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Yacht Aid Global: Hilfslieferungen vom Luxusschiff

Yachten-Netzwerk für Hilfsgüter Ein Schiff wird kommen

Mark Drewelow hat ein Netzwerk aus Yachten geknüpft, mit dem er Bedürftige in aller Welt versorgt. Die Zeitschrift "boote exclusiv" traf den amerikanischen Kapitän in Fort Lauderdale.
Von Marcus Krall

Am Abend zuvor hatte er seinen großen Auftritt. Bei der Verleihung der Awards der International Superyacht Society wurde er - indirekt - gleich doppelt ausgezeichnet. Die Mannschaften der 73 Meter langen "Dragonfly" und des 51 Meter langen Supporters "Umbra" bekamen den Crew-Award für ihre Katastrophen-Hilfe auf der Inselgruppe Vanuatu verliehen. Das Auditorium applaudierte minutenlang. Initiator der Hilfsaktion: Mark Drewelow.

"Die Ehre gebührt den Crews", sagt er bescheiden, als wir uns in einem Hotel in Fort Lauderdale gegenübersitzen. Drewelow spricht leise. Er ist nicht etwa erschöpft, er hat einen eher zurückhaltenden Charakter. Nicht so typisch amerikanisch laut.

Yacht Aid Global heißt die Organisation, die Drewelow gegründet hat und die unter anderem an der prämierten Vanuatu-Hilfsaktion beteiligt war. "Wir sammeln und verteilen Informationen in unserem Netzwerk", sagt er.

Was sich etwas theoretisch anhört, sind praktisch über 100 Eigner, die Drewelow unterstützen. Korrespondiert eine Naturkatastrophe mit ihrem Reiseplan oder liegt eine bedürftige Gemeinde auf ihrer Route, transportieren sie Hilfsgüter auf ihrer Yacht dorthin und liefern sie ab. Es ist eine sehr direkte Art zu helfen.

Frage: Zwei Yachten aus Ihrem Netzwerk haben gestern Abend den Crew-Award der International Superyacht Society bekommen. Macht Sie das stolz? Ist Ihre Organisation damit endgültig etabliert?

Mark Drewelow: Stolz natürlich. Die Crews von "Dragonfly" und "Umbra" haben den Menschen auf Vanuatu unschätzbare Dienste geleistet, nachdem ein Zyklon über das Archipel gefegt war. Ich war Gast auf der Verleihung und habe eine Gänsehaut bekommen, als es Standing Ovations für diese Leistung gab. Da war die gesamte Industrie-Elite versammelt. Endgültig etabliert waren wir, so glaube ich, schon vorher. Ich habe Yacht Aid Global ja bereits 2006 gegründet.

Frage: Wie entsteht solch eine Idee, Yachten und ihre Eigner als Transportmittel für Hilfsgüter anzuwerben?

Mark Drewelow: Jetzt, mit etwas Abstand zur Gründung, kann ich sagen, dass es eine sehr lange Vorbereitungszeit brauchte, quasi meine komplette Karriere. Ich habe praktisch die Essenz zweier Tätigkeiten zusammengeführt.

Frage: Erzählen Sie uns davon.

Mark Drewelow: Ich habe, bis ich wieder einen Job an Land begann, mein Arbeitsleben auf Yachten verbracht. Ich begann als Ingenieur auf einer Yacht und wurde schon als Endzwanziger ihr Kapitän. Der Eigner war ein sehr netter Mensch, der seine 33-Meter-Yacht hier in Florida liegen hatte. Ich wollte allerdings die Welt sehen und nicht nur den Intracoastal Waterway oder die Bahamas und schlug ihm einfach eine zehnjährige Weltreise vor.

Frage: Zehn Jahre?

Mark Drewelow: Exakt. Ich hatte zur Präsentation die Route grob ausgearbeitet, er konnte dann ja immer einfliegen. Die Idee fand mein Boss jedenfalls sensationell.

Frage: Wie lief das ab?

Mark Drewelow: Die Planungsphase war zunächst recht lang, da etliche Parameter berücksichtigt werden mussten. Wann können wir wetterbedingt wo sein, welche Ziele würden wir wann fast für uns haben, was möchte der Boss unbedingt sehen?

Der Eigner nutzte die Yacht dann zu Beginn der Reise für etwa zehn bis zwölf Tage pro Monat. Wir steuerten wirklich verschwiegene und exotische Ziele an und blieben manchmal für drei Monate, aber nie länger. Auf diesen Reisen lernte ich viele, viele Menschen kennen, da ich nicht der Typ war, der in Bars und Discotheken ging. Ich besuchte die Einheimischen, sah ihre Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten und begriff diese ganz unterschiedlichen Lebensumstände, die es auf diesem Planeten gibt. In meinem Kopf speicherte ich die Probleme ab, die diese Menschen hatten. Wir besuchten mehr als 60 Länder während unserer Reise.

