Sonntag, 17. November 2019

Châteaus als Kunstmuseen Viel mehr als Wein: Reben und Reben lassen

Weingüter in Frankreich: Rotwein mit Kunstgenuss
Sabine Glaubitz/dpa-tmn

Die Frage, ob zuerst die Liebe zum Wein da war oder die zur Kunst, erinnert auf dem Château Chasse-Spleen im Südwesten Frankreichs an das Henne-Ei-Problem. "Das ist schwer zu sagen", erklärt Jean-Pierre Foubet. "Beides sind Leidenschaften von mir und meiner Frau Céline." Dabei schweift sein Blick auf einen hoch auf einem Sockel thronenden Wasser speienden Fisch der deutschen Künstlerin Katincka Bock. "Und beide vereinen wir hier."

Es gibt viele Ecken auf dem Weingut, in denen sich auch Kunst findet. Selbst der unterirdische Keller, in dem der Rotwein 12 bis 18 Monate lagert, wurde von einem Künstler gestaltet: Mit überdimensionalen geometrischen Formen, die über den Fässern tanzen, spielt der Schweizer Maler Félice Varini mit der Wahrnehmung des Betrachters.

Chasse-Spleen: Bezug zur Kunst steckt schon im Namen

Chasse-Spleen liegt rund 45 Minuten von Bordeaux entfernt zwischen Margaux und Saint-Julien. Schon die Herkunft des Namens verrät, dass hier Wein und Kunst eng miteinander verbunden sind: Er soll auf das 1857 erschienene Gedicht "Spleen et Idéal" (etwa: Spleen und Ideal) des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire zurückgehen, das vom Maler Odilon Redon (1840-1916) illustriert wurde, einst Nachbar des Weinguts.

Eine andere Version geht auf Lord Byron zurück. Der britische Dichter soll bei seinem Besuch 1821 gesagt haben: "Dieser Wein verjagt wie kein anderer die düsteren Ideen." Ex-Präsident Georges Pompidou scheint diese Meinung geteilt zu haben, denn die Chasse-Spleen-Weine sollen die bevorzugten des Staatschefs gewesen sein, der von 1969 bis 1974 die Geschicke Frankreichs lenkte.

Die Weine bestehen aus 73 Prozent Cabernet Sauvignon, 20 Prozent Merlot und bis zu 7 Prozent aus Petit Verdot, einer spät reifenden Rotweinsorte, die dem Wein mehr Langlebigkeit und Stärke verleiht. Mit rund 105 Hektar Terrain gehört das Gut zu den großen Domänen der Region Médoc nordwestlich von Bordeaux.

Kurz nach der Einfahrt zum Schloss ragen zwei etwa fünf Meter hohe Gärtnerstiefel in die Höhe. Die Skulptur stammt vom französischen Künstler Lilian Bourgeat. Die Plastik steht hier aus sehr persönlichen Gründen, verrät Jean-Pierre: Bevor Céline das Weingut von ihren Eltern übernahm, war sie auch als Landschaftsarchitektin tätig. Den Zugang zur zeitgenössischen Kunst hat die gebürtige Bordelaise recht früh gefunden. Sie wurde in Bordeaux in der Nähe des Museums für zeitgenössische Kunst CAPC groß. An der Spitze der Vereinigung der Freunde des Museums steht heute ihr Mann.

Vor rund zwei Jahren hat das Ehepaar ein Kunstzentrum eingeweiht. Eröffnet wurde das 300 Quadratmeter große, im zellenartigen White-Cube-Stil renovierte Gebäude mit Arbeiten des 2011 verstorbenen deutschen Klangkünstlers Rolf Julius.

Zu Deutschland gebe es eine besondere Beziehung, erklärt Jean-Pierre die Geschichte von Chasse-Spleen - nicht nur weil das Nachbarland ein Absatzmarkt für seinen Wein ist. 1909 kaufte der deutsche Weinhändler Adolph Segnitz das Gut, das wenige Jahre später vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs enteignet wurde. Allerdings habe man noch heute einen sehr guten Kontakt zu der Familie.

In dem zum Kunstzentrum umgebauten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das L-förmig an das Schloß angrenzt, wurden auch drei Gästezimmer eingerichtet. Sie gehen auf den Skulpturenpark hinaus und auf eine Weinbar mit Terrasse.

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