Sonntag, 21. Juli 2019

Von Moskau in die Mongolei Mit der Transsib durch den russischen Winter

Transsibirische Eisenbahn: So ist die Fahrt im Winter
Ross Hillier/Lernidee Erlebnisreisen/dpa-tmn

Eisige Träume: Wer im Winter mit der Transsibirischen Eisenbahn reist, erlebt wahre Märchenlandschaften. Und manche Überraschung.

"Das ist das wahre Russland da draußen", sagt Konstantin Tsarkovsky und schaut durch die schlierigen Zugfenster. Schier endlos ziehen Birken- und Nadelholzwälder vorbei, verstreute Siedlungen, Mosaike aus zusammengeduckten Häuschen, versunken im Winterweiß. Kiefernzweige biegen sich unter der Last von Schnee, der hier zwischen Kirow und Jekaterinburg die Hälfte des Jahres die Landschaft beherrscht, von Oktober bis April.

Konstantin ist mit der Transsibirischen Eisenbahn auf dem Weg zu seinen Eltern, von Moskau nach Kemerowo in Sibirien, mehr als 3000 Kilometer in seine Heimatstadt. Gebucht hat der 26-Jährige die Holz- oder besser gesagt die Pritschenklasse: vier Dutzend Leute in einem Großraumwagen. Die Geschlechter sind gemischt. Laken und Wolldecken werden gestellt. Es herrscht ein ständiges Hin und Her, von irgendwoher durchdringt eine Schnarchserenade die warme Abteilluft.

Transsib im Winter
Veranstalter
Anbieter der Winter-Zugfahrt im "Zarengold" ist Lernidee Erlebnisreisen in Berlin. Alternativ können Reisende in einem gewöhnlichen Abteil der Transsib mitfahren, was um ein Vielfaches günstiger ist.
Visum
Der Veranstalter hilft bei der Besorgung des kostenpflichtigen Russland-Visums. Den Online-Visumantrag muss man selbst stellen. Obligatorisch ist der Abschluss einer Auslandskrankenversicherung.
Bekleidung
Ins Gepäck gehören Daunen-/Skijacke, Skihose/gefütterte Hose, Mütze mit Ohrschutz, Thermo-Unterwäsche, Handschuhe, Schal, Wollsocken und winterfestes Schuhwerk. Keine Kleidungsetikette an Bord, man reist so bequem wie möglich, durchaus in Jogginghose.

"Zur Ruhe komme ich hier nicht", erzählt der Produktmanager, der gut Englisch spricht und seinen Ebook-Reader mit reichlich Material versorgt hat. Das Handy setzt er sparsam ein. Es gibt keine Steckdosen zum Aufladen, ebenso wenig wie Duschen. Für sein Land wünscht er sich Billigfluglinien. Die Tour hat ihn umgerechnet 70 Euro gekostet. "Akzeptabel", findet er. Dafür ist Konstantin zweieinhalb Tage unterwegs und muss sich mit seinen 1,93 Metern in eine zu kurze Koje zwängen. "Aber es geht irgendwie."

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Dass ganz hinten an den Linienzug zwei "Zarengold"-Sonderwaggons angehängt sind, in denen Touristen zu einem Vielfachen des Preises reisen, um "Winterträume auf der Transsibirischen Eisenbahn" zu erleben, weiß Konstantin nicht. Dort hinten sind die Scheiben geputzt. Nur registrierte Gäste haben Zugang. Freundliche Mitarbeiterinnen machen die Betten in den Kabinen, servieren Getränke, saugen die Teppichböden.

"Einmal Fallschirmspringen, einmal mit der Transsib fahren", so bringt Rita Haller, pensionierte Realschuldirektorin aus Freiberg, ihre beiden Lebensträume auf den Punkt. Den ersten hat sie sich erfüllt, der zweite wird im "Zarengold" gerade Realität. Dabei war für sie und ihren Mann Hans-Peter von Beginn an klar, dass es eine Reise während der kältesten Jahreszeit sein musste. "Bei uns Zuhause ist ja oft Sudelwetter, hier erlebt man noch einen richtigen Winter", sagt die 66-Jährige. Ihr Vater war Lokführer, daher die besondere Beziehung zu Bahnreisen. "Außerdem gibt es im Winter garantiert keine Mücken", sagt Rita Haller.

Die Reise in der Transsib führt in den weiten Osten, durch fünf Zeitzonen von Moskau nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. 6305 Kilometer im Zug, ergänzt durch Hotelaufenthalte in Städten, Busausflüge, eine Wodkaprobe und eine Pferdeschlittenfahrt durch den Winterwald. Zum ultimativen Abhärtungstest gerät das Schneewälzen nach einem Saunabad. Dagegen setzt ein Klassikkonzert in einer historischen Stadtvilla in Irkutsk einen kulturellen Höhepunkt. Stehen die Räder still, werden die "Zarengold"-Waggons vom Regelzug ab- und für die nächste Etappe an einen anderen angekoppelt.

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