Dienstag, 18. Juni 2019

Von Moskau in die Mongolei Mit der Transsib durch den russischen Winter

Transsibirische Eisenbahn: So ist die Fahrt im Winter
Ross Hillier/Lernidee Erlebnisreisen/dpa-tmn

2. Teil: Moskau gibt den Appetizer der Tour

Moskau gibt den Appetizer der Tour, besonders schön zur Weihnachts- und Neujahrszeit, wenn die Einkaufsstraßen glitzern. Startpunkt der Transsib ist der Kopfbahnhof Yaroslavsky mit seiner Fassadenpracht. Bahnhöfe sind Perlen der russischen Architektur, säulenschwere Melangen, irgendwo anzusiedeln zwischen Theatern und Palästen. Das ist in Krasnojarsk nicht anders als in Irkutsk.

Als Überraschungseffekt in Nowosibirsk kommt hinzu, dass ein Teil einer Durchgangshalle als Art Botanischer Garten aufgemacht ist. Draußen Temperaturen um 20 Grad unter Null, drinnen steht man vor Kübeln mit übermannshohen Palmgewächsen.

Sibiriens legendäre Kälte schreckt die Jüngste der Zarengoldler nicht: Patricia Schüler, 21, Studentin in Hamburg und auf Einladung ihrer Großeltern dabei. In Lappland hat sie einen ähnlichen Megafrost erlebt. Die größte Sorge der Hobbyfotografin gilt ihrem Vorhaben in der Mongolei: Wird es ihr nachts fern von Lichtkontamination glücken, die Milchstraße aufs Bild zu bannen? Dafür hat sie sich extra zwei lichtstarke Objektive besorgt.

Lesen Sie auch: Bahnfahren in MadagaskarAuch Marianne Riedel, 68, einstige Verwaltungsangestellte aus Berlin, blickt erwartungsvoll auf die Mongolei. Dort in einer Jurte zu übernachten, einem Wohnzelttyp, wie ihn seit alters her die Nomaden nutzen, hat für sie den Ausschlag gegeben, die Tour anzugehen. Dabei folgt sie quasi ihren eigenen Spuren. Vor drei Jahrzehnten ist sie schon einmal im Winter in der Transsib unterwegs gewesen, hat sich mit Ausblicken auf gleißende Märchenlandschaften der Taiga durchruckeln lassen und die fesselnde Monotonie der Eiswildnis in sich eingesaugt. Bis heute ist dieses Erlebnis um Längen einsamer als die Zugfahrt im Sommer, wenn viel mehr Touristen auf Achse gehen.

Klar, dass in den frostüberzogenen Weiten die Farbe Weiß dominiert und Eisblumen an den Zugfenstern wachsen statt Rhododendren und Trollblumen in der Natur. Klar ist auch, dass sich Reisende niemals so sehr wie im Winter die Frage stellen: Wie können es Menschen in Sibirien dauerhaft aushalten? Eine Antwort lautet: Wahrscheinlich nur, weil sie Arbeit haben. In Raffinerien und Holzbetrieben, der Rüstungsindustrie, im Eisenbahnwesen, im Bergbau. Doch das ist vor allem die Perspektive des auswärtigen Besuchers.

Frage an Tatjana Schuganzewa, eine ehemalige Bankfilialleiterin, die in der Nähe von Irkutsk zusammen mit Mann Sergei und Sohn Denis Gäste im eigenen Haus bewirtet: Empfindet sie das Leben mit den langen, harten Wintern nicht als bedrückend? Man erntet erstaunte Blicke. Tatjana liebt diese Kälte. Die 59-Jährige mag das Knirschen des Schnees unter den Sohlen, die Wintersonne. Und die kurzen, intensiven Sommer sowieso. "Dann ist hier das Paradies", sagt sie. "Sibirien ist mein Leben. Sibirien bedeutet für mich Freiheit." Sie spricht von der "Weite der Seele", als wäre es ein Spiegel der Landschaft.

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