Wirtschaftsglosse Depression, Rezession, Untergang - wir urlauben uns alle zu Tode

Was gäbe es schöneres? Manchmal ist der Urlaub allerdings auch eine gewisse Plackerei

Was gäbe es schöneres? Manchmal ist der Urlaub allerdings auch eine gewisse Plackerei

Foto: Jens B¸ttner/ picture alliance / dpa

Aus gegebenen Anlass eine wirklich ernsthafte Mahnung. Heute beginnen in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland der Republik, die großen Sommerferien. Damit fällt der Startschuss für die heißersehnten schönsten Wochen des Jahres: Endlich Urlaub. Süße Tage seligen Nichts-Tuns, kein Druck, null Stress.

Aber seien Sie gewarnt: Urlaub ist gefährlich, extrem gefährlich sogar. Er verdirbt die Laune, nimmt jegliche Motivation. Er schadet nicht nur der Gesundheit sondern dem gesamten Wohlergehen. Und das sowohl jedem einzelnen persönlich als auch der Gesellschaft und Wirtschaft insgesamt.

Glauben Sie mir, ich habe es gerade am eigenen Leib erfahren. Durch Umstände, die an dieser Stelle nicht näher erläutert werden sollen, kam ich zwischen 14. Mai und 3. Juli dieses Jahres in den zweifelhaften Genuss von sieben Wochen Freizeit. Klar, das klingt auf den ersten Blick herrlich: jede Menge Zeit für Familie und Freunde, in aller Ruhe durch die Bretagne wandern, in Mailand Kunst, Kultur und Kommerz frönen, den 85. Geburtstag des 400 Kilometer entfernt lebenden Herrn Papa mitten in der Woche feiern, Kirschen pflücken, im Garten liegen, dem Enkel Schwimmen beibringen im Pool an der Cote d'Azur. Was für ein herrliches Leben!

Aber das dicke Ende kommt unweigerlich. Die Rückkehr ins normale Leben lässt sich nicht vermeiden - egal wie lange die Auszeit dauert.

Und plötzlich erscheint einem der Job sinnlos und öde, eine schreckliche Plackerei zu der man sich nur unter Aufbietung der letzten Reste von Selbstdisziplin aufraffen kann. Das spüren Sie sicher schon am qualvollen Duktus dieses Textes - jedes Wort eine gigantische Anstrengung.

Die gewöhnlichen Verrichtungen des Alltags wie Waschen, Einkaufen oder Geburtstagsgeschenke einpacken wachsen sich zu schier nicht zu bewältigenden Herkulesaufgaben aus. Für das nach Wochen der ungehemmten Völlerei und Faulenzerei dringend notwendige Sportprogramm bleibt, bei all diesen grauenhaften Zumutungen überhaupt keine Zeit. Geschweige denn für gesunde, kalorienarme Ernährung.

Hilflos fragt sich der in die Realität zurückgeworfene Urlaubsrückkehrer: Wie soll ich das alles nur schaffen? Warum soll ich das alles tun?

Es droht eine akute Depression. Jetzt ahnen Sie wohl, warum diese Volkskrankheit der Seele immer weiter um sich greift. Jawohl, genau - die Bundesbürger haben einfach viel zu viel Urlaub.

Auch für die grassierende Diabetes-Epidemie liefert diese Erkenntnis eine ebenso simple wie einleuchtende Erklärung: Zuviel Eis, Pizza, Pommes, Croissant (am liebsten Pain au Chocolat mit zusätzlich Nutella), abends Cocktails und danach zu viel Rosé oder Bier. 8-Gang-Menüs im Sternetempel mit Weinbegleitung haben übrigens exakt die gleiche Wirkung.

Hautkrebs durch die für den Büromolch ungewohnte Sonneneinstrahlung. Rückenbeschwerden nach ausgiebigem Chillen im Liegestuhl oder wahlweise zu heftiger Sporttätigkeit (Tennis-Turnier, Fußball mit den Kids, ehrgeizige Mountainbike-Touren ohne Training). Die negativen Konsequenzen der Ferienzeit für die Volksgesundheit sind enorm. Ohne Urlaub wären die horrenden Gesundheitskosten im Lande sicher nur halb so hoch.

Noch viel schlimmer allerdings wirkt sich der Urlaub auf die Wirtschaftskraft aus. Wissenschaftliche Studien besagen, dass allerhöchstens 10 Prozent der Bundesbürger wirklich engagiert an ihre Arbeit gehen. Wer dieses demotiviert dahin gewürgte Elaborat bis hierhin gelesen hat, kennt schon die Ursache für diese die Wachstumskraft der Unternehmen dezimierende Erscheinung.

Nicht der Brexit, die turbulenten Weltmärkte, der Technologiedruck aus dem Silicon Valley treiben die deutsche Ökonomie an den Rand des Abgrundes - es ist der Urlaub.

Ein Hoffnungsschimmer indes ist am Horizont zu erkennen und das ausgerechnet durch eine Umfrage der Gewerkschaften: Immerhin ein Teil der deutschen Arbeitnehmer hat die Gefahren der Freizeit für Leib und Leben sowie für die Volkswirtschaft erkannt. Ein Drittel der heimischen Werktätigen nimmt vernünftigerweise nicht alle freien Tage sondern lässt den Urlaub einfach verfallen - zum eigenen Nutzen und zum Frommen der Firmen.

Bleibt mir nur noch, Ihnen einen schönen Urlaub zu wünschen. Sie wissen ja jetzt, was Sie davon haben.

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