Dienstag, 17. September 2019

Trekking in Afrikas sagenhaften Mondbergen Menschenleere, feuchte Nebelwelten

Trekking: Unterwegs in Afrikas sagenhaften Mondbergen
Philipp Laage/dpa-tmn

3. Teil: Erschöpfung, Erleichterung, Erhabenheit

Auf dem Weg zum Bugata Camp lichtet sich die Vegetation mehr und mehr, je höher man aufsteigt. Die alpine Zone kommt näher. Abends fällt der Blick vom Lager auf 4062 Metern über das Namusangi-Tal mit seinen Gletscherseen. Der Himmel reißt für ein paar Minuten auf. Dann kriecht Finsternis aus dem Tal die Berghänge hinauf.

Die Träger kochen jetzt Reis und Gemüse. Ohne sie wäre ein Trekking im Ruwenzori nicht möglich. Die Verpflegung der gesamten Mannschaft für sieben Tage muss in die Berge hineingetragen werden, Lasttiere wie Pferde oder Esel gibt es nicht. Von der Agentur erhalten die Träger - auch eine Frau ist darunter - pro Tag 4 bis 5 US-Dollar. Die Bergführer bekommen jeweils 9 bis 12 Dollar pro Tag. Erreicht der Gast den Margherita-Gipfel, gibt es einen Bonus. Aber das ist hier im Bugata Camp noch längst nicht ausgemacht.

Schlüpfrig ist der Steig hinauf zum Bamwanjara-Pass (4450 Meter) am Tag darauf. Der Regen hat den Weg in einen Bach verwandelt. Steiler noch ist aber der Abstieg durch einen nebelverhangenen Senezienwald. Immer wieder sinkt der Fuß bis zum Knöchel in den Schlamm ein, das kostet Kraft. Wurzeln und Steine erlauben keine Unachtsamkeit. Alle Annahmen über die Wegzeiten anhand der Höhenmeter erweisen sich als falsch. Die Tagesetappen dauern stets länger als angenommen.

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Beim Abstieg vom Pass zeigen sich für ein paar Minuten die höchsten Gipfel des Ruwenzori: zackige, schneebedeckte Felstürme. Wenig später fällt der Blick auf einsame Bergseen inmitten grün bewachsener Hänge und dahinter auf ein dichtes Wolkenmeer. Die Hänge westlich des Sees gehören schon zur nördlichen Kivu-Provinz im Kongo.

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in jene Region, verschiedene Milizen sind dort aktiv. Doch die Landesgrenze, die den vermeintlich bereisbaren Teil Ostafrikas vom sogenannten Konfliktgebiet trennt, ist in der unzugänglichen Wildnis des Ruwenzori-Gebirges nicht mehr als eine abstrakte Linie auf der Karte.

Statt in Richtung Kongo biegt der Wanderpfad zum Stanley-Massiv nun nach Nordosten ab. Eine weitere Übernachtung im Hunwick's Camp auf 3974 Metern wird fällig, bevor am nächsten Tag die letzte Tagesetappe vor der Gipfelnacht ansteht. Unverändert sumpfig und feucht führt der Weg vorbei an den Kitandara-Seen hinauf zum höchsten Lager der Tour. Es liegt unweit der Elena-Hütte, die von den Kunden der anderen Agentur Rwenzori Mountaineering Services genutzt wird, die über den Central Circuit Trail in das Gebirge vorgedrungen sind.

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Um drei Uhr nachts betritt Richard das mannshohe Zelt mit den Stockbetten. Zeit, den warmen Schlafsack zu verlassen. Eine Tasse Tee, eine Schale Porridge, Aufbruch. Schneeflocken flirren im Lichtkegel der Stirnlampe. Das Gestein ist so glatt, als hätten die Berggötter es mit Seife eingeschmiert. Nach gut einer Stunde folgt der erste Gletscher. Danach seilt Samuel - immer noch bei völliger Dunkelheit - über eine steinschlaggefährdete Felsrinne bis zum Fuß des Margherita-Gletschers ab. Der Anstieg über dieses Eis ist wiederum steil und ohne Steigeisen nicht zu machen.

Die Nacht verschwindet langsam, die Wolken bleiben. Samuel geht auf dem Gletscher voraus, eingehüllt ins Grau, Richard läuft am Schluss. Die letzten Höhenmeter zum Gipfel führen in leichter Kletterei über verschneite Felsen. Oben, genau auf der Grenze, weist ein vereistes Schild den höchsten Punkt Ugandas aus - und hier, wirklich nur hier auf der Spitze des Berges ist die Sicht auf einmal frei.

Der verschneite Gipfel des benachbarten Alexander Peak scheint wie aus Watte zu ragen, in der Ferne zeigt sich ein wuchtiger Bergkamm. Schmales Blau markiert den Horizont im Osten. Der Kongo im Westen liegt unter einer dichten Wolkendecke, als wollte der Himmel diesen unruhigen Landstrich vor Blicken verbergen. Was fühlt man hier oben, so entrückt von der Welt? Erschöpfung, Erleichterung, Erhabenheit. Und Hochachtung vor dem mühsamen Weg zurück in die Zivilisation.

Philipp Laage, dpa

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