"Viele unserer Mitglieder möchten nicht bekannt werden"

Frage: Wann und wo gingen Sie dann wieder an Land? Und warum?

Mark Drewelow: Das war in San Diego, wo ich auch heute noch lebe und mein Business habe. Am Anfang machte unsere Reise wirklich großen Spaß, weil der Eigner oft an Bord war und wir uns gut verstanden. 1997 wurde er dann auf einen hohen Posten nach Asien berufen und kam vielleicht für ein Wochenende innerhalb von drei Monaten auf die Yacht. Wir setzten die Weltreise zwar fort, sie hatte aber nicht mehr den gleichen Spirit. Anfang der 2000er-Jahre übergab ich das Ruder, auch weil ich inzwischen eine kleine Familie hatte. Meine Tochter war zwei Jahre alt, diese Situation war nicht wirklich mit dem Globetrotting vereinbar. Mit meinem Know-how über das Yachting gründete ich die Support-Agentur C2C in San Diego.

Frage: Das heißt, Sie arbeiten als Hafenagent und vermitteln Eignern und Kapitänen jegliche Serviceleistungen?

Mark Drewelow: Genau. So wie ich arbeiten rund 80 bis 90 Unternehmen weltweit. Mein Team und ich organisieren entweder die Aufenthalte von ortsfremden Crews hier in Kalifornien oder im Pazifik, oder wir helfen den einheimischen Eignern bei der Logistik ihrer Reisen. C2C ist seit zwölf Jahren jedes Jahr gewachsen.

Frage: Und Yacht Aid Global?

Mark Drewelow: Fast zeitgleich mit dem Aufbau von C2C bemerkte ich, dass ich diesen Charity-Gedanken in mir trug. Ich wollte etwas zurückgeben und begriff, dass ich mit meinen zwei Netzwerken - einmal die oft bedürftigen Einheimischen rund um den Globus und einmal die Kapitäne und Eigner großer Yachten - eine enorme Möglichkeit besaß. Wenn ich diese Netzwerke clever miteinander verbinden würde, könnte eine einzigartige Hilfsorganisation entstehen.

Frage: Wie begann diese Verknüpfung?

Mark Drewelow: Ich schaute mir die Reisepläne unserer Kunden an. Wenn jemand in ein Revier fuhr, wo ich den Hilfsbedarf kannte, fragte ich an, ob die Crew einige Güter mitnehmen und übergeben würde. Das begann sehr zaghaft, sprach sich dann aber herum. Insbesondere da das Feedback der Empfänger natürlich sehr herzlich war. Viele Crews berichteten auch von den Kindern, die so extrem dankbar waren.

Frage: Welches war die erste Yacht, die half?

Mark Drewelow: Das war die Segelyacht "Timoneer". Sie war auf dem Weg von San Diego nach Costa Rica, und ich fragte den Kapitän, ob er nicht ein paar Dinge mitnehmen könne. Das lief vollkommen problemlos ab. Seitdem hat uns die "Timoneer"-Crew etliche Male geholfen.

Frage: Können Sie uns noch weitere Yachten nennen, die Sie unterstützen?

Mark Drewelow: Viele unserer Mitglieder möchten nicht bekannt werden, dafür haben wir entsprechende Vereinbarungen unterschrieben. Neben "Timoneer" kann ich sicher "Seven J's" nennen, "Big Fish" oder "Necker Belle" von Sir Richard Branson.

Frage: Wie lautet deren Motivation?

Mark Drewelow: Der generelle Charity-Gedanke ist ja bei vielen Eignern vorhanden, wenn auch vielleicht auf anderen Feldern. Die Motivation, Yacht Aid Global zu unterstützen, ähnelt meiner Gründungsphilosophie. Wir besuchen mit den Yachten diese schönen Länder, in denen es vielen Menschen schlechter geht als uns. Wir nutzen ihre Küste, wir laufen auf ihrem Strand. Sicher, wir geben dort auch Geld aus. Wenn wir allerdings ganz direkt und spezifisch helfen können, ist das doch die beste Möglichkeit, etwas zurückzugeben. Unser Programm ist darauf ausgerichtet, Hilfe von A nach B zu transportieren. Streuverluste sind ausgeschlossen.

Kein Einstieg in die Flüchtlingshilfe

Frage: Was waren oder sind das für Güter, die die Yachten ausliefern?

