Freitag, 3. April 2020

Mitten im Stahlkoloss Faszination Völklinger Hütte

Völklinger Hütte: Weltkulturerbe aus Stahl
TMN

Vor 20 Jahren wurde die Völklinger Hütte zum Weltkulturerbe. Heute bietet der Stahlkoloss viel Kultur vor gigantischer Kulisse. Am Ende eines Besuches sollte zumindest jeder den Unterschied zwischen Eisen und Stahl kennen.

Völklingen - Auf der Gichtbühne herrscht Ruhe. Der Wind riecht frisch. Das Rauschen der Autobahn und das Rattern der Züge hört man auf den sechs Hochöfen der Völklinger Hütte nur noch gedämpft. Fauchende Flammen und quietschende Hängebahn-Loren sind hier oben in 30 Metern Höhe nur noch eine Erinnerung. Die Staubwolke, die die Sonne verdüsterte, hat sich längst verzogen. 1986 wurde das Werk, das die Stadt an der Saar einst zu einer der reichsten und dreckigsten Deutschlands machte, stillgelegt.

Seit 20 Jahren ist das Gewirr aus Stahl und Mauern Weltkulturerbe und Touristenmagnet im Saarland. Jährlich kommen rund 300.000 Besucher zu einem der "spannendsten Orte der Welt", wie die Werbung verspricht. Auf 600.000 Quadratmetern kann man Industriegeschichte nachspüren.

Als die Unesco die Hütte am 17. Dezember 1994 zum Weltkulturerbe erklärte, war das eine Sensation. "Die Koordinaten der Kultur wurden neu gesetzt", sagt der Generaldirektor des Welterbes, Meinrad Maria Grewenig, etwas pathetisch. Damals wurde erstmals ein Relikt aus der Hochzeit der Industrialisierung auf eine Stufe mit den Pyramiden von Gizeh oder dem Kölner Dom gestellt. Der 60-jährige Kunstprofessor übernahm das Ruder in Völklingen vor 15 Jahren.

Dabei war fraglich, ob der drohende Verfall der vor sich hin rostenden Industrieanlage überhaupt noch zu stoppen sein würde. Nach der Schließung sollte sie eigentlich verschrottet werden. Das hatte der Stadtrat beschlossen. Doch dann fiel der Schrott-Preis.

Am Herzschlag der Industrialisierung

An ein Aus für die Völklinger Hütte denkt heute niemand. Fast 75 Prozent der Anlage sind saniert, der Ausbau der Besucherwege mit sieben Kilometern Länge ist fast abgeschlossen. Im Jubiläumsjahr wurde ein "Unesco-Besucherzentrum" eingerichtet. In der Sinteranlage, in der einst Reststoffe wie Feinerz und Gichtstaub recycelt wurden, werden die Besucher auf die Besichtigung eingestimmt.

Über die Wände flimmern Filme über den Alltag im Werk, aus Lautsprechern ist ein Pochen zu hören: "Der Herzschlag der Industrialisierung", übersetzt Peter Backes. Der 62-jährige Soziologe ist von Beginn an dabei und Spezialist für Industriekultur. Texte, Fotos und Videos informieren jetzt über die Geschichte der Hütte, über Eisen- und Stahlerzeugung. Herzstück ist ein 3D-Modell, an dem man die einstigen Abläufe im Werk per Knopfdruck nachvollziehen kann.

Dem Laien gibt das eine erste Orientierung für den Rundgang - den man am besten mit einem sachkundigen Führer wie Manfred Baumgärtner unternimmt. Der 71-jährige Rentner ist Hochöfner mit Leib und Seele. Er hat sowohl die Blütezeit der Hütte in den 50er und 60er Jahren, als auch ihren Niedergang miterlebt. Am 4. Juli 1986 nach mehr als 100 Jahren hat er dem Hochofen "den Wind" abgestellt. Seine Gefühle bei der Stillelegung kann er kaum beschreiben: "Der Kopf war leer."

Jetzt gibt es für die Hütte ein zweites Leben und für Baumgärtner wieder eine Aufgabe. Er engagiert sich als Besucherbegleiter und sagt bescheiden: "Ich bin schon zufrieden, wenn die Besucher hinterher den Unterschied zwischen Eisen und Stahl kennen."

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