Dienstag, 10. Dezember 2019

Wandern durch den Grand Canyon Ein tiefer Riss geht durchs Land

Grand Canyon: Wandern für Fortgeschrittene
Joel Grimes/Arizona Office of Tourism/dpa-tmn

2. Teil: Das Gasthaus am Boden der Schlucht

Ab und zu tanzen Gummiboote über das Wasser. Dann taucht endlich die Silberne Brücke auf, die 160 Meter lange Hängebrücke über den Fluss. Eigentlich ist die "Phantom Ranch", das Gasthaus am Grund des Grand Canyons, nicht mehr weit. Aber in der Mittagshitze zieht sich der letzte Kilometer auf der anderen Flussseite. Es geht entlang des Bright Angel Creek, wo auch ein Campingplatz mit 32 Plätzen liegt.

Etwas abseits der Ranch stehen vier Holzhütten. Sie haben Klimaanlage und je zehn Schlafplätze. Etwas komfortabler sind die Häuschen für Gruppen von zwei bis zehn Gästen, die beschattet von Pappeln und Platanen in einem Halbkreis zusammenstehen. Das Hüttendorf aus dem rot gefärbten Kalkstein wurde bereits in den 1920er Jahren angelegt. Die Bewirtung am Abend ist rustikal. Es gibt Steak, Eintopf oder ein vegetarisches Gericht. Alles muss vorab reserviert werden, da Maultiere sämtliche Lebensmittel zur "Phantom Ranch" transportieren. Die Essenszeiten sind eng getaktet, pünktliches Erscheinen ratsam.

Frühstück wird um fünf Uhr serviert. Ganz schön früh für salzige Erdnüsse, Energieriegel und einen Apfel. Doch an Schlaf ist in der Zehn-Personen-Hütte ohnehin nicht mehr zu denken. Als es gegen 5.30 Uhr langsam heller wird, liegt die Temperatur immer noch oder schon wieder bei 30 Grad. Aber mit jedem Höhenmeter auf dem North Kaibab Trail wird die Luft kühler, auch der Wind bringt Erfrischung.

Der 22 Kilometer lange Wanderweg führt zum North Rim. Er ist deutlich weniger begangen als die Strecken auf der Südseite. Doch statt 1400 Höhenmeter sind hier fast 1800 Höhenmeter zu erklimmen, um die Nordkante des Grand Canyons auf 2515 Metern Höhe zu erreichen.

Die ersten elf Kilometer bis zum "Cottonwood Campground" sind ein Wandergenuss. Der gut befestigte Weg führt schattig und sanft aufwärts, immer dicht am grünen Band des Bright Angel Creek entlang. Nach und nach weitet sich die enge Schlucht, und der rot gefärbte Kalkstein verdrängt den grauschwarzen Schiefer. Höhepunkt kurz vor dem Campingplatz sind die Ribbons Falls, Wasserfälle, die wie ein Vorhang vor einer bemoosten Felswand herabstürzen. Sie liegen einen halben Kilometer abseits des Wanderweges.

Auf dem Campingplatz lässt sich gut rasten, hier können Wanderer auch ihre Wasservorräte auffüllen. Das ist nötig. Denn der zweite Teil der Strecke fühlt sich an wie elf Kilometer Treppen steigen, teils auf schmalen Wegen und entlang steil aufragender Canyonwände.

Von hier sind es noch 1300 Höhenmeter zum Ziel. Allein auf den letzten beiden Meilen vom Supai Tunnel aus, der letzten kleinen Oase mit Wasserstelle zum Rasten, müssen 450 Höhenmeter bewältigt werden. Jede der gefühlt 100 Kehren bis zum sogenannten Trailhead ganz oben sieht gleich aus. Das Laufen auf dem sandigen Weg ist beschwerlich. Frust und Freude. Doch nach mehr als zehn Stunden ist es geschafft. Unspektakulär taucht der Wanderweg zwischen Birken und Kiefern aus dem Wald auf und endet auf einem kleinen Sandsteinplateau.

Steffi Machnik, dpa

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