Mark Drewelow: Oftmals ist es Schulmaterial, Hefte, Stifte und Bücher. Gern auch Spielzeug. Dann werden in manchen Gegenden ganz profane Dinge wie Plastikeimer oder Einmal-Handschuhe benötigt. Andernorts mögen es Medikamente sein, Kleidung, Matratzen oder ein portabler Generator. Auf vielen Inseln im Pazifik oder auch in der Karibik leben die Menschen immer noch sehr einfach, da kommt oft jede Hilfe recht.

Frage: Und der sogenannte "Papierkram", der mit solchen Aktionen einhergeht?

Mark Drewelow: Den erledigen wir. Wir wollen den Reiseplan der Yacht wenig bis gar nicht stören und vor allem der Crew keine neue Belastung auferlegen.

Frage: "Dragonfly" und "Umbra" erhielten den bereits erwähnten Crew-Award jedoch für eine wesentlich dramatischere Hilfeleistung?

Mark Drewelow: Ja, genau. Als der Kategorie-5-Zyklon "Pam" die abgelegene Inselgruppe Vanuatu - 1000 Meilen östlich von Australien - verwüstete, steuerten die Kapitäne die beiden Yachten relativ zügig dorthin und halfen mehrere Wochen beim Wiederaufbau. Allein die "Dragonfly"-Crew untersuchte 250 Verletzte und erzeugte über 60000 Liter Frischwasser. Es wurden Notunterkünfte errichtet, Straßen geräumt und Gebäude von umgestürzten Bäumen befreit.

Frage: Solche Aktionen sind wahrscheinlich eher die Ausnahme, oder?

Mark Drewelow: Ja. 80 bis 85 Prozent aller Yacht-Aid-Global-Aktivitäten beschränken sich auf die Lieferung von Sachspenden. Durch das wachsende Netzwerk - insgesamt lassen sich schon 150 Yachten mit unseren News und Anfragen versorgen - kann auch Katastrophenhilfe geleistet werden. Allerdings ist dafür nun auch nicht jeder Eigner empfänglich. In ein Krisen- oder Katastrophengebiet zu reisen birgt auch immer Risiken. Das muss einfach jeder Eigner abwägen.

Frage: In Zeiten der Flüchtlingskrisen, insbesondere in Europa, muss diese Frage kommen: Wie gehen Sie mit der Problematik um, dass so viele überladene Schlauchboote über das Mittelmeer fahren? Sensibilisieren Sie Ihre Mitglieder dafür?

Mark Drewelow: Das ist ein riesiges Problem, ich weiß. Ein großes Drama. Wir beschränken uns bei Yacht Aid Global allerdings auf die Lieferung von Hilfsgütern. Als Kapitän würde ich wahrscheinlich solch ein Boot eskortieren und professionelle Hilfe von Behörden anfordern. Es ist aber kein Thema, in das wir mit Yacht Aid Global einsteigen werden.

Frage: Wie finanzieren Sie sich eigentlich?

Mark Drewelow: Wir leben finanziell zum einen von Spenden, zudem zweige ich einen Teil aller C2C-Einnahmen für Yacht Aid Global ab. Alle Eigner, die bei uns Kunden sind, unterstützen also Yacht Aid Global, was viele allerdings gar nicht wissen. Die Menschen, die uns bei der Administration helfen, arbeiten ehrenamtlich. Sachspenden kommen von den verschiedensten Firmen, das läuft gut.

Frage: Haben Sie auch deutsche Unterstützer?

Mark Drewelow: Sehr wenige, es dürfen gern mehr sein - schließlich fahren viele Deutsche eine Yacht, wie ich hörte. Die Yacht "Hetairos" war etwa ein C2C-Kunde während des America's Cup, und der Eigner der "Vibrant Curiosity" spendete uns seine kompletten Punkte, die er während der Liegezeiten in den Häfen von Island Global Yachting erworben hatte. Das ist so ein Membership-Programm, wie man es etwa von Fluggesellschaften kennt.

Frage: Was müssen Eigner oder Kapitäne tun, die bei Yacht Aid Global mitmachen möchten?

Mark Drewelow: Wir haben einen Fragenkatalog entwickelt, den wir mit den Interessenten durchgehen, und kategorisieren sie dann für mögliche Lieferungen. Es kann und will ja nicht jeder so involviert werden wie "Dragonfly" und "Umbra". Aber ich hoffe, dass dieses Engagement eine Inspiration für den einen oder anderen Eigner ist. Wir erweitern unser Netzwerk gern um viele weitere Yachten.