Donnerstag, 14. November 2019

Mit dem Käfer Cabrio durchs Rheingau Zu Gast bei den Stars der Weinszene

Rheingau: Zu Gast bei den Stars der Weinszene
René Supper / Sehnsucht Deutschland

2. Teil: Einer muss es ja tun: Spätburgunder-Probe bei Ress

15.03 Uhr: Würtz und Freunde in Hattenheim

Eine halbe Stunde später erreichen wir den kleinen Weinort Hattenheim, hinter Eltville und noch vor Oestrich und Winkel. Auf der einen Seite der Rhein und die Straße, mittendurch die Bahn, pittoresk nur in der Mitte. Über einen schlaglochgesäumten Feldweg rumpelt der Käfer zum Weingut Balthasar Ress. Da wollen wir Dirk Würtz (46) treffen, eine der schillerndsten Figuren im deutschen Wein, im Rheingau ohnehin.

Er ist ein Anpacker, eine echte Type und hat das einst schwächelnde Weingut seit 2009 erfolgreich auf links gedreht, behutsam und mit Umsicht. Unkräuter würdigt er als Wildkräuter, verzichtet teilweise komplett auf Herbizide, weil der Weinberg ein gesunder Mikrokosmos sein soll. Ziel ist es, komplett auf ökologischen Weinbau umzustellen. Viel Handarbeit und Überzeugung gehören dazu, denn wenn Würtz Aussaattage unter Berücksichtigung der Kraft des Mondes bestimmt, halten das nicht wenige für esoterischen Quatsch.

Weinpapst Robert Parker jedoch, der den Rheingau viele Jahre lang als eines der langweiligsten der 13 deutschen Weinanbaugebiete gesehen hat, sieht - "Ress sei Dank" - im Rheingau eine sehr vielversprechende Entwicklung.

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Und mit seinem Würtz-Blog ist er ein Social-Media-Star der Weinszene. Wir haben angerufen, ihn nicht erreicht, jetzt parken wir neben seinem alten VW-Bulli. Ein gutes Zeichen.

Denn er ist da. Ein großer Kerl mit breitem Lachen, einem Händedruck wie ein Schraubstock und der angeborenen Gastfreundschaft des Winzers. Er arbeitet. Sagt er. Das heißt, er probiert gerade die neuen Spätburgunder von Balthasar Ress - irgendeiner muss den Job ja machen-, den billigen ab rund 10 Euro, den mittelbilligen und den nicht ganz so billigen, und stellt uns Gläser vor die Nase. Wilhelm Weil, ein alter Freund, Nachbar und ein Grandseigneur des deutschen Weins, probiert ein wenig mit. Man kennt, schätzt und mag sich.

20 Gläser standen schon auf dem Tisch, bald sind es doppelt so viele, denn wir sollen alles verkosten, worauf das Gespräch gerade so kommt: Orange ist ein maischevergorener Weißwein, den man sich vorab erklären lassen sollte. Dann Sölring von der Nordseeinsel Sylt ("Die ersten Jahre haben die Touristen die Trauben weggefuttert, mit Zaun haben wir das erste Mal gelesen.") und als ich noch überlege, wann ich das letzte Mal deutschen Sekt trank, ("Da kann man Champagner doch vergessen."), fliegt auch schon der Korken durch die Luft.

So macht man Freude. Weil muss weg. Würtz, dem gebürtigen Rheinhessen, ist das Rheingau eine Herzensangelegenheit. "Folgt mir, ich zeig euch was." Schon trotten wir über kleinste Wirtschaftswege durch die Weinlagen. Oben hält Würtz an, springt auf die Ladefläche seines Pick-up-Trucks, streckt die mächtige Winzerhand aus und zieht uns einzeln hoch.

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