DieGmunder Papiermühle ist seit 1904 im Besitz der Familie Kohler. Der schwäbische Papiermacher Johann Nepomuk hatte das Unternehmen 1829 gegründet, eine wohlhabende Bauerstochter aus Tölz geheiratet und das Recht zum Lumpensammeln erworben.

Weil der Gründer kinderlos starb, übernahm sein Freund und Werkleiter Gregor Fichtner die Mühle im Jahr 1854. Als die Eisenbahn zwischen München und Miesbach fertig wurde, kam Schwung in das Geschäft. Mit dem Wasserzeichen "Drey Könige" avancierte das Gmunder Papier zum bevorzugten Schreibzeug in Behörden und bei Hofe.

Ankunft eines Raumschiffes

Als Fichtner für den Wahlkreis Rosenheim in den Berliner Reichstag gewählt wurde, schnupperte er Großstadtluft und entdeckte in einer Papierfabrik eine Maschine. Die wollte er unbedingt auch haben. Die Firma Siegel Berlin lieferte das 25 Meter lange Monstrum 1886 per Eisenbahn an den Tegernsee. Als der Zug in den frisch erbauten Bahnhof von Gmund einzog, müsse das für die Bewohner wie die Ankunft eines Raumschiffes gewirkt haben, heißt es in der Firmenchronik. Die Maschine steht noch heute am alten Platz und - läuft. Auch wenn der Großteil der Kollektionen auf einer 1979 neu aufgestellten Papiermaschine gefertigt wird.

Nach Fichtners Tod folgte eine weniger erfolgreiche Zwischenära unter einem Investor. Dann kam Ludwig Alois Kohler ins Spiel. Der Spross einer Papiermacherfamilie aus der Region übernahm 1904, im Alter von 30 Jahren, mit zwei Kompagnons die angeschlagene Firma in Gmund. Er konzentrierte sich auf hochwertige, künstlerische Papiere, färbte und prägte sie, setzte damit neue Maßstäbe in der Produktvielfalt.

Mit dem Mantel in die Walzen geraten

Noch heute gruselt sich die Belegschaft ob des grausamen Todes, den Ludwig Kohler 1921 fand: Bei einem abendlichen Rundgang durch die Fabrik geriet sein Mantel in die rotierenden Walzen der großen Papiermaschine und zog den Träger mit. Übergangsweise führte seine Mutter die Geschäfte. 1924 gingen die Teilhaberrechte an seinen Neffen Ludwig Wilhelm Kohler über, den Großvater des heutigen Inhabers.

Ludwig Wilhelm, eigentlich Theologe, hatte sich schon einige Jahre auf die Nachfolge vorbereitet und führte die Firma beherzt auf die Auslandsmärkte. Dieses Geschäft brach mit dem 2. Weltkrieg völlig zusammen. Man fertigte Landkartenpapiere, Gasmaskenfilter und Verdunklungsbögen. Vater und Sohn Kohler waren an der Front. Frauen und Zwangsarbeiter, vor allem Franzosen, hielten den Betrieb aufrecht.

1952 übernahm der Ludwig Maximilian Kohler die Nachfolge seines Vaters. Da ging die schwere Nachkriegszeit mit ihrem Rohstoffmangel langsam zuende. Der äußerst kreative Unternehmer führte die Büttenfabrik zu neuer Blüte, investierte unter hohem Risiko in eine moderne Maschine, wofür fast die gesamte Fabrik umgebaut werden musste. 1984 holte Kohler seinen mittleren Sohn Florian in das Unternehmen. Der sieht sich als Anbieter von Design-Papieren für Profis und Private und misst sich mit Wettbewerben in Italien und den USA.

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