Sonntag, 31. Mai 2020

Designer Konstantin Grcic Dinge sollen Freunde sein

Konstantin Grcic, einer der renommiertesten deutschen Designer, gestaltet seit Neuestem auch Sofas. Selbst sitzt er allerdings lieber auf Stühlen. Im Gespräch sagt Grcic, dessen Entwürfe es ins Museum of Modern Art schafften, weshalb Mittelmaß der Nachhaltigkeit im Wege steht.

München - Konstantin Grcic steht mit der Jacke in der Tür und will gerade zum Mittagessen gehen. "Waren wir jetzt schon verabredet?", fragt er irritiert. Waren wir. Es ist grau, regnerisch und kalt an diesem Donnerstag in München.

Bei Konstantin Grcic Industrial Design ist es bunt. Das 120 Quadratmeter große Studio liegt im Bahnhofsviertel zwischen "Hotel Kraft", Jokers Casino und der Büchsenmacherinnung Süddeutschland. Außer Grcic arbeiten drei fest angestellte Designer, ein Praktikant und eine Assistentin in einem Raum, in dem sich Modelle auf dem Fußboden und auf Tischen türmen.

Regale quellen über, Skier lehnen an der Wand, Hunderte Musik-CDs füllen Plastikwannen. Werkstatt-Durcheinander. Grcic selbst wirkt aufgeräumt. Er hat die Jacke wieder ausgezogen und sich entschlossen, das Mittagessen ausfallen zu lassen. Er spricht konzentriert und ruhig, nimmt sich seine Zeit.

Frage: Sie sind einer der gefragtesten deutschen Designer. Aber wir haben gehört, dass Sie privat gar kein Sofa besitzen. Stimmt das?

Grcic: Ja, ich habe noch nie eins besessen. Ich habe auch noch nie wirklich ein Sofa entworfen. Jetzt machen wir gerade das erste.

Frage: Was war der Anlass?

Grcic: Das Sofa ist eine Reaktion auf den Sessel "Crash", den ich im vergangenen Jahr für Established & Sons entworfen habe. Während der Arbeit daran lernte ich den Hersteller kennen und dachte: Das ist genau die richtige Firma für dieses Thema. Das Sofa, das wir daraufhin zusammen gemacht haben, ist ganz geradeaus; ein typisches Polstermöbel, ein Volumen, an dem wir im Grunde nichts neu erfunden haben. Wir hatten einen gemeinsamen Anspruch an Qualität und Komfort und entwickelten dann im Dialog mit der Firma Proportion und Form. Während dieses Prozesses habe ich viel gelernt. Im Grunde war das ein sehr ehrliches, gutes Projekt. Eines, wie man es sich wünscht.

Frage: Was ist die Pointe des Sofas?

Grcic: Wir haben den Bezugsstoff als losen Überwurf konzipiert. Man kennt das Motiv aus Hotels, die in der Wintersaison schließen und die Möbel mit Tüchern abdecken. Das neue Sofa heißt "Cape" und kann sich dadurch ganz einfach verändern. Der Überwurf hat einen bestimmten Zuschnitt und passt punktgenau auf das Polster. Es gibt einen schweren, weichen, warmen Überwurf für den Winter, einen leichten Stoff für den Sommer und einen dritten, der dazwischen liegt.

Frage: Dürfte das neue Sofa bei Ihnen einziehen? Oder sitzen Sie nicht auf Sofas?

Grcic: Ich weiß nicht so recht. Eigentlich sitze ich relativ selten auf Sofas. Ich entscheide mich immer eher für Stühle. Auf denen habe ich das Gefühl, auch wieder hochkommen zu können. Die Bequemlichkeit eines Sofas, dieses Weiche, sich In-die-Kissen-sinken-Lassen, nimmt einem auch etwas von der eigenen Bewegungsfreiheit. Aber ich kann mir das neue Sofa schon auch bei mir zu Hause vorstellen.

Frage: Sie hätten wahrscheinlich wenig Zeit, um darauf zu sitzen?

Grcic: Ja, und wenn ich welche habe, dann bin ich wahrscheinlich nicht zu Hause, sondern mache etwas anderes mit der Zeit.

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