Donnerstag, 14. November 2019

Deutschland-Urlaub Unterwegs auf dem Mini-Amazonas

Wer durch Wildnis paddeln will, muss nicht weit fliegen. In Lübeck beginnt eine bildschöne Kanutour vorbei an Seerosen und überhängenden Bäumen. Zu verdanken ist die grüne Pracht auch dem Kalten Krieg.

Gemächlich treibt das Kanu dahin - die Wakenitz ist alles, nur kein reißender Strom.
Florian Sanktjohanser/dpa-tmn
Gemächlich treibt das Kanu dahin - die Wakenitz ist alles, nur kein reißender Strom.

Was für eine unhanseatische Anmaßung, ein Flüsslein bei Lübeck "Amazonas des Nordens" zu nennen. So mag mancher Gast denken, der die Tourismusbroschüren über die Wakenitz liest. Bis er auf der Straße scharf bremst und Nandus über die Wiesen staksen sieht. Laufvögel aus, ja genau: Südamerika.

Sechs der straußenähnlichen Vögel sind im Jahr 2000 aus einem Gehege ausgebüxt, seitdem haben sie sich prächtig vermehrt. Etwa 220 Nandus streifen mittlerweile durch die Wälder und Felder östlich der Wakenitz. Direkt am Ufer sehe man sie allerdings nie, sagt Moritz Löffelmann, 31. Der Förster lebt mit Frau, Kind und Hunden auf einem Bauernhof südlich des Ratzeburger Sees.

Die Kanutour auf der Wakenitz macht Löffelmann regelmäßig mit der Familie. Stromschnellen gibt es nicht, und die Wakenitz fließt derart träge, dass es klug ist, in Lübeck zu starten und gegen die Strömung zu paddeln. "So haben wir den Wind im Rücken", sagt Löffelmann.

An der Einstiegsstelle sieht es zunächst nicht nach Dschungel aus, sondern nach reichem Vorort. Villen stehen in manierlichem Abstand um einen See, die Gärten fallen in Stufen zum Ufer ab.

Der Fluss ist hier breit wie ein See, seit ihn die Lübecker Ende des 13. Jahrhunderts für ihre Mühlen und Brauereien gestaut haben. Mit dem klaren Wasser brauten sie ihr Bier, in Zeiten der Cholera das bevorzugte Getränk. Heute steht ein Freibad am Ufer, auch im Fluss wird geschwommen, in Badekappen und bester Kraultechnik.

Löffelmann paddelt vorbei an hölzernen Stegen und Pavillons, zur Rechten ragt der neogotische Turm der Wasserkunst auf. Hinter der ersten Brücke weichen die Villen Schrebergärten, die ebenfalls sehr gepflegt und mit Schiffsmasten als Fahnenstangen hübsch maritim sind.

Östlich der Wakenitz durchstreifen Nandus die Landschaft - ein paar Tiere sind vor einigen Jahren aus einem Gehege entkommen.
Carina Jahnke/HLMS GmbH/dpa-tmn
Östlich der Wakenitz durchstreifen Nandus die Landschaft - ein paar Tiere sind vor einigen Jahren aus einem Gehege entkommen.

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